Nicht Realismus, sondern Realität

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Theaterkunst kann den neoliberalen Verführungen, wie der kurze Blick auf Arbeiten wie die von Sellars, des Théâtre du Soleil, von Thomas Ostermeier zeigte, widerstehen. Die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wurde für über ein Jahrzehnt zu dem wohl bedeutendsten Theater der westlichen Welt mit Inszenierungen, die engagiert-kritisch von gesellschaftlichen Verhältnissen, den „social structures“ und „historically contingent forces“ sprechen, die wesentlich Verhalten der Individuen prägen. Ich nenne hier nur die Arbeit Frank Castorfs. Seine großen Produktionen waren/sind der für mich spannendste Ansatz radikal kritischer Kunst in einer historischen Situation, in der nach der kläglichen Implosion des Realsozialismus für lange Zeit eine grundsätzliche Alternative nicht mehr sichtbar ist, vielleicht für Jahre eine realistische wohl nicht einmal gedacht werden kann. „Eine solidarische Gesellschaft ist der irre, unerfüllte Traum. Eine solidarische Gemeinschaft – ist vielleicht noch möglich“, überlegte Castorf 1996 zum Zusammenschluss Jugendlicher in extrem rechten, faschistoiden Gruppen. Es sei „die Zuflucht gegen eine Gesellschaft, die liberal Moral als Herrschaftsmittel einsetzt: zur Ghettoisierung durch scheinbare Pflege von Tabus, die sie selber ja auch dauernd bricht, freilich viel raffinierter. Die Vorschläge dieser Gesellschaft, und das ist das Heuchlerische dieses Liberalismus, sind unfair; sie gelten nur für die, die es packen.“ Die DDR, wie immer man „über dieses Gebilde denken mag“, hatte einen „Verbindungsfaden zur Utopie“; sie „nährte die Hoffnung aufs gelobte Land und war in diesem Sinne urkommunistisch, auch urchristlich. Es gab eine Denkschicht außerhalb dieses Gattungsinteresses, nur den morgigen Tag zu überleben. Jetzt aber dominieren nur noch unmittelbare Verwertungsinteressen.“ Sendungsbedürfnis sei ihm fremd, er möchte diesen Schwebezustand zwischen Ja und Nein. „Theater sozusagen als Spezialfall freier Arbeit. Das Abbild, das aus solcher Tätigkeit entspringt, ist etwas, was auch immer potentiell eine anarchoide Färbung hat. […] Der Spaß, den ein paar Leute und ich uns mit dem Theater machen – der war immer völlig unabhängig von den Erwartungshaltungen dieses Gesellschaftsapparates; der war genauso antikapitalistisch wie antikommunistisch; wir praktizierten eine Freiheit, die gegen Vereinnahmung und ideologische Aussagen gerichtet war.“ Glückliche Arbeit sei prinzipiell das Politische daran, „ein alter, marxistischer, vielleicht auch anarchistischer Gedanke“.36

Szene aus „Nach Moskau! Nach Moskau“ in der Regie von Frank Castorf. Vorn im Bild Bernhard Schütz als Ossip. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin 2010. Foto Thomas Aurin
Szene aus „Nach Moskau! Nach Moskau“ in der Regie von Frank Castorf. Vorn im Bild Bernhard Schütz als Ossip. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin 2010. Foto Thomas Aurin

In dieser „glücklichen Arbeit“ entstehen farcenhafte, jahrmarktsbudenlärmende Collagen, die die fragmentierten und schwer durchschaubaren Verhältnisse der heutigen Welt distanziert, ironisch-zweiflerisch-kühl und zugleich mit bedrängender Wucht erscheinen lassen, die sich dadamäßig dem Beschauer brutal aufdrängen bis zum Heraustreten von Darstellern aus den gespielten fiktiven Geschichten/Rollen, die Bedeutungen der fiktiven Geschehnisse für außerkünstlerische Realitäten kommentieren und/oder ihre eigene Haltung zu diesen mitteilen. Castorf 1996: „Übersichtlichkeit ist niederschmetternd. Weil es Lüge ist. Deshalb bin ich mißtrauisch gegenüber tradierten narrativen Strukturen, gegenüber den Klarheiten in einer Geschichte. Deshalb nehme ich sehr rasch Schraubenzieher und Trennsäge. Aber wir bleiben ja beim Zertrümmern nicht stehen. Da wird auch wieder etwas zusammengesetzt, etwas aufgebaut, in Beziehung und in neue Konstruktion, gebracht. Es entsteht plötzlich ein völlig anderer, negierender, irritierender Zustand.“37

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