Die Komplexität der Welt

Herausforderungen in den freien darstellenden Künsten für Kinder und Jugendliche von Anne Schneider, in Zusammenarbeit mit Eckhard Mittelstädt

von und

Die Welt um uns herum gestaltet sich selten eindeutig, logisch und simpel. Sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche sind mit dieser mal schmerzhaften, mal großartigen Herausforderung konfrontiert. Die Darstellenden Künste sind dabei ein wunderbarer Möglichkeitsraum, dieser komplexen Gemengelage zu begegnen, sie erlebbar zu machen und zur Auseinandersetzung mit ihr einzuladen.

Wir haben mit verschiedenen Akteur_innen gesprochen, die dieses Spielfeld für alle Generationen ausloten und dabei kritisch die zugewiesenen Funktionen der Darstellenden Kunst für Kinder und Jugendliche hinterfragen. Es galt herauszufinden, ob und inwiefern sich die Formen der künstlerischen Annäherung je nach ,Zielgruppe‘ verändern, welche gegenwärtigen Ansätze innovative und vielversprechende Aspekte der Darstellenden Künste für Kinder und Jugendliche sichtbar machen und ob sich in diesem Bereich konkrete Leerstellen benennen lassen, wenn man im Vergleich Inszenierungen für Erwachsene betrachtet.

Eine entscheidende Fragestellung war die Qualität und Form des Arbeitsprozesses, der von den Erwachsenen für Kinder und mit den Kindern gestaltet wird. Dabei kristallisiert sich der Blick der Erwachsenen auf die junge Zielgruppe bezüglich dieses Prozesses als erkenntnisversprechendes Element heraus. Kai Fischer macht deutlich, dass es in der Arbeit der AZUBIS oft darum gehe, die eigene Einstellung zu überprüfen. Auch Sara Ostertag beschreibt unter Bezug auf die Kunstvermittlerin Carmen Mörsch die oftmals bevormundende Einschränkung von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene. „Im Rahmen der documenta 12 wurden einige Kunstwerke ausgestellt, die pornografische Elemente enthielten. Zunächst sollte der Zugang für bestimmte Altersgruppen zensiert werden, um junge Kunstinteressierte nicht zu verstören. Carmen Mörsch entwickelte mit Kolleginnen jedoch einen eigenen, sehr speziellen Ansatz: Gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen bastelte sie Masken und Waffen (in ihrer Erscheinung Genitalien ähnelnd) und begann auf diese Weise ausgestattet die Erkundung der Ausstellung. Bei Kunstwerken, die Unbehagen auslösten, zückten die Kids ihre Waffen und brüllten ihre Wut, ihre Unsicherheit und Überforderung dem Werk entgegen. Auf diesem Weg war nicht nur ein Ventil gefunden worden, hatte eine Ermächtigung stattgefunden, sondern gleichzeitig zeigte sich etwas für die Erwachsenen sehr Interessantes: Die Gruppen der jungen Rezipient_innen schrien an ganz anderen Stellen als erwartet und blieben bei anderen, der Zensur quasi schon unterworfenen Ausstellungsteilen, still“, sagt Sara Ostertag.

Kai Fischer bestätigt dieses Phänomen. In vorbereitenden Workshops zu der Klassenzimmer-Inszenierung „Das Böse“ musste er lernen, dass die hier befragten Kinder sehr konkrete, aber von seinen Erwartungen abweichende Vorstellungen von DEM Bösen hatten.

Zuschauende als Darstellende

Eine andere Facette, die sich für den künstlerischen Prozess nutzbar machen lässt, von Erwachsenen aber laut Kai Fischer ebenfalls oftmals unterschätzt wird, ist die Tatsache, dass junge Menschen als Zuschauer_innen betrachtet werden können, die in einer alltäglichen, mehr oder weniger durchschauten Lebenswirklichkeit selbst als Darstellende aufzutreten gewohnt sind.1 Die AZUBIS würden in ihren Arbeiten auf diese Voraussetzungen versuchen zu reagieren, indem sie nicht nur das Prinzip der Selbstdarstellung und der Bereitschaft zur Teilhabe und Gestaltung aufgriffen, sondern auch die Formen der Kommunikation, den geübten Umgang mit schnell aufeinanderfolgenden, oftmals sich zu Collagen zusammenfügenden Informationen, für die eigene Arbeit nutzbar machten. So gewannen sie 2016 den 1. Preis einer Kinderjury für ihre temporeiche Inszenierung „Vom Schatten und vom Licht“ mit folgender Begründung: „Ein hautnahes, intensives Theatererlebnis der besonderen Art entsteht: Der Alltagsort Klassenzimmer verwandelt sich von einem Ort des Lernens in einen Ort des Spiels. Die Arbeit zeigt auf exemplarische Weise, wie sich theatrales Vor-Spiel und partizipatives Mit-Spiel auf kongeniale Weise verbinden lassen, so dass sich die Wirkung der beiden Formen im Zuschauererlebnis beflügeln und potenzieren.“2

Die beiden oben beschriebenen Phänomene basieren auf verschiedenen, von unseren Gesprächspartner_innen benannten Problemen:
Die Sicht der (lehrenden, ausbildenden) Erwachsenen auf ihre Zöglinge und die damit einhergehende Perspektive und Erwartungshaltung hinsichtlich ihrer Rezeptionsfähigkeiten scheint weit von der Realität entfernt. Das Verständnis von „Kunst als Zubringer“ (Sara Ostertag) beherrsche vielerorts die Annahme davon, was gutes Theater (nicht Darstellende Kunst!) für Kinder und Jugendliche zu sein hat. Aus Sorge vor Überforderung, anschließenden ausufernden Diskussionen mit Schüler_innen und Eltern und mit Blick auf den Lehrplan würden Lehrer_innen immer noch klassische Stoffe, im klassischen Sinne inszeniert, bevorzugen und „viel zu wenig gutes Theater kennen“ (Kai Fischer). Holger Bergmann beschreibt die Problematik hinsichtlich der eingehenden Anträge wie folgt: „Ich gewinne den Eindruck, dass das Vormachen beim Kinder- und Jugendtheater überwiegt und es als positiver Aspekt betrachtet wird, den Kindern und Jugendlichen die Welt zu erklären.“ Er stellt fest, dass Fragen nach Machtverhältnissen und Hierarchien viel zu selten in den Fokus des Entstehungsprozesses genommen werden.

Das Potenzial von Begegnung und Konfrontation

Diese anscheinend weit verbreitete Voraussetzung führt zu verschiedenen Einschränkungen in Bezug auf Inszenierungen für Kinder und Jugendliche, denen es zu begegnen gilt.

Zum einen ist im Vorfeld Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Themen und Inhalte notwendig, was sich in den meisten Fällen nur über partnerschaftliche Beziehungen mit Schulen realisieren lässt. Die Berührungsängste vonseiten der Erwachsenen müssen abgebaut und das immense Potenzial intensiver Begegnungen und auch Konfrontationen aufgezeigt werden. Kai Fischer weiß beispielsweise von sehr eindrücklichen Szenen eines vorbereitenden Workshops. Die Kinder machten deutlich, zu welcher Offenheit und Direktheit sie bereit waren und an welches Diskursniveau das Produktionsteam durch weitere Workshops und Inszenierung anknüpfen konnte. „Mit unserer künstlerischen Arbeit können wir Themen retten, die tabuisiert sind“, so bringen es die AZUBIS für sich auf den Punkt.

Sara Ostertag beschreibt eine andere Facette: „Ich wünsche mir Raum für sinnliches Erleben und weniger starre Muster der Logik.“ Sie entwirft die Vision eines performativen Resonanz- und Möglichkeitsraums, der unabhängig vom Alter der Zuschauenden zum Einlassen einlädt und allen Verwertbarkeitsansprüchen trotzt. Diesen Aspekt der Zweckfreiheit meint auch Holger Bergmann, wenn er einen Freiraum zur ästhetischen Erfahrung reklamiert und eine für ihn bedeutsame Leerstelle benennt: „Ich habe im Bereich der darstellenden Kunst für Kinder und Jugendliche wenig gesehen, wo ein unbedingter Spaß im Fokus stand.“

Zur Möglichkeit des Erschließens von Ausdrucksformen und Ästhetiken gehört neben der Bereitschaft der betreuenden bzw. begleitenden Erwachsenen, sich auf entsprechende Inszenierungen einzulassen, auch Zeit. Zeit, die für einen Inszenierungsprozess im Dialog mit Kindern und Jugendlichen notwendig ist. „Wenn wir proben, üben wir Gesellschaft“, so Sara Ostertag. Dieses Ausprobieren braucht Raum, die Möglichkeit des Scheiterns und den Ansatz des Forschens und Experimentierens – alles Dinge, die es aufgrund der bestehenden Fördersituation viel zu selten gibt.

Die „Frage der Machtdiffusion“ (Holger Bergmann), die einen konstruktiven Entstehungsprozess begleiten kann und die Akteur_innen zu einer selbstkritischen und offenen Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Arbeit einlädt, trifft demnach zusätzlich sowohl auf finanzielle als auch bildungspolitische Herausforderungen, denen es zu begegnen gilt.

Das Credo unserer Gespräche muss deshalb lauten: Laden wir ein, die Uneindeutigkeit der Welt zu feiern! Muten wir Kindern und Jugendlichen komplexe Fragestellungen zu. Erobern wir uns mit ihrer Hilfe unsere Sinnlichkeit zurück!

1 Vgl. Patrik Primavesi, Jan Deck (Hg.): Stop Teaching! Neue Theaterformen mit Kindern und Jugendlichen, Bielefeld 2014, S. 16.

2 www.dieazubis.de/index.php/Schatten-Licht.html

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