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Zur Lage des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland (Editorial)

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Die Kultur, in der ihr Menschen lebt, ist euch nicht angeboren“, sagt der Theatermacher Martin Baltscheit. „Angeboren ist euch nur die Fähigkeit zur Kultur. Aber kein Buch ist gut, nur weil es ein Buch ist. Kein Schauspiel sehenswert, nur weil es aufgeführt wird, und keine Rede klasse, bloß weil einer einen irren Hut auf dem Kopf hat. Kultur muss die Kunst in sich tragen, ein Leben zum Guten zu verändern. Die Kunst macht aus einer Löwin eine Inspiration, aus einem Satz einen Beschützer, aus Musik einen Trost, aus einem Fehler eine Idee und aus einem Geburtstag einen Anfang.“ Anlass dieser die Relevanz Darstellender Künste so trefflich beschreibenden Sätze war das vierzigjährige Jubiläum des Jungen Schauspiel Düsseldorf. Auch in Leipzig wurde gefeiert: siebzig Jahre Theater der Jungen Welt. Und auch fünfzig Jahre ASSITEJ zeigen, das Kinder- und Jugendtheater ist in die Jahre gekommen. Es ist also an der Zeit zu fragen: Wer sind wir? Und wie viele? Wer macht mit, wer guckt zu, wer fördert? Was wird gespielt, in welchen Räumen, mit welchen Mitteln?

Eine empirische Studie dient der Selbstvergewisserung, quantitativ und qualitativ, mit dem Ziel, über die Lage des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland zu berichten – nicht mehr und nicht weniger. Es geht um die Akteure und Aktivitäten, um Prozesse und Publika, um Formate und Finanzierung.

Die Basis ist eine Bestandsaufnahme, die Bedeutung erlangt durch eine Bewertung von Anspruch und Wirklichkeit. Theater für junges Publikum sei nah dran und mittendrin – an und in der Zielgruppe. Es sei mobil unterwegs und flächendeckend verbreitet. Kindertheater sei zeitgenössisch, Jugendtheater zeitkritisch. Neben der Pflege eines dramatischen Repertoires und interdisziplinärer Produktionen seien es vor allem die partizipativen Projekte, die das Kinder- und Jugendtheater zur Avantgarde innerhalb der Darstellenden Künste machen.

Die Ergebnisse gilt es zu diskutieren und die alles entscheidende Frage ist dabei: Wird das Recht des Kindes auf freie Teilnahme und volle Beteiligung am kulturellen und künstlerischen Leben verwirklicht, wie eine Konvention der Vereinten Nationen die Vertragsstaaten in Artikel 31 verpflichtet und die durch die Bereitstellung geeigneter und gleicher Möglichkeiten zu gewährleisten ist? Das ist eine jugendpolitische Vorgabe, die Konsequenz in der Theaterlandschaft ist eine kulturpolitische.

Was bleibt, was ändert sich, was muss anders werden? Denn Kinder- und Jugendtheater ist nicht selbstverständlich, wie die immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen um die Kulturförderung als sogenannte freiwillige kommunale Aufgabe, die Kürzungen wegen klammer öffentlicher Kassen und die Verteilungskämpfe zwischen institutionalisierten und freien Theatern zeigen.

Die ASSITEJ positioniert sich auch in ihrem Jahrbuch 2018 als Lobby, fundiert mit wahren Fakten, um für die Experten der theatralen Kunst und kulturellen Bildung bessere Rahmenbedingungen zu erstreiten.

„Bei den Besucherzahlen ist im Kinder- und Jugendtheater ein Anstieg um rund 5 Prozent von 2.842.130 Besuchern auf 2.981.236 zu vermelden“, heißt es in der Pressemitteilung des Deutschen Bühnenvereins zur Theaterstatistik 2015/2016. „Rund 14.400 Vorstellungen bundesweit haben die öffentlich getragenen Kinder- und Jugendtheater gestemmt, und das mit nur rund 550 Mitarbeiter_innen bundesweit insgesamt (künstlerisches und nicht-künstlerisches Personal inkl. Figurentheater).“ Der Direktor der vereinigten Stadt- und Staatstheater, Marc Grandmontagne, kommentiert dies so: „Die Arbeit der Häuser ist kulturpolitisch hoch wertzuschätzen. Oft arbeiten Kinder- und Jugendtheater finanziell und personell am Limit. Sie leisten im Kontext der Stadtgesellschaft wirklich Großes. Ich nenne hier nur Herausforderungen wie die wachsende Diversität in den Städten oder den Ausfall von Musik- und Kunstunterricht in den Schulen. All das lässt die Arbeit der Häuser nicht unberührt.“

Wenn wir die Zahlen mit den Ergebnissen der ASSITEJ-Studie hochrechnen, so erreichen die Kinder- und Jugendtheater in Deutschland mehr als 10 Millionen Besuche pro Spielzeit. Da dies auch die Anzahl der Kinder bis 14 Jahren – laut Statistischem Bundesamt – ist, heißt das: noch nicht einmal ein Theaterbesuch pro Kind pro Jahr! Und wir wollen kinderfreundlich sein, ein einzig Theaterland, eine Bildungsrepublik? Da ist noch reichlich Luft nach oben, da muss noch was getan werden, da bedarf es noch weiterer Investitionen – und auch das wird in der ASSITEJ-Studie zutage gefördert:

• Kinder- und Jugendtheater brauchen eine angemessene finanzielle Ausstattung!
• Theater, insbesondere freie und mobile, brauchen mehr Konzeptions- und Infrastrukturförderung!
• Theater für alle braucht mehr Gastspielförderung!
• Die Theaterensembles für junges Publikum brauchen mehr Schauspieler_innen, die Theaterprojekte mit jungem Publikum brauchen mehr Dramaturg_innen!
• Kinder- und Jugendtheater brauchen den Ausbau als zentrale öffentliche Kulturorte!

Was ansonsten wichtig war, darüber machen sich weitere Akteur_ innen der Theaterpraxis Gedanken. Denn ein Jahrbuch soll Einblicke gewähren und Ausblicke wagen, über den Dauerbrenner Theater und Schule, über die Arbeitsbedingungen der Theatermachenden, über die Gegenstände, die auf der Bühne verhandelt werden.

Ein ganzes Jahr gilt es nicht nur zu diskutieren, sondern zudem zu dokumentieren, die Veröffentlichungen, die Veranstaltungen, dieses Mal auch die Verlagsarbeiten. Sowie die Preise, Festivals und Premieren. Und das Ganze nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Liechtenstein. Lesen Sie selbst!

Noch einmal spricht Martin Baltscheit. Er fühle Erleichterung bei jeder neuen Erkenntnis: „Die Erde ist keine Scheibe. Alles Leben ist miteinander verwandt und Geschichten von Gott erzählen nichts von Gott, sondern nur von den Menschen, die ihn erfunden haben. Wer schreibt, der bleibt! Und wer liest, gießt die Wurzeln seines Verstandes. Und da ist noch eine Erkenntnis: Kein neugeborenes Tier, nicht einmal die Sorte Menschenaffen, die ihr seid, wäre imstande, alleine zu überleben. Ohne Bildung, Erziehung, liebende Wärme und die Vermittlung der über Jahrtausende gemachten Erfahrungen und Erfindungen könntet ihr nicht mehr als Brüllen und Zähne zeigen.“

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