Zwischen Orient und Okzident

Geschichte des georgischen Theaters

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Wer Georgien – das Land, das zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer liegt – auch nur einmal betreten hat, wird seinen Eindruck über das Land und über die dort lebenden Menschen knapp in drei Worten fassen: herrlich, gastfreundlich, theatralisch. Die künstlerische Natur der Menschen prägt die Mentalität dieses Volkes, das die Welt schon seit Jahrhunderten mit polyphonem Gesang, bezauberndem Tanz und Theatervorstellungen begeistert. Letztere haben ihre Wurzeln bereits in der Frühgeschichte Georgiens. Wie archäologische Grabungen vermuten lassen, enthielten die heidnischen Rituale in dieser Region stets Elemente des Theaters. Ein in Trialeti ausgegrabener silberner Becher aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. zeigt eine mysteriöse Wanderung von Menschen in Masken als Teilnehmer eines solchen Rituals. Prokopios von Caesarea, der spätantike griechische Historiker des 6. Jahrhunderts n. Chr., berichtete, dass es in der kolchischen Stadt Apsarunt ein Theater gegeben habe. Auch in der Felsenstadt Uplisziche (ca. 6. Jh. v. Chr.) sind die Ruinen eines Amphitheaters erhalten geblieben.

In der Antike wurde die kulturelle Entwicklung Georgiens mit Sicherheit stark von den Griechen beeinflusst. Im Mittelalter ist das Maskentheater Sachioba bzw. Berikaoba als eine Art des Volkstheaters zu finden – die Volksvorstellungen in den Palästen der Könige und Fürsten sowie auf den Marktplätzen sorgten mit ihren Stücken dafür, dass die Meinung des Volkes zum Ausdruck kommen konnte, und halfen, das Volk in Zeiten äußerer Bedrohungen zu stärken.

Das erste georgische Theater – in dem meistens aus dem Französischen übersetzte Stücke aufgeführt wurden – wurde 1791 am Hof von König Erekle II. gegründet. Es wurde 1795 während der Eroberungszüge des persischen Schahs Aga Mohammed Khan zerstört. In der zaristischen Zeit, Mitte des 19. Jahrhunderts, hatte sich in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, ein europäisch orientiertes Leben etabliert. Das Zarenhaus bemühte sich um die Verbreitung der russischen Sprache in allen Provinzen und so wurde 1845 in Tiflis ein russisches Theater eröffnet und einige Jahre später ein Opernhaus, in dem auch Fjodor Schaljapin, ein berühmter russischer Opernsänger, gastierte.

Die Existenz des ersten georgischen Nationaltheaters ist Giorgi Eristavi zu verdanken, einem in Russland ausgebildeten und darüber hinaus auch in Polen tätigen Schriftsteller, der 1842 nach Georgien zurückkehrte und 1850 in Tiflis ein professionelles georgischsprachiges Schauspielhaus gründete. Giorgi Eristavi gehörte zu der ersten Generation georgischer Dramatiker – sein Debütstück Der Verrückte, eine Komödie, schrieb er 1839. Mit der Gründung des professionellen Theaters entstand in Georgien eine neue Theaterszene – es versammelte sich eine ganze Palette von Künstlern aus der Theaterwelt: Schauspieler, Regisseure, Masken- und Bühnenbildner. Gleichzeitig erfuhr das georgische Theater eine Internationalisierung, indem hier neben georgischen auch Werke berühmter europäischer Dramatiker wie William Shakespeare übersetzt und auf die Bühne gestellt wurden.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts trat die erste Generation professioneller Regisseure auf die Bühne. Die Geschichte des georgischen Theaters in dieser Zeit ist mit drei Personen verbunden: Kote Mardschanischwili, Sandro Achmeteli (Theater) und Nikolos Schengelaia (Film), deren Ästhetik eine besondere Epoche in diesem Kulturbereich begründete und die Entwicklung von Theater und Film in Georgien bis heute stark prägt.

Das 20. Jahrhundert

Die georgische Literatur unter der Sowjetregierung zeichnet sich durch eine starke Thematisierung politischer Inhalte aus, die von der Zensur scharf beobachtet und streng kontrolliert wurde. Trotzdem gelang es einigen Künstlern, durch geschickt verpackte Satire in scheinbar harmlosen Komödien Kritik am sowjetischen Regime und an der Absurdität des sowjetischen Systems zu üben. Nach den gnadenlosen Säuberungen ab 1937, als die halbe Elite der georgischen Kulturszene deportiert und umgebracht wurde, mussten die georgischen Künstler eine Strategie entwickeln, um überhaupt weiter künstlerisch tätig zu sein. Ein auf den ersten Blick harmloses Märchen- oder Fabelformat in der Literatur, aber auch in Spiel- und Dokumentarfilmen ermöglichte es einigen, trotz des regime- und gesellschaftskritischen Charakters ihrer Werke, großen Erfolg und Respekt in der UdSSR zu genießen: Schalwa Eristawi, Polikarpe Kakabadse, Robert Sturua, Eldar Schengelaia, Tengis Abuladse, Otar Iosseliani, Lana Gogoberidse, Reso Gabriadse. Ein Repräsentant der spätsowjetischen Generation ist der Schriftsteller und Dramatiker Lascha Tabukaschwili, den wir in unserer Anthologie mit zwei Stücken vorstellen. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts vollführte er den Drahtseilakt, neue Themen, einen eigenen Stil und eine eigene Ästhetik in seinen Stücken zu verarbeiten, mit dem Ziel, die Weltsicht der Sowjetmenschen zu verändern.

Nach den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist in Georgien eine neue Generation von Dramatikern herangewachsen, die zwar nicht mehr mit einem autoritären Regime zu kämpfen hatte, dafür aber in einer Zeit etlicher Kriege, ökonomischer Krisen und politischer Auseinandersetzungen, in der fast ganz Georgien in Depression verharrte, um Orientierung zu ringen hatte. Diese neue Generation hat den Weg in die moderne Welt beschritten und es vermocht, eine Brücke zwischen der georgischen und der europäischen Kultur zu bauen.

Während Nino Haratischwili ihre Ausbildung in Deutschland genießen, sich hier mit ihrer vielseitigen künstlerischen Begabung und ihrem ungeheuren Engagement zu einer der erfolgreichsten Dramatikerinnen entwickeln und einen eigenen Platz in der Vielfalt der europäischen Dramatik finden konnte, versuchten die in Georgien tätigen Autorinnen und Autoren durch internationale Netzwerke auf die europäische Bühne zu treten. Zu den erfolgreichsten Dramatikern der neuen Generation Georgiens gehören die in unsere Anthologie aufgenommenen Autoren Lascha Bugadse und Bassa Dschanikaschwili. Durch ihre Teilnahme an verschiedenen europäischen Workshops, Seminaren, Festivals und Gastspielen ist es ihnen gelungen, internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung zu gewinnen.

Die Brücke zwischen der georgischen und der europäischen Kultur wird mittlerweile in beide Richtungen überquert. 2007 initiierte Dr. Christian Papke den Dramenwettbewerb „Über Grenzen sprechen“1, der vom Österreichischen Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres und dem österreichischen P.E.N.-Club getragen wird und zum Ziel hat, die Literatur des Westbalkans, des Donau- und Schwarzmeerraums dem deutschsprachigen Publikum näherzubringen. Nach Wettbewerben in Mazedonien, Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Bulgarien, Rumänien und der Ukraine fand der Wettbewerb 2014 in Georgien statt. Drei georgische Dramatiker wurden ausgezeichnet: Den 1. Preis teilten sich Bassa Dschanikaschwili (für Angry Bird) und Data Tavadse (für War Mother), den 3. Preis erhielt Lascha Bugadse (für 26. Mai). Der Gewinn des Wettbewerbs ermöglicht es den Teilnehmern, ihre Stücke auf europäischen Bühnen auf Deutsch (ur-)aufführen zu lassen.

Eine andere Perspektive der internationalen Zusammenarbeit wurde seitens Georgiens ergriffen, als 2009 von der Kulturabteilung des Rathauses von Tiflis das International Tbilisi Festival of Theatre ins Leben gerufen wurde. Das jährlich stattfindende Festival ermöglicht es der georgischen Theaterszene, sich mit Kulturschaffenden aus anderen europäischen Ländern auszutauschen – eine einzigartige Gelegenheit für das georgische Publikum, die Weltkultur vor Ort kennenzulernen und zu genießen.

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