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Über die Dörfer

Zwischen Bildungsauftrag, Verwertbarkeit und künstlerischem Anspruch: Die Landesbühnen bringen Theater fernab der Metropolen in die Fläche

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Anfang der 1980er Jahre wurde ich als frisch gebackener Regieassistent am Theater Bielefeld erstmals mit dem Phänomen „Abstecher“ konfrontiert. „Der Barbier von Sevilla“ sollte im benachbarten Minden aufgeführt werden, eine Drehscheibeninszenierung. Der Bühnenmeister sagte mir, dass es dort keine Drehscheibe gebe und der Aufbau auch nicht auf fahrbare Wagen gestellt werden könne. Ich solle mir also überlegen, welche Position des Bühnenbildes ich für den ganzen Abend bevorzuge. Der Abend ging mehr schlecht als recht über die Bühne. Jahre später – ich war inzwischen Oberspielleiter am Landestheater Coburg – sollte meine Inszenierung von Verdis „Otello“ in die Stadthalle Bayreuth abstechen. Auch dort gab es keine Drehscheibe – aber ich brachte die Erfahrung aus Bielefeld mit und entschied mich für eine Grundposition. In der Stadthalle angekommen, fand ich zu meinem Entsetzen am rechten Portal einen gewaltigen Weihnachtsbaum. Ob der dort bleibe, fragte ich irritiert. In tiefstem Fränkisch wurde mir versichert, dass der Weihnachtsbaum im Dezember dort immer stehe. Mein vorwitziger Assistent meinte, man könne ja zum „Ave Maria“ von Desdemona die elektrischen Kerzen anknipsen. Dank Verdi und eines engagierten Ensembles vergaß man den unliebsamen Fremdkörper rasch, und das Gastspiel feierte doch noch einen leidlichen Erfolg.


Zahlreiche solcher Episoden fallen einem ein, wenn man über Abstecher spricht. Nun sind die Theater in Bielefeld und Coburg keine Wanderbühnen, sie geraten selten in solche Spielsituationen. Wie aber ist es, wenn Theatergastspiele zum Arbeitsalltag gehören, wenn man mit Sack und Pack, mit Mann und Maus seinen Spielplan in die Fläche transportiert? Künstlerisch kann das doch kaum befriedigend sein: Desdemona unterm Weihnachtsbaum.

Der Ruf der Landesbühnen in der Branche war lange nicht der beste. Dieses Paralleluniversum, das fern der Stadt- und Staatstheater irgendwo im Niemandsland tourt, lange Busfahrten, dürftige Spielstätten und improvisierte Bühnenbilder in Kauf nimmt, konnte einem nur suspekt sein. Striese auf der Landstraße, Schmiere in Utzbach. Und irgendwie doch unentbehrlich für das von der Politik eingeforderte dezentrale Kulturangebot.

Aus der Schmuddelecke sind die Landesbühnen längst heraus, ihr Selbstverständnis hat sich gewandelt. Es sind moderne Theaterunternehmen mit qualifizierten Ensembles, konturenreichen Spielplänen und ambitionierten Inszenierungen. Theaterverständnis und ästhetische Ansätze werden den Gastspielbedingungen nicht bedingungslos untergeordnet, sondern am Gastspielort offensiv behauptet. Die Herausforderung allerdings bleibt, die Qualität einer Inszenierung nach anstrengender Busfahrt und an ungewohnter Spielstätte vor fremdem Publikum punktgenau abzurufen.

Natürlich sind die 24 Landesbühnen ebenso heterogen wie die deutsche Theaterlandschaft insgesamt, künstlerisch und strukturell. Es gibt Mehrspartenhäuser mit bis zu 300 Beschäftigten und kleine, feine Schauspielbühnen mit knapp 30 Angestellten. Die Etats reichen von unter einer Million bis über 20 Millionen Euro. Manche Landesbühnen haben am Produktionsort keine adäquate Bühne, andere wiederum verfügen über attraktive Spielstätten; in Neuss und Memmingen entstanden 2000 bzw. 2010 neue Theatergebäude. Gastieren einige Landesbühnen deutschlandweit und im benachbarten Ausland, beschränken sich andere hauptsächlich auf ihr regionales Spielgebiet.

Die meisten Landesbühnen verfügen über eine breite Trägerschaft, zu der neben den Sitzgemeinden Länder, Landkreise und Mitgliedsgemeinden gehören. Dass die Finanzierung auf mehrere Schultern verteilt ist, sieht auf den ersten Blick nach einem Vorteil aus. Doch wie fragil solche Modelle sein können, zeigt sich, wenn ein Partner seine Zuwendungen kürzt oder ganz aus dem Verbund aussteigt. Rasch wird eine Kettenreaktion ausgelöst, die eine Bühne in Schieflage bringt, wie jüngst in Radebeul (siehe S. 18) und aktuell in Eisleben. Ganz labil ist das Gefüge für das Schleswig-Holsteinische Landestheater geworden: Nachdem 2011 die Spielstätte in Schleswig aus baulichen Gründen geschlossen werden musste, steht die Theater-GmbH vor einer Zerreißprobe und das Landestheater auf der Roten Liste des Deutschen Kulturrates.

Die Finanzierung der Landesbühnen ist das eine, die Finanzsituation der Städte und Gemeinden, die Gastspiele buchen, ist das andere. Die schwindende Finanzkraft der Kommunen führte in den letzten Jahren unweigerlich dazu, dass die Etats der sogenannten Bespieltheater stark zusammengestrichen wurden. Der Gastspielmarkt ist seitdem noch härter umkämpft, als er es ohnehin schon war.

Rund 400 Städte und Gemeinden sind Mitglied der Inthega, der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen e. V. Im Rahmen der Halbjahrestagungen der Inthega finden sogenannte Theatermärkte statt, die ihren Mitgliedern und den Theateranbietern Möglichkeiten für Kontakt- und Buchungsgespräche einräumen.

Für jeden neuen Intendanten einer Landesbühne löst die Visite dieses Theatermarkts eine erste, heftige Sinnkrise aus. Zwischen Tingeltangel, Showact, Comedy, semiprofessionellem Entertainment zu Dumpingpreisen und traditionsreichen Tourneetheatern bieten die Landesbühnen tapfer ihre Spielpläne feil. Kunst wird hier zur schnöden Ware, um die manchmal schamlos gefeilscht wird. Desillusionierend. Gleichzeitig bietet diese Verkaufsbörse auch Gelegenheit für lehrreiche neue Bekanntschaften und inhaltlichen Austausch. Man bekommt die Angst der Veranstalter vor leeren Stuhlreihen, unzufriedenen Zuschauern, sinkenden Abonnementzahlen und rigorosen Kämmerern zu spüren. Bei kargen Kulturbudgets fällt es den Gastspiel-Käufern zunehmend schwer, ein deutliches Profil für ihre Bespieltheater zu entwickeln. Die Vorstellungszahlen werden reduziert, Aboreihen gestrichen, das Besucherinteresse schwindet. Eine fatale Abwärtsspirale. Wo der Finanzdruck groß ist, fehlt der Mut, ungewöhnliche Titel und Theaterformen vorzustellen.

In den Programmen der Landesbühnen finden sich zahlreiche Stücke des klassischen Repertoires, Stoffe des Zentralabiturs und manch populärer Titel. Das ist nicht anrüchig. Auf die Bedürfnisse der jeweiligen Gastspielpartner einzugehen, spricht ja – marktkonform ausgedrückt – für eine konsequente „Kundenorientierung“ der Landesbühnen, überlebensnotwendig in finanzieller Hinsicht. Dass sich die Wanderbühnen nicht ausschließlich der wirtschaftlichen Verwertbarkeit und dem breiten Publikumsgeschmack unterwerfen, lässt sich am hohen Stellenwert zeitgenössischer Literatur und sperriger Werke in den Spielplänen ablesen, ebenso am umfangreichen Spielplanangebot für Kinder und Jugendliche, mit dem die Landesbühnen in den Regionen einen beachtlichen Beitrag zur ästhetischen Bildung leisten.

Profil und Selbstbewusstsein der Landesbühnen kann erleben, wer deren 1981 ins Leben gerufenes Festival besucht, das alle zwei Jahre an wechselnden Standorten in Deutschland stattfindet, 2015 vom 15. bis 29. März in Radebeul. Es ist eine Leistungsschau mit durchaus auch appellativem Charakter in Richtung Politik: Kommunen und Länder sollten bereit sein zu einer strategischen Partnerschaft für die Kultur in der Fläche, einer Partnerschaft, bei der den Landesbühnen eine wichtige Rolle zufällt. Von den Subventionen der Landesbühnen partizipieren die Kommunen und Veranstalter, die diese buchen.

Die heute bestehenden 24 deutschen Landesbühnen fahren jährlich insgesamt mehr als 900 Orte an und erreichen mit ihren Vorstellungen weit über zwei Millionen Zuschauer. Abzuwarten bleibt, welche Auswirkungen der Bevölkerungsschwund in ländlichen Regionen auf den Aktionsradius der Landesbühnen haben wird, und das nicht nur in den neuen Bundesländern. Dass die Landesbühnen auf widrige Gegebenheiten und Veränderungen mit Wachheit und Kreativität reagieren, haben sie in der Vergangenheit oft bewiesen. Diese Theaterspezies ist zäh. Trotz oder wegen Desdemona unterm Weihnachtsbaum.

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