Protagonisten

Die Wirklichkeitsfabrik

Der chinesische Künstler und Architekt Ai Weiwei will die Welt verändern

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2011 erfuhr Ai Weiwei am Abflugschalter auf dem Pekinger Flughafen, dass seine Abreise die nationale Sicherheit gefährde und ihm deshalb der Reisepass abgenommen würde. Seitdem darf der momentan angesagteste Künstler Chinas nicht mehr das Land verlassen. Die Bilder von seiner Verhaftung und seinem Hausarrest gingen um die Welt. Bis heute wird er vom Geheimdienst in China rund um die Uhr überwacht. Obwohl die Wirtschaft boomt und der politische Einfluss zunimmt, hängt China in Fragen der Menschenrechte gnadenlos hinterher. „In China gibt es keine Tradition, was persönliche Freiheiten betrifft“, schreibt Ai Weiwei in seinem Internetblog. „Wir Chinesen erleben gerade ein Zeitalter der Dunkelheit. Nur wer Meinungsfreiheit hat, kann Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen.“ Er bescheinigt dem Land eine schwere Vertrauenskrise, viele Chinesen verließen das Land. „Niemand will etwas in die Zukunft investieren.“ Nichts sei aus der Vergangenheit geerbt worden: „Kein Land. Kein Besitz. Kein Geld. Jeder bewegt sich hin und her. Es gibt keine Nachbarschaften. Niemand spricht mit den Leuten nebenan.“

Wo anderthalb Jahre eine Ewigkeit bedeuten, wo alles vorwärtsgeht, will keiner mehr zurückblicken und Rücksicht nehmen. Es hat etwas Bedrohliches, wenn wir in den fernen Osten blicken und nur blinkende Wirtschaftsmärkte erkennen, die in null Komma nichts entstanden sind und jetzt den gesamten Globus in Turbogeschwindigkeit umzubauen beginnen. Das ist ein Vormarsch, der für jedermann unübersehbar ist, merkwürdigerweise aber von vielen immer noch verdrängt wird, als gelte es zu vergessen, dass auch der Westen einmal verführt war und alles hinter sich lassen wollte. Chinas Weltrangposition bedrängt den Rest der Welt. Deshalb wird alles, was den Folgen und Hintergründen dieser Entwicklung nachgehen möchte, als Geheimnis behandelt und wenn es schlimm kommt, aus dem Weg geräumt. Die Kunst von Ai Weiwei handelt davon.

Bis die Behörden 2009 seinen Blog löschten, stellte Ai Weiwei einen nicht enden wollenden Fluss an Kommunikation im Internet her. Das meiste, was wir über sein Leben und seine provozierenden Aktionen wissen, erfahren wir über Interviews und fast 100 000 Handybilder, die er unaufhörlich in seinen Twittereinträgen postet. 

Er zeichnet alles auf: was in seinem Studio passiert, zu Hause mit seiner Familie, unterwegs im Taxi. Tausendfach stellt er seine Handyfotos ins Netz und kommentiert sie.



Obsessiv glaubt er an die modernen digitalen Technologien, weil sie seiner Meinung nach Menschen die Kraft verleihen, sich aus den alten Werten und autoritären Systemen zu befreien. „In meinen Augen wird die Kunst keine allzu große oder überhaupt keine Zukunft haben, wenn es ihr nicht gelingt, sich mit den heutigen Lebensstilen und Technologien zu verbinden“, sagte er im Gespräch mit Hans Ulrich Obrist, dem Kodirektor der Serpentine Gallery in London. Für Ai Weiwei ist Fotografieren deshalb ein Lebensbedürfnis. Es wurde im Verlauf der Jahre zu einem Teil seiner eigenen Person. Nur selten sieht man ihn ohne seine Kamera, sie ist immer griffbereit, überall. Selbst seinen Aufenthalt im Krankenhaus in München 2009 dokumentierte er, als ihm ein Blutgerinnsel im Gehirn entfernt werden musste, das infolge eines Polizeieinsatzes in Sichuan in China entstanden war. Ohne zu fotografieren scheint sich die Zeit zu schnell zu verbrauchen. Mithilfe der Kamera will er sie deshalb einfangen und seine Vorstellungen vom ganzheitlichen Zusammenhang fixieren. Nach chinesischen Idealen zu handeln, bedeutet ihm immerzu Teil seiner Umgebung zu sein, nicht nur der alles umfließenden Natur, auch der vom Menschen gemachten: „Man ist immer ein Teil davon, man steckt bewusst oder unbewusst immer mittendrin und versucht, irgendeine Form von Beziehung dazu aufzubauen.“


Der chinesische Traum


So wie vor ihm schon Beuys, Warhol und Schleef ihr eigenes Leben und das unmittelbare Umfeld in ihr Werk einbauten und damit wegweisende Strategien für die Wahrnehmung ihrer Arbeit entwarfen, geht es Ai Weiwei darum, mit allem, was er zu Kunst macht, sein Umfeld in Besitz zu nehmen. Wie es aussieht, will er nicht ausschließlich konzeptionell denken, sondern praktisch handeln mit dem Ziel, „sein Bewusstsein anderen zugutekommen zu lassen“. Diesem ideellen Materialismus nach gehören wir alle zu einer, wie er es beschreibt, produktiven Wirklichkeit, was für ihn bedeutet, „dass wir eine andere Wirklichkeit erzeugen müssen“. Schaut man sein Gesamtwerk an, meint man eine riesige Wirklichkeitsfabrik vor Augen zu haben. Vielleicht ist es für viele irritierend, wie unbeirrt er vorgeht, sich alles zutraut, wenn er Ideen und Vorstellungen umsetzen möchte. Er baut sein Atelierhaus selbst auf, entwirft zusammen mit dem Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron das Olympiastadion in Peking und gründete sein eigenes Architekturbüro FAKE Design. Ai Weiwei nimmt die Möglichkeiten, die sich ihm bieten, einfach in Anspruch und sorgt mit ganzer Energie dafür, sie zu verwirklichen:

„Das ist das, was der Mensch kann, und das ist wunderbar: Man kann die eigene Situation, den eigenen Zustand verändern.“ Von der Idee, die Welt zu verbessern, wird er angetrieben.

„Der ‚chinesische Traum‘ heißt für mich, wie wir eine Gesellschaft schaffen, die grundlegende Rechte schützt, damit sich jeder sicher fühlt.“

Das klingt nach politischem Manifest, was Ai Weiwei in letzter Zeit auch des Öfteren vorgeworfen wurde. Aber wie privat Kunst ist und wie politisch das eigene Verhalten, wird nicht auf dem Kunstmarkt entschieden. „Wenn Künstler das soziale Gewissen und die Grundprinzipien des Menschseins verraten, wo steht die Kunst dann?“, fragt er zu Recht.

Der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp beschreibt, wie Bilder wirken. Und er kommt zu dem Schluss, dass sie vielleicht doch noch eine ganz andere Aufgabe haben, nämlich das Verbotene zu tun, indem sie ethisch wirken. Was früher als Politkitsch abgetan wurde, werde heute mit großem Ernst und tiefer Beeindruckung wahrgenommen, schlussfolgert Bredekamp.

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