Kolumne

Ich ohne mich

Thikwa-Regisseur Gerd Hartmann erhält den höchsten russischen Theaterpreis

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André hat nicht vergessen, was sein Regisseur und Trainer Gerd Hartmann einmal zu ihm gesagt hat: Irgendwann würden sie sich gemeinsam auf der Bühne zeigen. André Nittel sitzt im Rollstuhl, er kann nicht sprechen, aber E-Mails schreiben, mit einem Picker auf der Stirn, den er auf die Tastatur senkt. Wann, lieber Gerd, wann endlich? Und so brachte er es fertig, dass sein Regisseur nach 15 Jahren Abstinenz wieder selbst auftrat, in „Verflucht das Herz – Shakespeares Sonette“ im Berliner Theater Thikwa. Dieser Auftritt, von links aus der Tiefe des Raums, gehört zu den atemberaubendsten Momenten, die man zurzeit im Theater erleben kann. Es ist ein Auftritt auf Rädern, im Rollstuhl, Gerd unten, André oben, beide weiß gekleidet und mit stoischem Gesichtsausdruck. In den langsamen Bewegungen von Armen und Beinen führt mal der eine, mal der andere. So wird aus dem Spiel der Führung auch ein Spiel der Verführung.

Als Gerd uns erzählte, dass er mit seiner Moskauer Inszenierung „Entfernte Nähe“ für die Goldene Maske nominiert sei, den höchsten russischen Theaterpreis, waren wir ganz, ganz lustig, Fotograf David Baltzer und ich, und haben gesagt: Den kriegst du jetzt eh nicht, wo es mit Putin und dem Westen nicht so recht hinhaut, lass uns lieber die Nominierung feiern, lass uns gleich darauf anstoßen.

Bei der Gala im Bolschoi-Theater aber stellt sich dann schnell heraus, dass die Künstler dem patriotischen Rausch, dem die russische Gesellschaft seit der Krim-Annexion verfallen ist, nüchtern ins Auge blicken. Dass sie nicht besoffen und lallend geworden sind, sondern das russische Theater tief verflochten sehen mit dem europäischen. Darum stehen immer wieder Westmenschen auf der Bühne, Lobende und Gelobte. Die Verleihung der Goldenen Maske folgt dem Vorbild der Oscar-Verleihung, Preise in nicht weniger als 34 Kategorien, immer vom Besten zum Besten. Darunter fällt auch die Kategorie Innovation.

Und?, frag ich David, als ich ihn am Abend der Abende in den Sophiensælen treffe. Hast du schon eine SMS von Gerd bekommen?

Nee, läuft ja noch.

The winner is – tja, da hat Gerd, der ab jetzt GoldenGerd heißen muss, die Arme hochgerissen und ist aufgesprungen. Die Dankesworte hat er in Lautschrift auf Russisch aufgesetzt, aber schnell kapiert, dass ihn weder das Publikum noch er sich selbst versteht. Also weiter auf Englisch. The biggest moment in my life, wird er später zu mir sagen, als hätte er immer noch seinen Zettel in der Hand.

Anderntags kommt eine E-Mail aus Moskau, dazu ein Foto von der Goldenen Maske auf einer silbernen Kommode im Hotel. Und ein Foto von ihm und seinem Koregisseur Andrej Afonin. Welcher von den siebzig Fotografen es gemacht hat, ist jetzt nicht wichtig.

„Entfernte Nähe“, eingefädelt vom Goethe-Institut, ist die erste Aufführung in einem russischen Staatstheater, im Zentrum für Dramaturgie und Regie in Moskau, in der behinderte und nichtbehinderte Performer mitwirken. Aber was heißt schon behindert in der Theaterwelt, in der wir leben. Ausgehend von Psychotexten, die sie aus dem Internet zusammengeklaubt haben, Blogs, Gedichte, Kürzestmärchen, entfaltet sich ruhig ein beunruhigender Abend mit tänzerischem, auch kampftänzerischem Drive. Zumeist geht es um Innen und Außen, um System und Peripherie, noch dazu um Psychosen, die diese Spannung hervorruft. Jemand sagt, dass er deswegen in eine Parallelwelt flüchten müsse; jemand anderes: Das Zimmer ist eine dumme Skizze, die „Ich ohne mich“ heißt.

Mehrmals war GoldenGerd, als er noch nicht GoldenGerd hieß, mit Thikwa in Moskau zu Gast, und er hat auch den einen oder anderen Workshop dort gegeben. Einmal setzte er ihnen den großartigen Thikwa-Performer Peter Pankow als Trainer vor. Wie jetzt? Soll uns jetzt ein Behinderter etwas beibringen? Ein Ditja?, ein Kind, wie die Russen sagen. Am Ende war die Skepsis verflogen. Peter hatte ihnen wirklich etwas beigebracht.

Leider war ich in Moskau nicht dabei. Aber ich stelle mir vor, dass GoldenGerd minutenlang außer sich war, quasi ich ohne mich, wo, wenn nicht im Bolschoi. Seine Inszenierung kann man auf YouTube anschauen. Man sieht einen Akkordeonspieler, der nur so tut, als spiele und singe er. Bloß der Blasebalg seines Instruments ist zu hören. Man sieht eine Gruppe, deren Begeisterung immer wieder einfriert. Aber das Herz schlägt weiter, verlässlich, ob vergöttert, ob verflucht. //

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