Look Out

Durchs Gehirn gefegt

Das brodelnde Spiel der Schauspielerin Seyneb Saleh springt die Zuschauer unmittelbar an

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In der Kantine des Grazer Schauspielhauses sitzen wir direkt unter einem Foto, das Seyneb Saleh in „Waisen“ zeigt. Das Dreipersonendrama des Briten Dennis Kelly um Liebe und Verrat (Regie Lina Hölscher) war eine ihrer liebsten Arbeiten bisher, sagt Saleh. So wie sie von der Intensität dieser Inszenierung erzählt, bekommt man sofort den Eindruck, etwas verpasst zu haben, weil man den Abend nicht gesehen hat. Ein örtlicher Kritiker schwärmte: „Bei Seyneb Saleh brodelt es unter dem Engelsgesicht.“ Gut, das mit dem Engelsgesicht ist Ansichtssache. In diesem tatsächlich sehr reinen, fein gezeichneten Gesicht funkeln zwei dunkle Augen, vielleicht nicht diabolisch, aber doch recht engelsungleich. Dass den Zuschauer in Salehs Spiel ein emotionales Brodeln recht unmittelbar anspringt, glaubt man allerdings sofort.

Seit zwei Jahren ist sie jetzt in Graz engagiert, denkbar fern von Berlin, wo Seyneb Saleh an der Universität der Künste studierte. Überhaupt Schauspielerin zu werden, war für die 26-Jährige alles andere als naheliegend. Sie ist Halbirakerin, vom Vater muslimisch erzogen. „Dass ich mich als Frau hinstelle und anschauen lasse, verträgt sich überhaupt nicht mit seinem Weltbild.“ Bis heute komme ihr Vater kaum zu Vorstellungen. Aber an Widerstand wächst man. „Weil ich immer wieder mit dem Wertesystem meines Vaters konfrontiert bin, muss ich auch mein eigenes ständig hinterfragen und bekräftigen.“ So ist Seyneb Saleh eine sehr bewusste Schauspielerin geworden. Und doch hat man stets das Gefühl, sie spiele aus dem Bauch heraus, inneren Impulsen folgend.

In „Niemandsland“ von Yael Ronen ist sie Leyla, Tochter einer im Jugoslawienkrieg nach Österreich geflohenen Bosnierin. Leyla will für ein halbes Jahr nach Palästina gehen, um das Land und das Leben besser kennenzulernen – sehr zum Missfallen der Mutter, die nicht versteht, dass sich jemand freiwillig in ein Krisengebiet begibt. Salehs Leyla setzt dem eine Mischung aus unbekümmerter Abenteuerlust und sehr ernsthafter Neugier entgegen. Salehs eigenes Abenteuer zur Selbstfindung war die Schauspielerei: „Bei uns zu Hause wurde wenig miteinander geredet. Daher hatte ich große Probleme, mich auszudrücken. Das Theater hat mir fremde Geschichten gegeben, um mich darin selbst aufzuspüren.“ Inzwischen ist zu dieser sehr persönlichen Motivation ein Bewusstsein für die gesellschaftliche Aufgabe von Theater gekommen: „Man versucht auf der Bühne ja auch immer, einen Gedankengang durchzudeklinieren, in der Hoffnung, dass man den Leuten so einmal durchs Gehirn fegt.“ Wenn Seyneb Saleh auf der Bühne steht, weht einen ein besonders erfrischender Wind an.

In Peter Handkes „Immer noch Sturm“ (Regie Michael Simon) spielt sie die Mutter des erzählenden Autor-Alter-Egos. Während deren Familie von Kärntner Slowenen im Zweiten Weltkrieg mehr oder minder offen gegen die Nationalsozialisten opponiert, lässt sie sich mit einem deutschen Soldaten ein. Eine fragwürdige Affäre. Saleh gelingt es, eine junge Frau zu zeigen, die ihren ganz eigenen Widerstandskampf kämpft: gegen die engen ländlichen Verhältnisse, denen sie zu entfliehen versucht. Die zweifelhafte Liaison wird so zur Nebensache, in den Vordergrund rückt die sehr verständliche Sehnsucht der Figur.

Auch Seyneb Saleh zieht es auf absehbare Zeit wieder fort aus Graz. So sehr sie das Schauspielhaus schätzt, die Stadt ist ihr ein Stück weit fremd geblieben. Nicht alle hier begegnen ihr vorurteilsfrei. Ob das an den migrantischen Wurzeln liegt, die man ihr ansieht, oder an der deutschen Herkunft, die man ihr anhört? Womöglich spielt beides zusammen. Seyneb Saleh selbst sagt: „Seit ich hier in Graz bin, nehme ich mich stärker denn je als Deutsche wahr.“ Wieder einmal hat sie sich selbst ein Stück besser kennengelernt.

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