Festivals

Die Hurentherapie

Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg rückt Sexarbeit ins Zentrum und schafft damit Räume zur Selbstpräsentation

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Eine Frau lehnt von außen am geöffneten Fenster eines dunklen Mercedes, man sieht nur ihre langen Beine, die in roten Overknee-Stiefeln verschwinden …

Das Bild ist eindeutig – und es ist nicht das des Kindermädchens, das den Maxi-Cosi auf dem Rücksitz einer Familienkutsche zurechtruckelt. Obwohl beide, Nanny wie Prostituierte, mit ihren beruflichen Tätigkeiten im Dienstleistungsgewerbe gar nicht so weit voneinander entfernt sind, ist es nicht diejenige, deren Ware schlichtweg Sex ist, die gesellschaftlich akzeptiert wird – sondern die andere, die den Prototyp der reinen und wahren Liebe verkauft: die der Mutter zu ihrem Kind.

Pinke Bettwäsche auf oller Matratze, schmutzige Wände. Das Blattgrün neben dem Nachttisch hat auch schon bessere Tage gesehen. „Zu Hause ist’s schöner“, stellt die Performerin fest. Für den Kunden sieht es so aus, als befände sich Liad Hussein Kantorowicz in einem zwar trostlosen, aber doch immerhin in einem Zimmer. Dabei streichelt sie ihre Brüste auf offener Bühne. Zwischendurch bekommt sie Regieanweisungen: „Ein bisschen weiter links“, „Vorsicht, man sieht das Mikro.“ Während sie sich auf den Hintern klatscht oder ihr Dekolleté befächert, schaut nicht nur das Publikum vom Bühnenrand aus zu, sondern auch eine unbestimmte Anzahl von Männern, die, anonym, am anderen Ende der Webcam sitzen, in die sie sich hineinräkelt.

„Watch me work“ ist beides, Performance und Arbeitsalltag. Während sie sich drapiert, erzählt Liad Kantorowicz dem Zuschauer, was der über ihre Arbeit bei einem israelischen Erotikchat-Anbieter wissen will. „Dieser Job ist nicht gerade stressig“, sagt sie – und tatsächlich, nach einer Weile stellt sich doch eine routinierte Gleichförmigkeit ein: sexy räkelnd warten, bis ein Kunde endlich den Chatroom betritt, dann ein bisschen Dirty Talk per Chat und schließlich die exklusive Live-Performance: sich langsam ausziehen und die Brüste etwas heftiger kneten. Dann: anziehen und auf den Nächsten warten. Das gleiche Spiel. Dem Mann das Gefühl zu vermitteln, dass er sie kennenlerne – um ihn so lange wie möglich, hüstel, bei der Stange zu halten, sei das einzige Ziel, denn Zeit ist Geld, für beide Seiten, und hier zählt jede Sekunde. Wenn das nicht gut klappt, also meistens, sind die Konversationen umstandslos und von eher geringer Komplexität. Kunde: „Hüüüüübsch, mein Schwanz fühlt sich gleich besser.“ Liad: „Hallo Süßer.“ Kunde: „Zieh dich aus!“ – und weg ist er. Was dann bleibt, ist LL Cool J, der aus den Lautsprechern rappt, stellvertretend für diejenigen, mit deren Illusionen Liad so lustvoll spielt: „Aiyyo baby I know you don’t love me, I know why you’re here“. Titel des Songs: „Six minutes of pleasure“. Sechs Minuten, schön wär’s.

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