Thema: Oper und Performance

Berlin in sieben Tracks

Matthew Herberts „Recording“ in der Deutschen Oper Berlin zeigt, dass Musik auch heute noch mehr sein kann als bloßer Konsum

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Track one. Prolog. U2 Richtung Deutsche Oper. Mit wahnwitziger Geschwindigkeit geht es dahin. Eisen schleift auf Eisen, Fenster vibrieren, fünfhundert Meter, fünfzig Meter, ein Kreischen und wir stehen. Vor dem Steakhouse, das auch mit Tabledance wirbt, pöbelt ein Autofahrer laut mit der Hupe. Ein Mann fragt schüchtern nach Münzgeld und hätte doch mehr als das gebraucht. Dennoch raus aus der Stadt, rein in die Oper, Tür zu – und adieu? Ja, denkste, denn gerade die Stadt will diesmal nicht fehlen.

Track two. Määäp. Määäääp. Auf der Videoleinwand ist ein Parkhaus zu sehen, darin ein Auto, darin ein Mann, der wie wild seine Autohupe malträtiert. Es quäkt und quakt, der Mann mit dem Mikro vor ihm nickt. Ein kurzer Ausschnitt nur – dann wieder bizarre Stille. Weit hinten auf der riesigen Bühne in der Tischlerei stehen ein paar Instrumente, ein Flügel, ein Schlagzeug, aber niemand spielt. Stattdessen frickeln ein paar Typen versunken an ihren Laptops herum. Hin und wieder fiept es. Oder eine Assistentin in Turnschuhen quietscht vorbei. Begleitet vom leisen Brutzeln, das aus Richtung einer provisorischen Küche erklingt. Die Typen mit ihren Laptops, mit ihrer Küche und ihrer Köchin, ihren Aufnahmegeräten und Synthesizern, ihren Nähmaschinen und Flipflops sind das, was Intendant Dietmar Schwarz Oper nennt. Sie alle „wohnen“ hier, für eine Woche, sieben Tage, in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin: der britische Musikproduzent und Elektrokomponist Matthew Herbert mit seiner Band und seinem Team. Jeden Nachmittag ab 16.30 Uhr sind die Türen offen für Gäste. Mit ihnen soll hier eine Platte entstehen, mit und vor ihnen wird komponiert. Zu diesem Zweck wurde die Tischlerei zu einem gigantischen Tonstudio umgebaut. Doch trotz der Technik zählt dabei vor allem eins: Die Sounds, die für die Komposition verwendet werden, gehören erst einmal generiert. Keine Drum Machines, keine rein am Computer entwickelten Samples. Die Verwendung bereits existierender Sounds, so besagt es der P.C.C.O.M. – der Personal Contract for the Composition of Music von Matthew Herbert –, ist strengstens verboten.

Track three: Im Ein-Euro-Shop unweit der Oper wird es zunehmend voll. Leute streunen durch die Gänge, greifen nach Gummienten, Töpfen, Pfeifen, Salzstreuern, Bürsten, Rasseln, drücken, schütteln, pusten, klopfen, zupfen, schlagen. „The Recording“ – so heißt diese verrückte Woche – lebt von diesem offenen Format. Immer wieder geht es raus, mit Aufnahmegerät und diversen Aufgaben; an einem Tag haben Zuschauer ihre Hunde dabei, an einem anderen ein Instrument oder ihre Großeltern. Die Klänge, die so gesammelt werden, fließen gesampelt in die täglichen Recordings ein. An sieben Abenden spielt Herberts Band, sieben Tracks wird die CD später haben. „Heute möchte ich, dass ihr Geld ausgebt“, hatte Matthew Herbert am „Found Sound Day“ gesagt. „Jeder bekommt einen Euro. Bringt etwas mit, das man aufnehmen kann.“ Plastik, Nippes, Müll – Herbert ist besessen davon: von der Vorstellung, dass das Leben, die Welt, das Netz voll ist von diesem Zeug. Dinge in Überfülle, die alle kreischen: Kauf mich! Und das gelte auch für die Musik. „Welchen Wert hat Musik noch in unserer Plastikwelt?“ 

75 Prozent der Musik auf iTunes werde nie runtergeladen. Vieles sei Gedudel, Lärm. „Ich frage mich: Was ist der Unterschied zwischen Musik und Wasserski fahren?“

Track four: Menschenstimmen. Ein Knattern. Dann eine Explosion. Vor ein paar Jahren bekam Matthew Herbert eine Aufnahme zugespielt. Der amerikanische Kriegsfotograf Sebastian Meyer hatte sie geschickt: aufgenommen am 11. März 2011 in Libyen – fünf Sekunden Sound, fünf Sekunden Krieg. „The End Of Silence“ heißt die Platte, die allein aus diesen fünf Sekunden verdichtetem Schrecken entstanden ist. Kann Musik noch politisch sein? Herbert und seine Musiker Yann Seznec, Tom Skinner, Sam Beste und Hugh Jones wollen diese Frage nicht verloren geben. Für „One Pig“ begleiteten sie ein Schwein von der Geburt bis zum Verzehr, um per Aufnahme einzufangen, was uns Tiefkühlfleischbratern längst abhanden gekommen ist: der Kontakt zu dem Lebewesen – und damit zum Leben selbst. „In der Fleischabteilung des Supermarktes verschwinden die Blutspuren nicht ganz“, schreibt der spanische Autor Rafael Chirbes in seinem Roman „Am Ufer“. „Aber wir bemühen uns, die Zeichen nicht zu entziffern, damit der zerlegte Kadaver uns nicht unheimlich wird; wir stecken ja auch gut weg, was im Fernsehen gezeigt wird, diese Kerle, die auf einer staubigen Straße herumliegen, alle viere von sich gestreckt, Palmen im Hintergrund.“ Das sei der Grund für ihn, Musik zu machen, sagt Herbert. Nicht das Feelgood der Fahrstuhlmusik. Sondern die Momente, wo die Welt falsch läuft. Heraus kommen dabei Kompositionen, die – anders als man von dem auch als DJ arbeitenden Musiker erwartet hätte – nichts Tanzbares mehr haben. Es sind fein ziselierte Soundcollagen, die oftmals von großer Stille geprägt sind.

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