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Auftritt

München: Kreisen um die leere Mitte

Kammerspiele: „Das schweigende Mädchen“ (UA) von Elfriede Jelinek. Regie Johan Simons, Bühne Muriel Gerstner, Kostüme Klaus Bruns

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Ja, es gibt tatsächlich einen Richter in der Münchner Uraufführung von Elfriede Jelineks NSU-Drama: Der Schauspieler Thomas Schmauser in entsprechender Robe ruft die Prozessbeteiligten auf. Nach Zeugen, Anwälten und Angeklagten hält man jedoch vergebens Ausschau. Und daher: Nein, ein herkömmliches Gerichtsdrama hat die österreichische Nobelpreisträgerin natürlich nicht geschrieben. Aber gut, dass Elfriede Jelinek Rollenspiele zwischen Richterstuhl, Zeugenstand und Anklagebank ausformulieren würde, war wohl auch nicht zu erwarten gewesen. Ebenso wenig, dass sie mit dem NSU kurzen Prozess machen würde. Über 220 Seiten umfasst dieses Textflächendrama, der von der Autorin gewohnte sprechanfallartige Fließtext. Johann Simons und sein Dramaturg Tobias Staab haben eine Zweistundenfassung herausdestilliert und die verbleibende Textmasse auf acht Schauspieler verteilt.

Es beginnt mit einem Prolog: Der Schauspieler Stefan Hunstein schleppt eine mit dem bedeutungsschweren Wort „Heimaterde“ etikettierte Holzkiste auf die Bühne und echauffiert sich über die vielen, „die nichts hören, nichts sehen, aber alles wissen“ wollten. Leider redet er sich darüber dermaßen in Rage, dass einem auch als Zuschauer Hören und Sehen vergeht. Hinterher weiß man daher nicht bloß nicht alles, sondern rein gar nichts mehr von dem, was da an einem vorübergerauscht ist.

Anschließend kehrt Ruhe nach dem Sprachsturm ein. Verhaltener als gewohnt entfacht Jelinek ihre Wortwirbel, und auch die Ensemblekollegen, die Hunstein abgelöst und nebeneinander aufgereiht an Lesepulten dicht vorne an der Rampe Platz genommen haben, gehen ihre Sache deutlich langsamer an. Man könnte es auch langatmig nennen. In ihrem Rücken zieren Papphütten die Bühne – vergrößerte Brettspielhäuschen aus dem perversen „Pogromly“-Spiel, jener zynischen Monopoly-Abart also, die sich das NSU-Trio ausgedacht hat und bei der man Straßen und Städte judenfrei machen muss. Doch das Bühnenbild von Muriel Gerstner wird nicht bespielt, es bleibt lediglich Hintergrunddeko. Johann Simons hat sich voll und ganz auf die Sprachspiele Elfriede Jelineks eingelassen. Ein Fehler – zumindest bei diesem Stück. Jelineks Kunst besteht ja darin, dass sie Worte und Phrasen so lange auf deren Sinn und Unsinn abklopft, bis sich dabei im besten Fall ein höherer Sinn einstellt. In „Das schweigende Mädchen“ jedoch landet sie nach ihren Textschleifen regelmäßig auf Gemeinplätzen, wie etwa dem, dass die Polizei auf dem rechten Auge blind sei. Was sich mit Blick auf die Ermittlungen rund um die NSU-Mordserie zwar kaum bestreiten lässt, nur wusste man das schon vor dem Theaterbesuch.

So wäre es wohl klüger gewesen, Simons hätte Jelineks Worte stärker vom Papier gelöst, um ihnen durch die Sinnlichkeit des Spiels eine zusätzliche Dimension zu erschließen. Als vielstimmige Präsentation einer Partitur dagegen wirkt die Inszenierung wie eine Kapitulation des Theaters vor dem Text und bleibt wie das flache Line-up lesender Schauspieler in einer Stuhlreihe: ohneTiefe. Woran auch die zwölftönende Live-Kammermusik von Carl Oesterhelt nichts zu ändern vermag, die eher die Mühsal einer enormen Kunstanstrengung vermittelt als belebend zu wirken.

Eine Andeutung von Figurenspiel steckt lediglich in den Kostümen von Klaus Bruns, die darauf verweisen, dass hier, wenn schon Prozess, dann eher ein Jüngstes Gericht abgehalten wird. Wobei aber nicht nur der NSU auf der Anklagebank sitzt, sondern vor allem ein kollektives deutsches Unterbewusstsein, das sich in all den Erklärungsversuchen, Entschuldigungsreden und Entsetzensbekundungen rund um den rechtsradikalen Terror entäußert. Den Richter in der Robe flankieren madonnenhaft gewandete Gestalten (Benny Claessens, Wiebke Puls und Steven Scharf) sowie eine Jesusfigur (Risto Kübar). Gemeinsam versuchen sie, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, kreisen dabei aber um eine leere Mitte:

Beate Zschäpe ist nicht repräsentiert auf der Bühne, ähnlich wie im Gerichtssaal, wo sie sich dem Prozess durch ihre beharrliche Aussageverweigerung in gewisser Weise ebenfalls entzieht. Im von ihrem Schweigen angeheizten Reden, durch den Jelinek’schen Sprachwolf gedreht, könnte sich tatsächlich eine Wahrheit über das deutsche Unbewusste offenbaren. Jelinek jedoch befördert diesmal nur ein paar abgegriffene Weisheiten zutage. Auf Johan Simons’ missglückte Uraufführung wirkt sich das strafmindernd aus. //

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