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Abschied

Die Lust der Rebellion

Zum Tod Juri Ljubimows

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Es war um das Jahr 1974, als mich das Berliner Ensemble – Juri Ljubimow sollte dort inszenieren – damit beauftragte, den Moskauer Regisseur durch die Berliner Theaterszene zu begleiten, was ausgesprochen unterhaltend war, vor allem durch den Schrecken, den er den einheimischen Theaterleuten einjagte. Bei einer Zusammenkunft im Maxim Gorki Theater erklärte er den Kollegen, wie er mit den Moskauer Zensurinstanzen zu verhandeln pflegte, wie er ihnen die Genehmigung für ein Stück abhandelte, indem er ein anderes, brisanteres Projekt preisgab. Konfrontation, Kuhhandel und keine Spur von Verinnerlichung vorgegebener Machtverhältnisse – bestürzt, geradezu erschrocken hörten die Sowjetgläubigen ihm zu. Ljubimows Humor machte vor ihm selbst nicht halt, er erzählte, wie er in den Aufführungen des Taganka-Theaters zumeist in einer rückwärtigen Proszeniumsloge sitze, wo er den Darstellern mit einer folienbewehrten Taschenlampe signalisiere, wie die Aufführung laufe. Bei grünem Licht sei alles in Ordnung, Gelb bedeutete: Passt auf!, und wenn er Rot einlegte, wüssten die Schauspieler, es gibt eine Nachtprobe. Sie nennten ihn manchmal Jossif Wissarionowitsch.

Aus Ljubimows Berliner Inszenierung wurde nichts, aber 1978 konnte ich mir einen unmittelbaren Eindruck von seinem Theater verschaffen; ich sah sechs Aufführungen und beschrieb sie 1979 in dem Buch „Theaterbilder“. Ich sah die Gründungsinszenierung des Taganka-Theaters, den „Guten Menschen von Sezuan“, mit der Ljubimow Brecht 1963 zum Sieg geführt hatte, zunächst mit einer Studentenklasse. Der Erfolg war so durchschlagend gewesen, dass man dem Regisseur danach die Gründung eines eigenen Theaters zugestanden hatte. Es war ein tempo- und bilderreiches, dynamischrhapsodisches Spiel, mit dem er die Geschichte von Shen Te in den sowjetischen Alltag versetzt hatte. „Mit sicherem Instinkt und allen Mitteln“, schrieb ich damals, „eliminiert Ljubimow die Schwächen und forciert er die Stärken des Stücks. Das macht: er braucht Brecht. Und so begibt sich das Kuriose, daß in einer Stadt, die entlegen, aber nicht aus der Welt ist, eine Theatertruppe uns seit vierzehn Jahren vormacht, nicht wie man Brecht spielen (das muß jeder für sich selbst herausfinden), aber wie man mit ihm umgehen muß: zum eigenen Spaß, zum eigenen Nutzen. Das realistische Detail findet sich dann ganz von selbst.“

97-jährig ist Juri Ljubimow Anfang Oktober von der Bühne des Lebens abgetreten

Ich konnte „Hamlet“ sehen, auch dies eine berühmte Aufführung, mit dem raustimmigen Volkssänger Wladimir Wyssozki als einem Hamlet nicht im Frack, sondern im Pullover. Aus einem Repertoire, das Aufführungen aus 15 Jahren bereithielt, gab es eine „Tartüff“-Aufführung zu sehen, in der die Zensur in Gestalt des Königs und des Kardinals puppenhaft mitspielte. Juri Trifonows „Tausch“ handelte von Moskauer Wohnungssuchenden, Wassil Bykaus „Kreuzweg“ vom Partisanenkampf gegen die Deutschen, zwei Romandramatisierungen von radikaler Verknappung der Dekoration und höchster Intensität der Schauspielerführung. Aber vor allem „Der Meister und Margarita“, Michail Bulgakows lange verbotener Roman über das Moskau der dreißiger Jahre in einer Bühnenfassung, der die Behörden lange das Plazet verweigert hatten. Sie erteilten es schließlich zähneknirschend, aber ich erlebte, wie Polizisten vor dem Theatereingang standen und den Zuschauern den Eintritt verwehrten; im Innern winkte Ljubimow zur Geduld. David Borowski, seinem Bühnenbildner, war für dies Stück der Dekorationsetat verweigert worden; darauf behalf er sich mit Dekorationsteilen aus andern Stücken. Am Ende des langen, von tragischer Intensität durchdrungenen Abends stellten die Darsteller ein Foto des Autors auf die Bühne und umgaben es mit kleinen brennenden Kerzen.

Im Umgang mit Staatsinstanzen, die ihm immer wieder Knüppel zwischen die Beine warfen, erwies sich Ljubimow als ein unerschütterlicher Raufbold. Er verdarb es sich endgültig mit ihnen, als er ihnen 1980 das Begräbnis des früh verstorbenen Wyssozki aus der Hand nahm; Zehntausende gaben dem singenden Volkshelden das letzte Geleit. Breschnews Nachfolger Andropow schützte Ljubimow; dem Spiegel verriet er nachmals, wie er den Parteichef telefonisch erreicht habe: über eine Spezialleitung, die ihm Pjotr Kapiza, der Nestor der russischen Atomforschung, überlassen hatte. Nach Andropows Tod schlugen die Behörden sofort zu; mit der Begründung, Ljubimow habe einen Auslandsaufenthalt überzogen, ernannten sie Anatoli Efros, einen künstlerischen Antipoden, zu seinem Intendantennachfolger und sprachen Ljubimow wenig später die Staatsbürgerschaft ab. In der Tat hatte der Taganka-Chef, der Schikanen müde (hinzu kam der Einfluss einer jungen ungarischen Ehefrau), seit 1980 viel außerhalb Russlands gearbeitet; in Budapest sah ich 1982 eine von ihm inszenierte „Dreigroschenoper“, die keineswegs zündend war. War er ein Antäus, dem man den Erdboden genommen hatte? Die Oper, die ihn früh angezogen hatte (in Mailand hatte er 1975 die Uraufführung von Luigi Nonos „Al gran sole“ inszeniert), war im Westen sein bevorzugtes Regiefeld, er inszenierte in Mailand, London, Paris, Stockholm, Zürich; von 1995 bis 1998 war er Chefregisseur der Bonner Oper. Davor und danach war er wieder in Moskau tätig geworden, wo er das Taganka-Theater jeweils erneut übernahm, was nicht ohne Konflikte mit dem Ensemble abging; als ein Mittachtziger erschreckte er seine Bewunderer mit einer auch in Deutschland gezeigten „Faust“-Inszenierung. Erst 2011, er war inzwischen 94 Jahre alt, endete seine aktive Theaterarbeit.

Hat ein Regisseur jemals länger ausgehalten? Ljubimow, der im Jahr der Oktoberrevolution geboren worden war, der den Krieg von Anfang bis Ende als Soldat mitgemacht hatte und danach als Theater-, mehr noch als Filmschauspieler ins Rampenlicht trat, ist eine Jahrhundertgestalt des europäischen Theaters. In seinen besten Jahren war er der Protagonist einer Erneuerung, die auf Wsewolod Meyerholds, des lange Verfemten, Spuren ein Theater bewirkte, in dem Tempo und Pathos, der große Affekt und der geschwinde Witz eine Synthese eingingen, die „episch“ in einem andern Sinn als dem Brecht’schen war. Sie war, lustvoll und hartnäckig, von dem Widerstand gegen eine gesellschaftliche Verelendung inspiriert, die das Land von einer Sackgasse in die nächste trieb. 97-jährig ist Juri Ljubimow Anfang Oktober von der Bühne des Lebens abgetreten. //

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