Protagonisten

Das Wahre, Schräge, Gute

Das Staatstheater Mainz führt unter seinem neuen Intendanten Markus Müller die große mit der kleinen Welt eng

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Schön eigensinnig startet Mainz unter seinem neuen Intendanten Markus Müller neu. Von den drei Theatern der Region, die nach der Sommerpause mit einem neuen Oberhaupt aus den Ferien kamen (Darmstadt, Mainz, Wiesbaden), versprachen die Mainzer Pläne die originellste Mischung aus lokal und international, Populär- und Hochkultur, Theater und öffentlichem Raum, und das über alle Sparten hinweg. Zur Eröffnung inszenierte Jo Strømgren dementsprechend die Semi-Oper „The Fairy Queen“ von Henry Purcell mit Sängern, Tänzern und Schauspielern in einer sehr leichten und schwungvollen Version.

Volksfeststimmung - Im „Schinderhannes“ (v.l.: Sebastian Brandes, Ulrike Beerbaum, Johannes Schmidt) konfrontiert Jean-Christoph Gockel Lokalgeschichte mit dem Weltgewissen. Foto Bettina Müller
Volksfeststimmung - Im „Schinderhannes“ (v.l.: Sebastian Brandes, Ulrike Beerbaum, Johannes Schmidt) konfrontiert Jean-Christoph Gockel Lokalgeschichte mit dem Weltgewissen. Foto Bettina Müller

Fünf Hausregisseure arbeiten künftig für den nicht selbst inszenierenden Intendanten Markus Müller. Einer von ihnen ist Jan-Christoph Gockel, der zu Beginn des Neustarts die Ehre hat, einen immer noch wabernden Lokalmythos aufzugreifen. Aus der ollen Carl-Zuckmayer-Kamelle „Schinderhannes“ generierte er ein ebenso überbordendes wie übergeschnapptes Spektakel. Was als weinselige Kappensitzung beginnt, mündet unerschrocken in eine infernalische Geisterbahnfahrt und löst sich schließlich in einem dancefloorartigen Ende auf. Den Großteil des Parketts (Bühne Julia Kurzweg) ließ er entfernen, um dort Bänke und Tische aufzustellen. Wer von oben herabblickt, entdeckt viel Mainzer Lokalprominenz. Der Volksfeststimmung wegen meint man, in eine närrische Aufzeichnung geraten zu sein. Wer mit rhythmisch klatschenden Großgesellschaften Schwierigkeiten hat, ist spätestens jetzt auf der Hut. Aber es wird noch besser. Dass er zu viel vor dem Bildschirm saß, kann Gockel nämlich nicht verhehlen: Der wilde Westen (sic!), Tarantino, Räuberpistolen, Filmmusik und Nebelschwaden finden bei ihm eine große Bühne. Dabei verwurstet er das Leben Zuckmayers mit dem Mythos um den angeblichen Robin Hood aus dem Hunsrück, genannt Schinderhannes, eigentlich Johannes Bückler, und versucht nicht weniger, als das dahinter steckende System bloßzulegen wie nass gewordenes Mauerwerk. Das geht nicht ohne manchen Kollateralschaden vonstatten und ist doch insgesamt nicht so unintelligent, wie es zuweilen wirkt.

Von der Volksbelustigung führt bei Gockel nämlich ein kurvenreicher Weg zur Volksaufklärung. Von der kleinen Welt weitet die Inszenierung dabei den Blick auf die Schlachtfelder und Schrecken des Krieges. Schonen tut Gockel keinen, wobei er die Lokalgeschichte mit dem Weltgewissen konfrontiert. Das macht er so lustvoll und plakativ, so fiebrig und ungestüm, dass man gar nicht anders kann, als sich auf seine Ein- oder Zurichtung von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ im Februar zu freuen. Darüber hinaus zeigt schon dieser erste Schauspielabend, dass sich das Mainzer Ensemble sehen lassen kann. Das gilt für die übernommenen Schauspieler Ulrike Beerbaum, Monika Dortschy, Lorenz Klee und Andrea Quirbach wie für die vielen Neuzugänge. Beim „Schinderhannes“ etwa glänzen neben vielen Sebastian Brandes als Titelfigur sowie Johannes Schmidt als charakterköpfiger Adam.

Einen Tag später geht’s dann ganz nach unten in die neue tolle Spielstätte U17, ehemals der Ballettprobenraum des Theaters, jetzt multifunktionaler Spielort. Dort brachte K. D. Schmidt, auch er neuer Hausregisseur in Mainz, „Water by the spoonful“ von Quiara Alegría Hudes zur deutschsprachigen Erstaufführung. John Coltranes „A Love Supreme“ dient der Autorin als Sinnbild kontrollierter Freiheit in einer dissonanten Welt. Im Zentrum steht Elliot, den Matthias Lamp in räudiger Verzweiflung spielt. Um ihn herum Cracksüchtige, die sich in den Weiten des Internets begegnen, um sich zu stützen und zu verfolgen. Das Stück deutet den Chatroom als Stuhlkreis und wirft die Frage nach dem auf, was man im Leben als große Unbekannte sucht. K. D. Schmidt inszeniert das als flottes Kommunikationsstück, das die Fragen des Menschseins mit den Süchten der Gegenwart kreuzt.

Als zweite Einstandspremiere verpasst Schmidt Georg Büchners Erzählung „Lenz“ einen dramatischen Rahmen. Das Parkett ist gesperrt, und die Zuschauer sitzen in den oberen Rängen. Vor dem eisernen Vorhang ragt ein Gebirge aus Traversen empor; auf einer Art Hochplateau steht Daniel Friedl als Büchner und traktiert den sich am Boden windenden Lenz mit Worten, die größtenteils der Erzählung „Lenz“ entstammen. Clemens Dönicke spielt den Dichter Lenz als eher schwach- denn wahnsinnigen Denker, der in den Seilen hängt und sich von oben nach unten und wieder zurück hangelt. Die schönsten Momente gelingen im Widerstreit der beiden, wenn der Dichter mit seiner Figur ringt, doch im Grunde genommen bleibt die Bühne die eigentliche Sensation an diesem kurzen, aber wenig kurzweiligen Abend. Dass die ganze Welt eine Bühne ist, hat sich derweil in allen Theatern reichlich herumgesprochen, und weil das so ist, führt auch das Mainzer Theater die Zuschauer nach draußen.

„In Arbeit: Neustadt“ heißt das Projekt der Hausregisseurin Sara Ostertag, das die Mainzer Neustadt, ein noch hübsch gemischtes Stadtviertel, erkundet bzw. erkunden lässt. Dass man dabei ikeamäßig geduzt wird, überhören wir und flanieren mit MP3-Player und Stadtplan durch die Straßen, wo wir in einem Wohnwagen auf die Theaterkassenfrau Ella Schwarzkopf treffen, die uns von ihrem Leben als Schauspielerin am Deutschen Theater in Almaty (Kasachstan) erzählt und wie sie auf abenteuerlichen Wegen nach Mainz gekommen ist. Wie sie berichten dann auch Bäcker, Buchhändler und Friseurinnen des Viertels an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz von sich und ihrem Tun. Immer wieder streift man bekannte Gesichter, Mitläufer, darunter auch den 41 Jahre jungen Intendanten Markus Müller selbst. Ein unprätentiöser, unangeberhafter Typ, einer, der bei Premieren eher wie vorsichtshalber in den Anzug geraten wirkt. Er ist bekennender Radfahrer, hört man, hat kein Auto, aber ein altes Motorboot im Hafen. Und kämpft dafür, dass das Theater auch mal sperrig sein darf, da das gar nicht ausbleiben könne, wenn es sich mit den Kompliziertheiten des Lebens beschäftige. Beim performativen Stadtspaziergang steht er gut gelaunt auf dem Frauenlobplatz und spielt mit einem jungen Ägypter, der dort nicht zufällig wartet, Tischtennis. Wir tun es ihm nach, was irgendwie nett ist, mehr nicht, doch dann gerät der Mensch mit dem Rollstuhl in unser Blickfeld oder wir in seins. Wir nehmen Platz und er – es ist der Schauspieler Rüdiger Hauffe – befördert uns unsanft über Kopfsteinpflaster wie huckelige Bordsteine und beschert uns ein schäbiges Gefühl. Dazu berichtet über Kopfhörer eine Pflegekraft aus ihrem Alltag samt allen schmutzigen Details.

In der Uraufführung von „Lilli/Heiner Intra Muros“ der Französin Lucie Depauw verkörpert unser Pfleger auf Probe dann Staatsanwalt, fesche Lola und Trainer. Das Stück erzählt vom Dopingsystem in der DDR und von Geschlechteridentität. Brit Bartkowiak inszenierte das als munteren Reigen, der nicht viele Spuren hinterlässt. Beim Spaziergang durch die Neustadt geht es noch hoch hinauf ins Haus der Stadtwerke. Mit Musik auf den Ohren genießen wir den Blick auf Stadt, Land, Fluss, bis wir eher zufällig drei Akteure entdecken, die den öffentlichen Raum als Bühne nutzen und für uns den Alltag choreografieren. Der ein bisschen unter seinem sozialpädagogischen Impetus leidende Spaziergang führt dann in einen Garten – als gelebte Utopie städtischen Lebens. Der Strand liegt wohl immer noch unterm Pflaster.

„Ein neuer Spielplan ist immer eine Sammlung von Verheißungen und Möglichkeiten, von verborgenen Fallen und Pannen sowie ungeahnten Perspektiven“, versprach Markus Müller bei Amtsantritt. Er hat Wort gehalten, wobei die bewusste Hinwendung zur Lokalgeschichte mehr als eine nette Idee ist: Müller und sein Team verorten das Theater in der Stadt, und ihr Spielplan ist ein dezidiert für Mainz entworfener. Dabei versöhnt er die Großartigkeiten der Welt mit dem Kleingeist der Provinz ebenso souverän wie das Wahre, Schräge und Gute. //

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