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So tun, als ob man so tut

Auf der Flucht vor der Hölle des Relativierens – Das Kollektiv Fake[to]Pretend ringt um klare Aussagen

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Dramaturgentheater! Der Ausdruck ist beinahe ein Schimpfwort. Was also ist von einem Kollektiv zu halten, das aus fünf ehemaligen Dramaturgiestudenten der Bayerischen Theaterakademie besteht, die sich 2011 unter dem Label Fake[to]Pretend zusammengefunden haben und sich als Think-Tank definieren? Kopflastige Konzeptkunst? Es sei tatsächlich die „unglaubliche Lust am Denken“, die alle verbinde, erklärt Tobias Ginsburg lächelnd. Worauf Benno Heisel sofort versichert, dass sämtliche Mitstreiter aber auch praktische Erfahrungen mitbrächten. Daphne Ebner beispielsweise kommt vom Tanz. Heisel wiederum hat immer schon viel Musik gemacht.

V.L.: Benno Heisel, Tobias Ginsburg, Ute Gröbel, Simone Niehoff, Daphne Ebner. Foto Mark Römisch
V.L.: Benno Heisel, Tobias Ginsburg, Ute Gröbel, Simone Niehoff, Daphne Ebner. Foto Mark Römisch

Schon „Malinche“ (2011), eine der ersten Produktionen von Fake[to]Pretend, lieferte den Beleg, dass Dramaturgen mehr als nur Kopfgeburten zuwege bringen. Die als „Herrenabend“ annoncierte Aufführung erwies sich als ebenso sinnreiche wie sinnliche Auseinandersetzung mit dem Blick auf die Frau in der Geschichtsschreibung – der vornehmlich ein männlicher ist. Malinche war eine Aztekin, die dem Konquistador Hernán Cortés als Übersetzerin und Konkubine diente. Ihr Bild in den Chroniken, geprägt vom Blick der Eroberer, umfasst das gesamte Spektrum zwischen Heiliger und Hure. Sie war Opfer männlicher Machtausübung und der Kolonisation zugleich. Auch eine Invasion ist nur eine andere Form der Penetration. Rein inhaltlich harter Tobak. Aber welch ein Theatervergnügen bereitete diese Performance! Wie da mit virtuosem Dilettantismus eine reißerische TV-Doku über Malinche auf die Bühne gezaubert wurde; wie die Schauspieler in spanischdeutschem Sprachkuddelmuddel um Deutungshoheit rangen – das nahm einen auf Anhieb ein und überzeugte als „ästhetisches Experiment“, dem sich Fake[to]Pretend verschrieben haben, ohne es als Selbstzweck zu begreifen.

Jeder Inhalt soll sich die passende Form suchen, und die kann auch mal nah am klassischen Rollenspiel angesiedelt sein. So wie in der jüngsten Inszenierung „Radikal. Monument der Verwesung“, die fragt, wieso sich so wenig ändert in der Welt, obwohl so viele Menschen offenkundig unzufrieden sind. Resignation statt Radikalität scheint die Haltung einer Gesellschaft, die reale politische Auseinandersetzungen durch Talkshow-Debatten ersetzt hat. „Radikal“ beginnt denn auch als Parodie einer Markus-Lanz-Runde, bleibt aber nicht daran hängen, sondern schlägt einen gewagten Bogen zum frühchristlichen Säulenheiligen Simeon, der als Kämpfer für eine gerechtere Welt so sehr verehrt wurde, dass das Volk darüber eigenes Engagement vergaß.

Fake[to]Pretend dagegen drücken sich nicht vor der politischen Einmischung und wollen sich auch nicht in die Ironie flüchten. Gegen die „postmoderne Hölle des Relativierens“, sagt Ginsburg, „ringen wir um klare Aussagen“. Gerade deshalb sei die Arbeit in der Gruppe so wichtig. Stoffe werden oft über lange Zeit gemeinsam entwickelt. So entsteht ein Gedankenpool, aus dem alle Mitglieder schöpfen können. Bei der Realisation einzelner Abende jedoch sind nicht notwendig alle beteiligt. Die Idee dabei ist, erläutert Heisel, „dass den Ausführenden durch die größere Struktur des Kollektivs Ansprechpartner zur Verfügung stehen, die mit der unmittelbaren Umsetzung nichts zu tun haben“. Diese können dann kenntnisreich, aber auch aus kritischer Distanz auf die Arbeit der Kollegen blicken. Für Impulse von außen sorgen zudem Gastkünstler, die je nach Produktion zum Kernteam dazustoßen. Auch dass zwei der Gründungsmitglieder (Ute Gröbel und Simone Niehoff) derzeit promovieren, füllt den Think-Tank mit frischen Ideen.

Bleibt zum Schluss die Frage nach dem Namen: Fake[to] Pretend. Übersetzt heißt das so viel wie: so tun, als ob man sich verstellen würde. Oder als doppelte Verneinung: Ich spiele nicht, dass ich es nicht ernst meine. Tobias Ginsburg dazu: „Das bedeutet schlichtweg, dass wir es sehr ernst meinen.“ //

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