Auftritt

Dortmund: Die Liebe der Prälaten

Theater Dortmund: „Komm in meinen Wigwam“ (UA) von Wenzel Storch. Regie Wenzel Storch, Ausstattung Pia Maria Mackert

von

„Sie lachen sich den Ast, bis Ihnen der Messwein aus der Nase läuft!“ Das Versprechen im Trailer zu Wenzel Storchs erstem Film „Der Glanz dieser Tage“ (1989) könnte getrost auch über der ersten (und hoffentlich nicht letzten!) Theaterregie des Künstlers stehen, der zuweilen als „Terry Gilliam auf Crack“ bezeichnet wird. Der Super-8-Messdiener-Report von damals, intendiert als antiklerikaler Aufklärungsfilm, hat auch 25 Jahre später noch einiges an Material für die Inszenierung in Dortmund abgeworfen, die im Oktober im Studio des Schauspielhauses ihre Uraufführung feierte: „Komm in meinen Wigwam. Eine Pilgerreise in die wunderbare Welt der katholischen Aufklärungs- und Anstandsliteratur“.

Ein Garten voll frischgrüner Stengel - Unter der schlüpfrigen Anzüglichkeit liegt Komm in meinen Wigwam die Schwere unzähliger Missbrauchsskandale zugrunde. Foto Birgit Hupfeld
Ein Garten voll frischgrüner Stengel - Unter der schlüpfrigen Anzüglichkeit liegt „Komm in meinen Wigwam“ die Schwere unzähliger Missbrauchsskandale zugrunde. Foto Birgit Hupfeld

Der Abend ist damit aber nicht nur eine Reise in die fromme Erbauungsliteratur, sondern viel mehr noch in das Werk und möglicherweise auch das Leben des Low- bis No-Budget-Filmemachers, der die wahnwitzig opulenten Sperrmüll-Ausstattungsfilme „Sommer der Liebe“ (1992) und „Die Reise ins Glück“ (2004) gedreht hat. Die Zeit bezeichnete ihn als „egomanen bis soziopathischen Künstlertyp, der sich vom eher berüchtigten als berühmten Bad-Taste-, Camp-, Trash-Filmer – oder wie immer man ihn betitelt hat, um dem Improvisatorischen, kalkuliert Dilettantischen, provokant Regellosen seiner Streifen Rechnung zu tragen – zum Universalkünstler weiterentwickelt hat“. Wenzel Storch blickt jedenfalls auf eine streng katholische Erziehung und eine Jugend als Ministrant zurück – das sind u. a. die Erfahrungswerte, aus denen nicht nur sein Buch „Das ist die Liebe der Prälaten“ und Konkret-Kolumnen à la „Der Stoff jauchzt auf“ schöpfen, sondern von denen eben auch „Komm in meinen Wigwam“ zehrt. Der eine oder andere Zuschauer wird sich noch Luft zufächeln müssen – nicht nur wegen der menschengemachten Wärme in der engen Spielstätte hoch oben unterm Theaterdach, sondern auch, weil die schlüpfrigen Anspielungen verstohlene Schamesröte in dieses oder jenes Gesicht treiben.

Es ist dann auch ein Maître de Plaisir (Ekkehard Freye), der das Publikum zu einem „bunten Abend“ begrüßt, der einem Mann gewidmet sei, der als „Dichter der Unschuld“ gelten dürfe. Unterstützt wird der heitere Moderator nicht nur von Messdienern, sondern auch von zwei Fachleuchten: einem feurigen Privatgelehrten, dessen Forschungsinteresse sich auf die katholische Kinder- und Jugendliteratur richtet und der im Verlauf des Abends exkursverliebt mit umfangreichem Fachwissen glänzt (dargestellt – gleichsam naturgemäß – vom Dramaturgen der Inszenierung, Thorsten Bihegue). Der andere ist der Kaplan Buffo (Seniorentheaterclubmitglied Heinrich Fischer), der wohl als Spiegelbild des eigentlichen Protagonisten gelten darf, den die eigene Zunft und damit die Welt längst vergessen habe: Gemeint ist der Prälat und Expilot Berthold Lutz, der als der „größte Sexualmystiker deutscher Zunge“ vorgestellt wird, als „Oswalt Kolle der katholischen Kirche“, der als fröhlicher Fabulant seine Leser in einen „knospenden Garten voll frisch-grüner Stengel und nickender Kelche“ führt. Der Medienreferent der Würzburger Diözese, der erst im vergangenen Jahr verstarb, wurde 1953 als Kaplan für literarische Arbeiten freigestellt. Seine 22 Benimm- und Aufklärungsbücher für Jungen und Mädchen (darunter umstandslos doppeldeutige Titel wie „Das heimliche Königreich“ oder „Peter hängt die Latte höher“) erreichten Auflagen von insgesamt über einer Million. Wenzel Storch wird das Gesamtwerk wohl gesichtet haben, detailverliebt collagiert er Episoden aus den Werken mit Bildern aus Auto- und Modezeitschriften jener Zeit, aus Prospekten und Versandhauskatalogen, aus Petzi-Büchern und Cowboyheften. „Bunte Bilder, die unser Thema optisch vertiefen“, freut sich der Conférencier. Dazu gibt es einlullende Blockflötenmusik und singende Nonnenchöre, zu deren keuschen Klängen sich ein tanzender Lusthain aus reichlich obszönen Pflanzen rhythmisch wiegt.

Das alles ist so lustig, dass die Fallhöhe natürlich besonders hoch wird. Denn unter der lauten, fröhlich-frivolen Kuriositätensammlung aus den biederen Jahrzehnten der 50er bis 70er Jahre, in denen Eltern ihre Kindesliebe noch eher durch Züchtigung beweisen wollten, unter all dem Witz und der schlüpfrigen Anzüglichkeit, liegt der Inszenierung die unsagbare Schwere unzähliger Missbrauchsskandale nicht nur in der katholischen Kirche zugrunde, weshalb dem amüsierfreudigen Dortmunder Publikum gelegentlich das Lachen im Halse stecken bleibt. //

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