Thema: unterwegs in offener Landschaft

Kunst ohne Vorwarnung

Das Künstlerduo Wermke/Leinkauf und das Zentrum für Politische Schönheit über abgeschraubte Mauerkreuze, weiße Flaggen auf der Brooklyn Bridge und die Zukunft der Volksbühne im Gespräch mit M. Dell

von und

Wir wollen über Kunst sprechen, die in den öffentlichen Raum geht und in der Tagespolitik ankommt. Vielleicht fangen wir mit einem konkreten Ort an, den Sie beide gut kennen: dem Berliner Regierungsviertel.

Mischa Leinkauf (Wermke/Leinkauf): Ganz aktuell – der Betonpfeiler in der Mitte der Doppelbrücke zwischen dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus und dem Paul-Löbe-Haus wackelt. Das haben wir neulich entdeckt. Ein tolles Bild: Der Pfeiler, über den die höhere Beamtenlaufbahn führt, wackelt.
Philipp Ruch (Zentrum für Politische Schönheit): Wir waren da schon öfters, mit mindestens fünf großen Aktionen. 2009 kamen wir auf Pferden geritten, um einen Anschlag mit Thesen auf den Bundestag zu verüben. Das ginge heute nicht mehr. Die Verwaltung hat das Parlament meterhoch abgezäunt, um es vom Volk fernzuhalten. Wir müssen uns im Regierungsviertel alle größeren Aktionen genehmigen lassen. Es geht nicht mehr ohne.

Kriegen Sie die Genehmigungen?
Ruch:
Eigentlich schon. Die Wiese vor dem Bundestag gehört in die Zuständigkeit von fünf Stellen: Bundesinnenministerium, Bundestagsverwaltung, LKA, BKA und Grünflächenamt Mitte. Letzteres ist mit Abstand die schlimmste, weil die eine Bewässerungsanlage für eine halbe Million Euro im Rasen verbaut haben. Die darf nicht beschädigt werden, deshalb genehmigen die gar nichts. Wenn da eine Demonstration stattfindet, können Sie davon ausgehen, dass die nicht genehmigt ist. Der Mensch vom Grünflächenamt meinte damals, als wir die unbenutzten Bomben aus Srebrenica vor den Reichstag auf die Wiese legen wollten: „Das werden Sie nicht schaffen.“ Eine Woche später rief er zerknirscht an. Der Menschenrechtsausschuss des Bundestages hatte sich hinter die Aktion gestellt.

Warum soll Kunst einem immer nur dann begegnen, wenn man vorgewarnt ist? – Teilnehmer des „Ersten Europäischen Mauerfalls“, einer Aktion des Zentrums für Politische Schönheit, an der EU-Außengrenze – die sie einzureißen gedenken. Foto Paul Wagner
Warum soll Kunst einem immer nur dann begegnen, wenn man vorgewarnt ist? – Teilnehmer des „Ersten Europäischen Mauerfalls“, einer Aktion des Zentrums für Politische Schönheit, an der EU-Außengrenze – die sie einzureißen gedenken. Foto Paul Wagner

Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls haben Sie letzten November den „Ersten Europäischen Mauerfall“ initiiert. Eine Aktion, bei der weiße Kreuze, die im Regierungsviertel an die Mauertoten erinnern, abgeschraubt und an die EU-Außengrenzen gebracht wurden.
Ruch:
Wir befinden uns in einem laufenden Ermittlungsverfahren. Ich habe eine Ladung erhalten wegen schweren Kunst- und Antiquitätenraubs. Aber da die Tatzeit inzwischen klar zu sein scheint, darf ich Ihnen sagen: Wir haben ein Theaterstück für und vor den Sicherheitskameras in der Bannmeile aufgeführt. Es ist nicht so, dass da einfach zwei Leute Kreuze abschrauben können mit ihrer „heldenhaften Attitüde“, wie Norbert Lammert das genannt hat. Das waren sechzig Darsteller, und die Attitüde war eher die von Facharbeitern, Reisegruppen, Literaturzirkeln.
André Leipold (Zentrum für Politische Schönheit): Selbst die, die dabei waren, haben nichts gemerkt. Als die Kreuze weg waren, haben die gefragt: „Worum ging’s jetzt? Was war die Aktion?“ Eigentlich sind diese Kreuze den Leuten nämlich egal. Die hingen da, abgeblättert, einsam, verlassen, überstrahlt von einer Lichterkette. Jetzt haben sie wieder Aufmerksamkeit.
Ruch: Plötzlich waren diese Kreuze staatstragend, und Kunst wurde kriminalisiert, ein denkwürdiger Moment. Das Gorki Theater wurde mit über 100 Mann von der Bundespolizei umstellt. Wenn einem Kritiker ein Stück im Deutschen Theater nicht passt, dann schickt der doch auch nicht die GSG 9.
Leipold: Kluge Leute würden bei Wikipedia nachlesen und sehen, worum es sich bei dem Zentrum für Politische Schönheit handelt. Der Staatsschutz hat das getan. Die Boulevardmedien haben stattdessen wahnsinnig viel Gift versprüht. Damit wird jemandem wie dem Berliner Innensenator Frank Henkel eine Grundlage gegeben, uns zu kriminalisieren. Das ist erschreckend, dass da nicht der Gedanke aufkommen kann, dass das vielleicht anders gemeint ist.

Wermke/Leinkauf haben im Sommer 2014 auf der Brooklyn Bridge in New York die amerikanischen Flaggen gegen weiße ausgetauscht, die aber genauso aufgebaut waren, also Stars and Stripes, bloß weiß. Mit der Frage nach einer Genehmigung wären Sie vermutlich nicht so weit gekommen.
Leinkauf:
Wie fragen nie nach Genehmigungen. Das ist kein Dogma, das entsteht aus den Orten, die uns interessieren. Außerdem ist es Teil unseres politischen Statements zu sagen: Wir sehen die architektonische Grenze, die private Eigentumsgrenze nicht. Wir gehen dahin, weil wir der Meinung sind, da ein Bild kreieren zu können, das uns wichtig ist.

Wenn es die Genehmigung überhaupt gegeben hätte, es wäre nicht die gleiche Aktion gewesen. „White American Flags“ lebt ja davon, dass Sie einem hochmilitarisierten Sicherheitsapparat die Hörner aufsetzen – ganz ohne Häme oder Aggression, sondern durch Charme, durch liebenswürdige Friedfertigkeit.
Leinkauf:
Das wurde auch sehr wohlwollend aufgenommen am Anfang. Die Fahnen hingen fünf Stunden. In der Zeit waren wir da unterwegs, haben mit Leuten geredet, gehört, was die gesagt haben. Für sie ging keine Gefahr von den Flaggen aus. Die Leute haben spekuliert, was das soll. Absurde Geschichten, aber alle mit einem Lächeln erzählt. Den Bruch gab es, als um 11 Uhr der Polizeieinsatz losging, dessen Größe man sich in Deutschland nicht vorstellen kann. Da war alles anders, und zwar völlig.
Ruch: Fühltet ihr euch kriminalisiert?
Leinkauf: Wir haben gespürt, dass ab dem Moment eine gewisse Gefahr von den Flaggen ausging. Das bezieht man doch sehr schnell auf sich. Und da spielt dann alles rein, was ich in den letzten Jahren medial wahrgenommen habe, davon, was die USA alles schon über mich wissen, bevor ich’s selber weiß.

Sind Sie dann gleich abgereist?
Leinkauf:
Ein paar Tage waren wir noch da.
Ruch: Ob ihr je wieder einreisen dürft?
Leinkauf: Die Frage stellt sich nicht, aber das wussten wir vorher. Aktuell wird ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das die Besteigung öffentlicher Gebäude in New York als Verbrechen ahnden will mit bis zu fünf Jahren Haft.

Eine „Lex Wermke/Leinkauf“. Aus einer fernen Perspektive könnte man sagen, dass das doch ein Erfolg ist, wenn Kunst so wichtig genommen wird. Das ist so ähnlich wie die heftigen Äußerungen vonseiten der Politik beim „Ersten Europäischen Mauerfall“. Deshalb mussten Sie gar nicht bis zum Zaun in Bulgarien vordringen. Oder sehen Sie das anders?
Leipold:
Ich hätte schon gern das Loch in der Mauer gesehen, das war das Ziel. Aber wir können von einem großen medialen Erfolg reden, von angestoßenen Debatten. Dass wir uns in Interviews über die Grenzen der Kunst unterhalten, war nicht intendiert.

Wenn Sie das Loch gewollt hätten, hätten Sie doch ohne Bohei dahin fahren können.
Ruch:
Wir haben vieles in Erwägung gezogen. Am Anfang ging’s stark darum, die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls zu verhindern. Da gab es Pläne, die auch funktioniert hätten, glaube ich.

Kann man sagen, welche?
Ruch:
Die Sprinkleranlagen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt haben uns schon sehr interessiert. Da saß am 9. November um 16 Uhr die ganze Bundesrepublik zusammen, und wir hätten die Möglichkeit gehabt, da ranzukommen. Nicht nur im Mittelmeer kann man baden gehen.

Die Fahrt der Busse, aus denen die Leute getwittert haben, hat sich synchronisiert mit den Anforderungen der gegenwärtigen Mediengesellschaft – Sie sind bis zum 9. November in die News-Timeline zu den Feierlichkeiten gefahren.
Ruch:
Der Versuch war eigentlich, dass die Kreuze so viel Aufmerksamkeit ziehen, dass wir mit den Bussen unbemerkt losfahren können. Das hat begrenzt geklappt in den deutschen Medien. Die haben die Busse erst einmal nicht beachtet. Dafür haben die bulgarischen Medien Wind von der Sache bekommen. Da war es natürlich schwer, unbemerkt an die EU-Außengrenze zu fahren, um sie abzubauen.

Wie bewerten Sie die Aktion im Nachhinein? Es gab ja auch ernster zu nehmende Kritiken als die von der CDU. Etwa, dass dann am Zaun in Bulgarien nichts vorbereitet war, nichts inszeniert wurde.
Leipold:
Mit den Fragen hatten wir uns vorher beschäftigt. Wir hatten auch mal überlegt, die ganze Aktion zu inszenieren. Gegen eine Inszenierung am Zaun in Bulgarien haben wir uns dann entschieden, weil das bedeutet hätte, die Mitreisenden in den Bussen als Statisten zu instrumentalisieren.

Wir planen unsere Aktionen abseits der Presse. Uns nützt Presse nur für die Ausstellungen, in denen wir unsere Arbeiten präsentieren. Wenn wir mit einer Draisine ohne Publikum durchs Berliner U-Bahn-Netz fahren, ist das auch kein Thema. Bei der Aktion auf der Brooklyn Bridge war das anders, weil es ein neuralgischer Ort ist.

Manchen kam das dennoch so vor, da haben sich Leute embedded gefühlt.
Leipold:
Wenn sie cool sind, dann fühlen sie sich nicht instrumentalisiert, sondern inspiriert von dieser neuen Situation. Darum geht es bei all unseren Arbeiten – einen Resonanzboden zu schaffen, von dem aus Leute weiterarbeiten können. Aktivisten, Journalisten. Die „Krauss-Maffei Wegmann“-Kampagne, bei der wir für Hinweise auf die Personen hinter dem Waffenhandel 25 000 Euro Belohnung ausgesetzt hatten, hat viel Berichterstattung ausgelöst. Am Ende wurde der größte deutsche Waffendeal der Nachkriegsgeschichte verhindert. Das ist wie „Mausefalle“ im „Hamlet“: Aktionskunst kann dafür sorgen, dass eine Gesellschaft sich selbst erkennt.

Haben Sie Verständnis dafür, dass es Vorwürfe von Mitfahrern produzierte, als Sie „bequem“ mit dem Flieger nach Sofia reisten?
Leipold:
Wir machen eine bestimmte Art von Theater, das in der Öffentlichkeit stattfindet. Wir müssen vor Ort sein, um auf die Anfragen dieser Öffentlichkeit zu reagieren. Das ist unser Handwerkszeug. Das habe ich nicht, wenn ich im Bus sitze.

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