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Ausland

Läufer im Schnee

Der Schuss, der Schamane und die Weisheit der Frau – Das Akademische Sacha-Theater im ostsibirischen Jakutsk erzählt Geschichten aus der kältesten Stadt der Welt

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Wie läuft man durch unberührten Schnee? Durch dieses verwegene Weiß, das sich im Herbst über das Land legt und bis zum Sommer nicht weicht? Das in der Polarsonne glitzert wie Millionen Diamanten, doch wenn es schlecht läuft, einen wie Blei zu Boden zieht? Wie durchquert man dieses Eis, das bis zum Horizont verlängert in nicht allzu weiter Ferne die Beringsee erreicht? Einer nach dem anderen, der Theaterdirektor voran, in komischen Verrenkungen in die Fußstapfen des Vorhergehenden tretend, um ja nicht zu fallen? Oder jeder für sich, dem unwirschen Knirschen der eigenen Schritte lauschend, das sich ein paar Meter weiter mit dem rätselhaften Grummeln des Flusses vereint. Die Jakuten, Kinder des großen Flusses Lena, schrieb der jakutische Schriftsteller Suorun Omolloon, bergen ein jahrhundertealtes Geheimnis in sich. Es stamme aus einer Zeit, als es noch keine Zeit gab, und handele von Tod und Zerstörung, Asche und Rauch. Und vom Triumph, wenn das Leben gewinnt. Das mache jeden hier, auf seine Art, zum Dichter.

Es rumpelt. Und der Jeep neigt sich nach links. Panisch schaue ich David an. Doch der schaut unerschrocken nach vorn. „Lena“, ruft Anatoli Nikolajew und deutet mit dem Finger auf das Display des Radios, aus dem leise jakutischer Ethnopop erklingt. Minus 15 Grad. Der Direktor und sein Fahrer blicken mich erwartungsvoll an. „Brrr“, sage ich und umschlinge reflexhaft meine Schultern. Die beiden prusten los und fächeln sich Luft zu, als wäre ihnen warm.

Der Fluss Lena in der Nähe von Jakutsk. Foto David Baltzer
Der Fluss Lena in der Nähe von Jakutsk. Foto David Baltzer

Jakutsk, Hauptstadt Jakutiens, im äußersten Osten Sibiriens gelegen, wo Peking näher ist als die russische Kapitale, ist eine Stadt der Extreme. Während im Winter die Tränen bei minus sechzig Grad zu Eis gefrieren und der geangelte Fisch in dreißig Sekunden stocksteif ist, klettern die Temperaturen im Sommer auf bis zu plus dreißig Grad. Ein Temperaturunterschied, den ein Körper erst einmal aushalten muss. Trotz der heißen Sommer taut dabei der Boden nie gänzlich auf. Experten sprechen von Permafrost, der Poet sagt: Jakutsk liegt im ewigen Eis. „Halte dir den Oktober frei!“, hatte mir Lena Ivanova-Grimm im Mai 2014 gemailt. „Da eröffnet die Theatersaison mit den besten Inszenierungen.“ Nun stapfen wir eisatemumhüllt durch die Stadt: der Berliner Fotograf David Baltzer, Gernot Grimm, Lenas Mann aus Hamburg, Anatoli Nikolajew, Direktor des Akademischen Sacha-Theaters, und wir zwei. Lena, die Lena an die Lena einlädt, allein das hatte schon seinen Zauber.

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