Auftritt

München: Nachhaltig verstörend

Münchner Kammerspiele: „Warum läuft Herr R. Amok?“ nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler. Regie Susanne Kennedy, Bühne Lena Newton, Kostüme Lotte Goos

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Die Kopfschmerzen von Herrn R. bereiten seinem Hausarzt: Kopfzerbrechen. Diagnose: unerklärlich. Der Doktor ist nicht der Einzige, dem die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben steht. In Susanne Kennedys Inszenierung tragen die Schauspieler Masken, mit denen sie aussehen wie von einer Gesichtslähmung befallen. Löcher für Augen und Mund erlauben nur minimales Mienenspiel. Vorherrschend bleibt der festgefrorene Ausdruck eines schockierten Stumpfsinns, einer tief sitzenden Überforderung mit dem Leben, aus dem ein Ausbruch dringend geboten scheint. Das Fragezeichen am Titelende dieses Theaterabends: Die Figuren schleppen es hier als unlösbares Rätsel mit sich herum.

Die quälende Frage nach dem Warum stellt sich nach jedem Amoklauf. Bei Herrn R. aber, der scheinbar unvermittelt Frau, Kind und eine Nachbarin erschlägt, versagen die Erklärungsmuster, die üblicherweise als Antwort herhalten müssen. Weder lebt er in zerrütteten Verhältnissen noch ist er arbeitslos oder wird gemobbt. Herr R. führt ein ganz normales Durchschnittsleben – wie alle um ihn herum. Insofern erscheint es eher zufällig, dass gerade er zum Gewalttäter wird. Es könnte ebenso gut ein anderer sein. An den Münchner Kammerspielen tragen denn auch gleich drei Darsteller abwechselnd die Maske des Herrn R. zum identischen Alltagslook aus Rollkragenpulli, schmuckloser Lederjacke und Bluejeans (Kostüme Lotte Goos), wobei Edmund Telgenkämper die konsterniert-melancholische Spielart des traurigen Titelhelden gibt, Walter Hess eine verschrobenere Variante verkörpert und Christian Löber von einer nervösen Unruhe beherrscht scheint. So drückt sich Verstörung jeweils unterschiedlich aus. Der Zustand innerer Leere indes bleibt derselbe und lässt sich auch nicht hinter Normalität vortäuschendem Allerweltsgefasel verbergen.

Bei Susanne Kennedy kommen die Belanglosigkeiten, die die Figuren reichlich absondern, vom Band, komplett eingelesen von Laiensprechern, phänomenal zusammengeschnitten und mit Geräuschen abgemischt von Sounddesigner Richard Janssen. Die Schauspieler bewegen dazu synchron die Lippen und unterstreichen das Gesagte gestisch mit der Steifheit ferngesteuerter Schaufensterpuppen. Kombiniert mit dem amateurhaften Duktus der Dialoge, schwankend zwischen Monotonie und Überbetonung, bekommen diese geballten Banalitäten etwas geradezu schmerzhaft Nichtiges. Ein Effekt, den Kennedy noch steigert, indem sie die Zeit zerdehnt. Lange Pausen zwischen den Sätzen verleihen dem Gerede Gewicht, machen aber natürlich gerade dadurch umso deutlicher, dass es genau das nicht hat: tiefere Bedeutung.

Wenn es eine Antwort auf die Frage nach dem Warum von Herrn R.s Amoklauf gibt, dann liegt sie in dieser ausgewalzten Alltäglichkeit und in der sich darin äußernden unsäglichen Trivialität eines Lebens, das einer faden Fete gleicht, auf der flaue Witze gerissen werden. Da wirkt auch das Hobbykeller-Ambiente von Bühnenbildnerin Lena Newton nicht stimmungsaufhellend. Im Gegenteil: Der mit Nut-und-Feder-Brettern ausgekleidete Raum mit Bartresen unterstützt bewusst die Tristesse: Als ob die Billigholz-Verschalung nicht schon genug erbärmliche Imitation der Natur wäre, ist sie hier zu allem Übel lediglich als Fototapete auf die Wände gekleistert: Abklatsch vom Abklatsch. Gegen diesen trostlosen Partybunker mutet ein Wartesaal von Anna Viebrock beinahe heimelig an.

Ein beklemmender Raum, dazu Vollplayback – das waren Stilmittel, die bereits an Kennedys gefeierter Inszenierung von Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ bestachen. Nun hat die Regisseurin ihre Mittel noch ein Stück weiterentwickelt. Das Ergebnis ist abermals unheimlich geraten, diesmal streckenweise sogar unheimlich komisch. Dass man über die Hilflosigkeit der Figuren in manchen Szenen lachen muss, macht diesen Abend überhaupt erst erträglich. Aber bitte, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Gerade das Quälende macht hier die enorme Qualität aus. Susanne Kennedy zeigt die Geschichte des Herrn R. nicht als soziale Fallstudie eines Außenseiters. Ihre Diagnose fällt existenziell aus. Sie konfrontiert den Zuschauer mit der Belanglosigkeit seines eigenen Lebens, das er in Treiben und Tun der Alltagszombies auf der Bühne bis zur Kenntlichkeit verzerrt gespiegelt sieht. Das ist so nachhaltig verstörend, wie man es im Theater selten erlebt. //

 

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