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Asteroid Y 16 – Der kleine Prinz – Die erste inklusive Theatergruppe im ostsibirischen Jakutsk

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Der kleine Prinz ist gestrandet. Mitten in der Wüste. Wie wir. Mit schlaffen Rotoren steht ein Hubschrauber auf dem Feld. Ein Hubschrauber? Ja. Und auch die Wüste ist nicht wirklich heiß. Statt Staub und Sand erstrecken sich hier Eis und Schnee. „Berlin?“, sagt der kleine Prinz und blickt uns schelmisch an. In Berlin, ja, da sei er selbst schon einmal gewesen. Und wie er das so sagt, hier drinnen, während draußen die Huskys wild bellen, klingt es tatsächlich, als meine er einen anderen Stern.

Der 13-jährige Ruslan Korjakov ist eines von 16 Kindern, die seit zwei Jahren an der ersten inklusiven Theatergruppe in Jakutsk teilnehmen. Der kleine Prinz, haben Lena Ivanova-Grimm und Gernot Grimm diese Gruppe genannt. Weil in dieser nur vordergründig so einfachen Erzählung von Antoine de Saint-Exupéry so viele philosophische Fragen stecken. Weil die Protagonisten, Prinz und Pilot, mit ähnlich verspielter Lebensklugheit auftreten wie ihre Spieler. Und weil die Geschichte dieses sonderbaren Zusammentreffens in der Wüste auch irgendwie ihre eigene ist: die Geschichte der Entstehung ihrer Gruppe.

Lena Ivanova-Grimm hatte seit langem neben ihrer Arbeit als Regisseurin am Akademischen Sacha Theater, dem Nationaltheater der Jakuten in Jakutsk, eine Kindertheatergruppe auf die Beine stellen wollen. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schauspieler Gernot Grimm, begab sie sich daher im Sommer 2012 auf Spielstätten suchen. Nur wenige Wochen später trat Vera Duschkevitsch an sie heran. Die Direktorin des Fonds Hariskhal, einem Wohltätigkeitsfonds, der seit 2011 behinderte Kinder und Kinder mit beschränkten Möglichkeiten unterstützt, war auf der Suche nach Theatermachern, die sich für inklusives Theater interessieren. Mit dabei war Arian Nikolaev, Leiter und Gründer des Inkozentrums, einer Einrichtung, die neue Förderprojekte für Behinderte in der Republik Sacha realisiert. „Wir stellten schnell fest“, berichtet Lena, „dass unsere Ideen zusammenpassten.“ Und so ging es im Oktober 2012 bereits los.

Der erste Auftritt fand im darauffolgenden Dezember statt, vor einem Publikum, von dem ein Geschäftsführer eines großen Theaters nur träumen konnte. Rund 1000 Zuschauer saßen im Saal. Die jungen Spieler des Kleinen Prinzen kratzte das wenig. Ebenso wenig, dass sie mit ihrem Auftritt Teil des Begleitprogramms zu einer sehr differenten Veranstaltung waren: der Wahl zur Miss Jakutien, zu der sie, während sich hinter der Bühne die Schönsten der Schönen zurecht machten, mit ihrer Musik- und Tanzperformance, inszeniert von Lena Ivanova-Grimm, eine ganz eigene, eine andere Geschichte erzählten: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Dieser kleine große Satz des Philosophen Antoine de Saint-Exupéry entwickelte in dieser Veranstaltung der Äußerlichkeiten seine ganze Kraft.

Als wenig später Lena und Gernot für einige Zeit nach Deutschland übersiedeln mussten, übernahm Olga Sacharova, Lenas Schwester, die Leitung der Gruppe. Die Pädagogin hatte von Anfang an das Projekt begleitet, inszenierte nicht nur zwei weitere Stücke („Die kleine Hexe“ und „Mumi Troll“), sondern initiierte sogar mit staatlicher Unterstützung ein ganzes Festival für inklusives Kindertheater – mit weitreichenden Folgen. „Es gibt durchaus viele Kindertheatergruppen in Jakutien“, erzählt Gernot, „jedoch keine, die mit behinderten Kindern zusammenarbeiten. Als die Kindertheater jedoch von dem Festival hörten, begannen sie nach und nach behinderte Kinder zu integrieren. Am Ende nahmen zwanzig Kindertheatergruppen an dem Festival teil.“

Wir treffen den Kleinen Prinzen – die Gruppe sowie den Prinzen selbst: Ruslan wird ihn in der gleichnamigen Inszenierung spielen – an einem klirrend kalten, aber sonnigen Oktobertag im Tschotschur-Myran-Komplex, einem verwunschenen Ort außerhalb von Jakutsk, an dem heimelig Holzhäuser mit träge vor sich hin paffenden Schornsteinen von Hundegehegen voll laut kläffender Huskys flankiert werden. Ein ausrangierte Rettungshubschrauber im Garten verbreitet Katastrophenstimmung. Doch die Kids auf der kleinen Bühne lässt dies unbeeindruckt. „Liebes Publikum“, ruft Dima Potapov charmant in sein Mikro, schoppt sich lässig die Ärmel hoch und gibt seinem Rollstuhl einen Schubs. Er ist einer der Sänger, die an diesem Nachmittag auf der improvisierten Bühne ihre mal gecoverten, mal selbstgeschriebenen Songs präsentierten. Vor Publikum aufzutreten, ist für sie längst schon nichts Neues mehr.

Der kleine Prinz, erklärt Lena, sei ein soziales Projekt, das behinderte und nicht behinderte Kinder wie auch ihre Eltern zusammen führen solle. Im Mittelpunkt stehe die Freude der Kids und der soziale Austausch untereinander. Alle Übungen werden spielerisch durchgeführt. Es gibt Schauspieltraining, Tanz und Gesang. Und es gibt ein System von Meisterklassen. Darüber hinaus werden Eltern und Kinder bei Bedarf psychologisch unterstützt. Gleichzeitig werde darauf geachtet, sagt Lena, dass die Kinder viel erleben, zum Beispiel gemeinsam verschiedenste Orte in Jakutsk und Umgebung besuchen. Alle Treffen sollen in familiärer Atmosphäre ablaufen. Was natürlich nicht heißt, dass nicht auch hart geprobt werden müsste. „Im Dezember“, berichten die beiden, „standen wir tagelang im Tonstudio, um die Musik für die Inszenierung des ‚Kleinen Prinzen‘ aufzunehmen. Bei Außentemperaturen von Minus 35 Grad!“

Für das jakutische Publikum sind Aufführungen inklusiver Theatergruppen noch relativ neu. Und doch scheinen sie vom Zauber der Direktheit, mit der die Kids auf der Bühne stehen, sofort gefesselt. Viele Leute hätten bei der Premiere des „Kleinen Prinzen“, die im vergangenen Dezember auf der kleinen Bühne des Sacha-Theaters stattfand, gefragt: „Wer ist denn nun behindert?“ Aber so solle es ja sein, sagt Gernot. Die Zusammenarbeit der Kinder solle so selbstverständlich sein, dass die Frage nach behindert oder nicht keine Rolle mehr spiele. Eben: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Ob aber auch die Politiker das erkennen, die „großen Menschen“, die in der Zeichnung von Saint-Exupérys Piloten immer nur den Hut sehen und nicht die Schlange, die einen Elefanten verdaut? Der jakutische Präsident Egor Borissov jedenfalls gab gleich nach der Premiere des „Kleinen Prinzen“ sein Wort, das Projekt weiter zu fördern. Auch das Sacha-Theater, das nicht nur den Raum, sondern auch Schauspieler stellte, setzt die Kooperation fort. Doch betört nicht nur in Jakutien Der kleine Prinz die Menschen. Ende Februar ist die Inszenierung als eines der besten sozialen Projekte in der Russischen Föderation ins 5000 Kilometer entfernte Moskau eingeladen. Nominiert von der Gesellschaftlichen Kammer der Russischen Föderation, einem politischen Organ, das seit 2005 dafür sorgen soll, Interessen von Bürgern und gesellschaftlichen Gruppierungen in die Politik einzubringen. So geht sie also weiter, die Reise des kleinen Prinzen. Von Stück zu Stück, von Stern zu Stern.

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