Thema: Paris

Was Menschsein bedeutet

Warum die Kunst in Frankreich heute wichtiger ist denn je. Der Theaterleiter und Regisseur Philippe Quesne im Gespräch mit Lena Schneider

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„Das Wichtigste ist jetzt, dass wir weitermachen.“ Ein Satz wie dieser klingt nach den Anschlägen auf die Satirezeitung Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt in Paris verzweifelt, trotzig, ja vielleicht viel zu klein angesichts der Attentate. Und doch ist er wahr. Wir sind Charlie. Schön. Und gut! Aber wir müssen es auch weiterhin sein. Sensibel für die Fragen des Zusammenlebens. Warum die Kunst in Frankreich heute wichtiger ist denn je. Der Regisseur und Leiter des Théâtre Nanterre-Amandiers Philippe Quesne im Gespräch mit Lena Schneider (Theater der Zeit).

„La Mélancolie des Dragons“ / Je suis Charlie. Foto  Martin Argyroglo/Montage Philippe Quesne
„La Mélancolie des Dragons“ / Je suis Charlie. Foto Martin Argyroglo/Montage Philippe Quesne

Philippe Quesne, auf der Webseite des Théâtre Nanterre-Amandiers schrieben Sie kurz nach dem Attentat vom 7. Januar: „Das Wichtigste ist jetzt, dass wir weitermachen.“ Warum war Alltag die einzig richtige Art, mit dem Entsetzen umzugehen?

Das Ereignis war tatsächlich ein unglaublicher Schock für uns alle. Erschütternd und jenseits des Vorstellbaren, auch für uns, die wir als Künstler jeden Tag mit Fiktion arbeiten. Es ist eine tiefe persönliche Erschütterung, aber auch eine der französischen Gesellschaft, der Meinungsfreiheit überhaupt. Der 7. Januar war für uns der Tag der Wiederaufnahmepremiere von „La Mélancolie des Dragons“. Angesichts des Attentats fragten wir uns natürlich, ob man da überhaupt spielen kann. Aber letztendlich waren wir uns einig, dass man gerade in so einem Moment nicht versuchen darf, sich zurückzuziehen. Gerade als Künstler.

Ein Verschieben der Premiere, ein Innehalten kam nicht infrage?

In meinen Inszenierungen gibt es genügend Momente der Stille, in denen man darüber nachdenken kann, was Menschsein bedeutet, denke ich. Zu Beginn der Aufführung am 7. Januar gab es außerdem eine lange Pause, bevor es losging. Ein Moment des Atemholens. Am 11. Januar, dem Tag des großen Marsches gegen Terrorismus, haben wir dann den Beginn der Vorstellung verschoben. Die Zuschauer sollten sich nicht entscheiden müssen: Gehe ich ins Theater oder zur Demonstration? Wir wollten, dass beides möglich ist, das war uns sehr wichtig. Und heute Abend bieten wir, wie zwanzig andere Pariser Theater auch, den Zuschauern die neue Ausgabe von Charlie Hebdo an. Wir haben 1000 Exemplare gekauft.

So ein Ereignis schreibt sich in alles ein, was man danach erlebt, im Alltag, im Theater. Sicher auch in die Art und Weise, wie man die eigenen Stücke sieht.

Absolut. In meinen eigenen Stücken geht es oft um das Miteinander, das Zusammenleben. In der Realität, angesichts politischer, religiöser Unterschiede und einer Gesellschaft, in der die Menschen auseinandertreiben, ist das oft komplexer, aber in meinen Stücken versuche ich, das Paradox, die Träumerei zu zeigen, dass Menschen sich trotzdem verstehen. Jetzt wurde dieser poetische Ansatz von der Realität überrannt. Ich bilde mir nicht ein, die Welt zu verändern. Trotzdem habe ich im Moment jeden Abend das Gefühl, dass wir auf der Bühne die Überzeugung, die dieser Poesie zugrunde liegt, verteidigen.

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