Protagonisten

Vererbt den Skandal!

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin ist 100 geworden

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Bloß nicht klassisch werden, auch wenn man längst in dem Alter ist! Das scheint das Motto auch der Hundertjahrfeiern der Volksbühne gewesen zu sein, die sich nun sogar selbst auf einem Spruchband mit „altes Haus“ betitelte. Keineswegs resignativ, keineswegs auftrumpfend. Sondern sich auf jene selbstverständliche Weise der drohenden feiertäglichen Umarmung entziehend, die Frank Castorf so gar nicht zum anarchistischen Geist des Hauses zu passen scheint. Hat er recht damit? Ja, hat er. Nein, hat er nicht. Denn an der Volksbühne gibt es immer nur eine Koordinate in Raum und Zeit: nach der Schlacht, der immer aufs Neue verlorenen wohlgemerkt. Das ist bester Heiner Müller, das ist deutscher Geschichtsunterricht in notwendigster Form. Aber nach der Schlacht ist immer auch vor der Schlacht, der nächsten, die erst noch verloren werden will. Kein Problem für den Antiroutinier Castorf, die nächste Niederlage erglänzt aus Mühsal und Faulheit geboren bereits am Horizont.

Ein recht feudales Arrangement – Kulturstaatssekretär Tim Renner und Volksbühnen-Intendant Frank Castorf stoßen, vom „Volk“ beklatscht, an langer Tafel auf den 100. Geburtstag der Volksbühne an. Foto Thomas Aurin
Ein recht feudales Arrangement – Kulturstaatssekretär Tim Renner und Volksbühnen-Intendant Frank Castorf stoßen, vom „Volk“ beklatscht, an langer Tafel auf den 100. Geburtstag der Volksbühne an. Foto Thomas Aurin

Doch es kann Schlimmeres passieren als die nächste verlorene Schlacht, nämlich gar keine Schlacht mehr in diesem überdimensionierten Kasten aus den Tagen, da Volksbühne Massenideologie („Baut Volkskunsthäuser!“) des Proletariats und noch nicht Spartenkanal für Melancholiker war. Die Gefahr kommt von außen, sie dringt wie ein Virus, der das Immunsystem unterläuft, in den Körper der Volksbühne ein. Er heißt: Zweckentfremdung. Es wird schon zu häufig davon geredet, als dass man es einfach wieder vergessen könnte. Denn ein wahrhaft idiotischer Vorschlag geistert durchs Feuilleton: Die Volksbühne könnte nach der Ära Castorf ein Tanzzentrum werden, geleitet von einem Choreografen (Der Tagesspiegel vom 2. Januar 2015). Eine Art Ballhaus?! Aber das ist doch ein anderes Bier, ein von vornherein schales an einem Ort mit dieser Geschichte. Aber wissen das auch der neue regierende Kultursenator Müller und sein Staatssekretär Renner?

Wir leben in geschichtsvergessenen Zeiten, da gilt es die Erinnerung an einstige Glanzzeiten zu pflegen (die lustvoll ausgebeuteten Niederlagen), es sind die einzigen Waffen, die man gegen Abwickler, die von nichts etwas wissen wollen, was vor ihnen lag, noch einsetzen kann. Wer weiß schon, dass Max Reinhardt nicht nur der Urvater des Deutschen Theaters war, sondern auch der Volksbühne die ersten drei Jahre ihres Bestehens vorstand? Oder dass auch Piscators Name nicht nur mit der „Freien Volksbühne“ verbunden ist, sondern dass er Mitte der zwanziger Jahre Oberspielleiter am damaligen Bülowplatz war? Was wissen wir alle von jener Zeit der Volksbühne, da der Bülowplatz Horst-Wessel-Platz hieß? Und wer ahnt heute noch etwas von den gewaltigen gesellschaftlichen Aufbruchssignalen, die von Ende der sechziger bis Ende der siebziger Jahre von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz unter dem Schweizer Benno Besson, mitsamt dem Regieduo Manfred Karge und Matthias Langhoff, ausgingen? Bloß noch die, die dabei waren – und derer werden immer weniger. Das von der Volksbühne zum Jubiläum herausgegebene schmale Heft mit dem Titel „Das Haus“ ist im besten Volksbühnenstil ein Bandwurmtelegramm, das jedoch wohl nur Insidern Freude bereitet.

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