Thema: tanzen, forschen, weitergehen

Licht in die Welt bringen

Wie VA Wölfl mit den Mitteln der bildenden Kunst die Bühne erfindet

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Im Herbst 2007 realisierte VA Wölfl im Kunstverein Ruhr das Ausstellungsprojekt „Fontaine de Chocolat. Ein Readymade“. Schon 1977 hatte er mit „Broyeuse de Chocolat“ ein Readymade in Reaktion auf Marcel Duchamps Schokoladenmühle von 1914 geschaffen. In der Essener Ausstellung übersetzt er diese skulpturale Auseinandersetzung in ein räumliches Konzept, indem er einen White Cube innerhalb der Ausstellung innen vollständig mit Schokolade auskleidet. Die überwältigende Wirkung der Schokolade auf die Sinne des Besuchers spielt mit den synästhetischen Traditionen. Die Übersetzung des Readymade in den Raum spricht alle Sinne des Menschen an. Sie erscheint wie ein methodisches Schlüsselmotiv der Arbeit von NEUER TANZ. Bewusst nimmt VA Wölfl künstlerische Positionen des 20. Jahrhunderts auf, neben Marcel Duchamp vor allem Donald Judd, Walt Disney, Raymond Loewy, Ernie Kovacs und George Balanchine, befragt sie systematisch auf ein Denken in der Gegenwart, aber mit den Mitteln von Raum, Körper, Bewegung, Licht, Ton, Maschinen, also mit den Möglichkeiten der Bühne.

Tanz als Forschungslabor – Wie in „Chor(e)ographie/Journalismus: kurze Stücke“ zelebriert VA Wölfl zwischen vollkommenem Dunkel und gleißendem Licht eine Schule der Wahrnehmung. Foto VA Wölfl
Tanz als Forschungslabor – Wie in „Chor(e)ographie/Journalismus: kurze Stücke“ zelebriert VA Wölfl zwischen vollkommenem Dunkel und gleißendem Licht eine Schule der Wahrnehmung. Foto VA Wölfl

Der vielleicht unmittelbarste Zugang zu den „Chor(e)ographien“ von VA Wölfl und NEUER TANZ ist die Fotografie. Mit dem Tanz oder mit dem Licht zeichnen, schreiben und malen, sind zentrale Charakteristika eines der konsequentesten und auch hermetischsten Bühnenwerke der Gegenwart. Zum fotografischen Werk von VA Wölfl schrieb der Kunsthistoriker Ulrich Krempel 1991: „Wölfls Arbeitsprozeß macht das Kunstwerk, das da entsteht, niemals wirklich greifbar. Die neu entstandenen Bilder bleiben nicht sie selbst. Unter Glas noch, im abgeklebten Rahmen, mutieren sie, denn Glas, Rahmen und Rückseite sind mit fotografischer, lichtempfindlicher Emulsion überzogen, die sich verdunkelt, je mehr und je länger sie dem Licht ausgesetzt wird. Am Ende des öffentlichen Wirkens der Bilder steht ihr Verschwinden im Dunkel der das Bild einhüllenden Schichten. Das neue Bild gehört, wie das Bild des objet trouvé, zusehends einer Vergangenheit an, in der die Bilder noch sichtbar waren. Aber alle Bilder verschwinden im Dunkel, nur im Dunkel ist das Licht aufgehoben, die Helligkeit der Grauwerte, die Transparenz der Tönungen. Noch während das Licht scheint, das die Kunst braucht, um gesehen zu werden, hat das Dunkel begonnen, die Umrisse verschwinden zu lassen und die Gegenstände aufzusaugen.“ (Katalog der Galerie Schoppmann & Partner in Düsseldorf, S. 6 f.)

VA Wölfl übersetzt sein fotografisches Denken in den getanzten Bühnenraum. Die Bühne kann in seinen Choreografien verstanden werden als ein lebendiges und gigantisches Fotolabor. Wie in der Dunkelkammer, der Black Box, nehmen die Dinge mit dem Licht Gestalt an, um sich im Licht auch wieder aufzulösen. Es ist die Erfahrung einer Schöpfungsgeschichte, die jeder kennt, der in einem Labor gearbeitet hat. So sind auch die Tänzer Erscheinungen oder Abdrücke des Lichts. Schon in seinen frühen Performances „Licht brechen“ hat VA Wölfl diese Dimension von Körper und Licht als existenzielle Situation mit seinem eigenen Körper erprobt. In den choreografischen Arbeiten überträgt der bildende Künstler diese Erkenntnismethode von der Fotografie und von der Performance auf den Tanz und rührt damit an die Urszene der Moderne, in der durch Malerei, Fotografie, Film und Tanz ein neuer Horizont von Wirklichkeit geboren wurde.

Ausdehnung der Kunstzone

Bestärkt wird dieser Zugang zu NEUER TANZ durch die Zusammenarbeit zwischen VA Wölfl und dem experimentellen Filmemacher Werner Nekes Anfang der achtziger Jahre. In dem Kultfilm „Reise ins Licht – Uliisses“ entwickelt Werner Nekes eine neue Erzählweise mit den Mitteln des Kinos selbst und interpretiert die Schlüsselwerke von Homer und James Joyce für die Gegenwart. Odysseus/Bloom verwandelt sich in den Fotografen Uli. Sein Modell ist Penelope/Molly. Der heimkehrende Odysseus ist der Mann in der Dunkelkammer, der seine Frau von den Freiern erlöst, indem er diese fotografiert und auf dem Papier auslöscht. Gespielt wird Uli von VA Wölfl. Werner Nekes ist der Meister des experimentellen Films. Er schreibt mit Licht, spricht von „Lichteratur“. Diese Reflexion der eigenen Mittel, die ihr künstlerisches Vorbild im Bauhaus hat, für die Bühnenkunst insbesondere in der Arbeit von Oskar Schlemmer, wurde in den achtziger Jahren auch von Gerhard Bohner, dem Pionier des deutschen Tanztheaters, in seinen Soloarbeiten unternommen. NEUER TANZ entwickelt diesen Ansatz systematisch fort. In dem vielfältigen Zitieren der Moderne, aber auch der eigenen Arbeit, in der Verarbeitung allen Materials, auch der Kritiken, in der Ausdehnung der Kunstzone auf Werbung, Publikationen und Einladungen entsteht ein einzigartiges Gesamtkunstwerk. So plakatierte NEUER TANZ in großem Format in den Pariser Metrostationen oder schaltete kontinuierlich Kunstanzeigen in Lettre International. VA Wölfl schöpft aus dem künstlerischen Umfeld von Werner Nekes, Kraftwerk, dem Filmemacher Heinz Emigholz oder dem jungen Christoph Schlingensief, verfolgt aber zugleich mit ungebrochener Systematik und Konsequenz die Erschaffung einer eigenen ästhetischen formalen Sprache. So in „Ballet No. 5“ oder „LEITZ, dem Nachlaß verfallen“ (1988), in dem sich die Tänzer über lange Zeit in vollkommener Dunkelheit bewegen. Der Zuschauer beginnt mit der Zeit, die Bewegungen zu hören. Aus dem Dunkeln lösen sich die Formen und Bewegungen der Tänzer heraus – die Entwicklung des Sehens aus dem Hören.

1989 hörten wir in „RÄUMEN“ von NEUER TANZ die Stimme von Martin Heidegger: „Räumen ist Freigabe der Orte, an denen ein Gott erscheint, der Orte, aus denen die Götter entflohen sind, Orte, an denen das Erscheinen des Göttlichen lange zögert …“ (Heidegger: Die Kunst und der Raum, 1969) Neben dem Licht ist der Raum der zweite Zugang zum Werk von NEUER TANZ. Der Raum ist in Bewegung, Teil der Choreografie und die andere Seite des Lichts. In „ELEPSIE, die Künstler sind anwesend“ (1994) ist es ein weißer Vorhang, der gemeinsam mit Filmprojektionen den Raum kontinuierlich verändert.

Auftauchen – und wieder Verschwinden

In den Produktionen seit 2007 wird die Bühne vorwiegend von einem hellweiß ausgeleuchteten Raum bestimmt. Der weiße Tanzteppich verlängert sich in die Vertikale als Entgrenzung des Bodens. In diesen Räumen inszeniert NEUER TANZ manchmal in bis dahin unbekannter Konstanz bis zu 30 Minuten im Dämmerlicht. Zwischen vollkommenem Dunkel und gleißender Lichtwirklichkeit wird eine Schule der Wahrnehmung zelebriert, in der die Tänzer und Objekte auftauchen oder verschwinden. Die Tänzer an der Grenze der Sichtbarkeit, der Betrachter an der Grenze der Wahrnehmung. Es entstehen Situationen, in denen der Betrachter erfährt, wie das Licht oder der Raum zum Tanz werden. Ähnlich das Zerdehnen und Wiederholen von Bewegungssequenzen, das die Zeit zum Thema macht. Denn nur in der Zeit entfalten sich Raum und Licht, wie nur im Licht sich Raum und Zeit entfalten. Die Bewegung ist Teil dieses Forschungslabors, aber in den Arbeiten von NEUER TANZ sind es nicht nur die Tänzer, die sich bewegen können. Es sind, wie bereits gesagt, das Licht, der Raum, aber auch die Gegenstände, die Scheinwerfer, die Waffen und Musikinstrumente, die gelben Tennisbälle, die von einer Ballmaschine in den Raum geschleudert werden, die Gewinnung von Kupferdraht, die auf der Bühne ihre eigene Choreografie schafft, die Filmprojektoren. Alles zu entdecken in „Chor(e)ographie/ Journalismus: kurze Stücke“, uraufgeführt im Januar 2013 im Théâtre de la Ville in Paris.

Getanzt wird in den Produktionen von NEUER TANZ auch. Die Tänzer, gekleidet mit paillettenbesetzten Anzügen und mit Rodeohüten, tragen Gewehre oder Revolver, spielen elektrische Gitarren, singen, zeigen Zauberstücke. Es sind oft chorische Bewegungssequenzen, die an ein Exerzieren des Tanzes erinnern. VA Wölfl hat das e in „Chor(e)ographie“ in Klammern gesetzt, spielt mit dem Begriff des griechischen Choros, was Gesang und Tanz meint. Oft lösen sich durch das Reflektieren der Pailletten die Körper der Tänzer auf, die Bewegungen entwickeln sich zwischen dem Licht, dem Raum und den Tänzern – im Kopf des Betrachters. Dann das langsam auflodernde Rauschen der Stimmen von Fans im Fußballstadion, das mit dem Phänomen der Masse spielt. Ähnlich wie Einar Schleef geht VA Wölfl bis an die Grenze des Gleichschritts, er spielt mit dem Phänomen der Masse, Gewalt ist im Spiel. Die hervorragenden Tänzer, die vollkommen jenseits ihrer virtuosen Möglichkeiten bleiben, wenn sie im Gleichschritt zu ihren Instrumenten gehen, wenn sie zu Sängern oder Musikern werden, beherrschen ihre Aufgabe mit Perfektion. Aber sie bleiben nur anscheinend unter ihren Möglichkeiten, denn die Herausforderung ist immens. Nur durch ihre ungebrochene Konzentration, ihre Präzision schaffen sie die Räume dieser komplexen Gesamtkunstwerke.

Raum und Bewegung, Licht und Choreografie, Tänzer und Maschinen, Bühne und Publikum, sie sind nicht voneinander zu trennen. Sie bilden eine unauflösliche Einheit, in der die gewohnten Vorstellungen über den Haufen geworfen werden. Und diesen Widerstand leistet NEUER TANZ bis heute. Die Verweigerung von Erklärungsmodellen, der Widerstand gegen Bedeutungsfestlegungen treiben NEUER TANZ weiterhin an. Dazu passt das Selbstzitat, das immer neue Aufgreifen von Bausteinen und Materialien aus dem Gesamtwerk. NEUER TANZ macht keine neuen Stücke, sondern aktualisiert das komplexe Beziehungsgefüge aus ästhetischem Material, Weltgeschehen, Kritik und Publikum. Es geht um die systematische Dekonstruktion des Theaterraums und damit des Kunstraums. Die Einladungskarte, signiert und manchmal nummeriert, die Anzeige, der Antrag, die Kulturpolitik, die Kritik, die Gastfreundschaft gegenüber dem Besucher – die Grenzlinien zwischen Kunst und Alltag, Werbung und Leben –, sie lösen sich immer weiter auf. Die Frage, die VA Wölfl interessiert, ist, bis zu welchem Punkt dieses System geführt werden kann. Peter Weibel, Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe, hat es so zusammengefasst: „Der beherrschende visuelle Faktor unseres Lebens ist die tägliche visuelle Kommunikation mit dem visuellen urbanen Environment: Magazine, Fotos, Schaufenster, Prospekte, Blumentöpfe, Möbel … Mit einem Wort: eine verwirrende Vielfalt. In dieser Konfusion der alltäglichen Ästhetik, wo verschiedene Jahrhunderte, Stile und Materialien aufeinandertreffen, haben sich unsere Sinne eingerichtet und versucht, Sinn zu schöpfen. VA Wölfls visuelle Rhetorik bringt uns diese Punkte jener alltäglichen Ästhetik zur Anschauung.“ (Peter Weibel zur Ausstellung „Die vier Jahreszeiten“ von VA Wölfl in der Kunstsammlung Bochum, 1980.)

NEUER TANZ schreibt das Ästhetische als radikale Position bis an die Grenzen des gesellschaftlich Möglichen fort, behauptet nach wie vor den Freiraum der Produktion, die Bedingungslosigkeit der Untersuchungen, das Überschreiten aller Festlegungen von Tanz, Kunst, Malerei, Fotografie oder Theater. Indirekt legt NEUER TANZ damit den Beweis dafür vor, dass wir eine unabhängige Tanzszene brauchen, unabhängig von den Produktionsbedingungen, Marketingüberlegungen und Besucherstrukturen der Opernhäuser und Staatstheater, unabhängig von den Bedingungen der Festivalmacher, unabhängig von äußeren Einmischungen in einen künstlerischen Forschungsprozess. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2015/03/32395/komplett/