Thema: Kinder- und Jugendtheater

Liebe, Lust und Einsamkeit

Das Kinder- und Jugendtheater hat keine Scheu vor neuen Formen und radikalen Themen – und kämpft trotzdem immer noch mit Vorurteilen

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Performatives Theater, Stückentwicklungen, Roman- und Filmbearbeitungen – alles, was in den vergangenen Jahren im Abendspielplan erst als Modetrend und dann als nachhaltige Entwicklung beschrieben wurde, gibt es auch im Kinder- und Jugendtheater. Oder es war schon vorher da. In vielen Bereichen – wie bei der Zusammenarbeit mit internationalen Theatermachern – waren die Jugendbühnen die Vorreiter. Nur entsprechend wahrgenommen wurden und werden sie nicht, weil immer noch bei vielen Regisseuren, Intendanten, Dramaturgen und Kritikern das Vorurteil herrscht, dass Kinder- und Jugendtheater künstlerisch nur in Ausnahmefällen ernst genommen werden muss. Wenn überhaupt. Natürlich ist das purer Unfug, aber Vorurteile halten sich hartnäckig. Wenn es darum geht, möglichst große Teile der Bevölkerung anzusprechen, neue Formen zu entwickeln und nah dran zu sein an der Wirklichkeit, erfüllen die Kinder- und Jugendtheater diese Aufgaben sogar besser als manche städtische „Erwachsenentheater“-Bühne.

Pädagogischer Zeigefinger und/oder harmlose Kinderbespaßung? – Das Kinder- und Jugendtheater muss noch immer beweisen, dass es dem Abendspielplan in nichts nachsteht, etwa mit Produktionen wie „Demian“ am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf (2010, Regie Daniela Löffner). Foto Sebastian Hoppe
Pädagogischer Zeigefinger und/oder harmlose Kinderbespaßung? – Das Kinder- und Jugendtheater muss noch immer beweisen, dass es dem Abendspielplan in nichts nachsteht, etwa mit Produktionen wie „Demian“ am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf (2010, Regie Daniela Löffner). Foto Sebastian Hoppe

Den pädagogischen Zeigefinger und die harmlose Kinderbespaßung gibt es – bis auf immer weniger werdende Ausrutscher – vor allem in kommerziellen Produktionen. Und auch dort werden solche Aufführungen seltener. Den stilprägenden Überraschungshit „Verrücktes Blut“ zum Beispiel hat nun auch das Euro-Studio Landgraf – das führende private Tourneetheater – durch die Kleinstädte geschickt. In einer Inszenierung, die sich stark an die vom Ballhaus Ost in Berlin und der Ruhrtriennale koproduzierte Uraufführung anlehnt. Auch on tour dauert die Aufführung über zwei Stunden ohne Pause. Allein das geht schon gegen die ungeschriebene Regel, dass solche Stücke kurz sein müssen, weil sich das Zielpublikum nicht so lange konzentrieren könne.

Das Stück von Nurkan Erpulat und Jens Hillje wurde an vielen Stadttheatern nachgespielt, die Uraufführungsinszenierung war auf vielen wichtigen Festivals zu sehen. Nur nicht beim Kinder- und Jugendtheaterfestival Augenblick mal! in Berlin. Da lehnten die Macher eine Einladung ab, weil sie befürchteten, dass sie dann in der Jugendschublade verschwinden und nicht mehr zum „großen“ Theatertreffen kommen dürfen. Diese – sagen wir’s zurückhaltend – karrieregeile Entscheidung zeigt in perverser Deutlichkeit die falsche Wahrnehmung des Jugendtheaters.

Warum ist „Verrücktes Blut“ so erfolgreich? Weil die Handlung selbst durchaus als well-made play funktioniert, als abgründiger Thriller mit psychologisch glaubwürdigen Figuren und überraschenden Wendungen. Langsam verstehen ja auch die Macher des Abendspielplans, dass gute Geschichten nicht Feinde des Theaters sind, im Gegenteil. Aber es gibt auch reflektierende, diskursive Elemente, die das realistische Spiel brechen. Am Anfang ziehen sich die Schauspieler auf der Bühne um. Manchmal sprechen sie auch später keinen Slang mehr, sondern Hochdeutsch, singen mehrstimmig romantische Volkslieder. Dann springen sie wieder in die Rollen als lernunwillige Verlierer, die keinen Sinn in Schulbildung sehen, wenn ihnen ohnehin nur eine Zukunft mit Hartz IV bleibt. Die kantige, glaubwürdige, provozierende Art, in der hier Migranten und Deutsche übereinander sprechen, zerfetzt alle politisch korrekten Sprachregelungen. Im Original hatten Erpulat und Hillje eine Aufführung mit türkischstämmigen Schauspielern entwickelt. Das Tournee-Ensemble hingegen hat alle möglichen Wurzeln, darunter Italiener, Griechen, ein Halbchinese. Nachspielbare neue Stücke zu gewinnen, ein Autorentheater für Kinder und Jugendliche zu entwickeln, ist eins der großen Themen der vergangenen Jahre. Die Stücke-Tage in Mülheim an der Ruhr, die jedes Jahr den Dramatikerpreis vergeben, haben seit sechs Jahren einen zweiten Wettbewerb, die KinderStücke. Um neue Texte für Jugendliche kümmert sich entsprechend der Heidelberger Stückemarkt. In der Mülheimer Auswahl dieses Jahres fällt auf, dass mehrere namhafte Autoren erstmals für Kinder gearbeitet haben, wie Kristo Šagor und Sibylle Berg. Angeregt wurde das durch Stückaufträge, im Fall Sibylle Bergs durch die Kunststiftung NRW. Das Consol Theater Gelsenkirchen hat „Mein ziemlich seltsamer Freund Walter“ uraufgeführt.

Lisa, fast neun Jahre alt, geht zur Schule. Jeden Morgen wird sie von Jugendlichen gequält, die ihren Tornister ausleeren und das Mädchen herumstoßen. Lisas Eltern sind arbeitslos, sitzen auf dem Sofa und fressen Tiefkühlpizza. In der Schule will niemand neben ihr sitzen. Sie ist ein Opfer, einsam, zum Mobbing freigegeben. Da findet sie plötzlich hinter ihrem Haus einen Jungen aus dem Weltall. Er ist ein außerirdischer Tourist – und nun lost on earth.

Seinen Namen kann Lisa nicht aussprechen, also nennt sie ihn Walter. Und Walter macht ihr Mut, sie lernt Kung-Fu, setzt sich durch, entwickelt Selbstbewusstsein. Sogar ihre Eltern interessieren sich wieder für sie. „Mein ziemlich seltsamer Freund Walter“ ist ein Märchen über Mut und Mobbing. Sibylle Berg entfaltet erst die aus ihren anderen Stücken bekannte bittere bis zynische Sicht auf die Welt. Allerdings in leichterem Tonfall, verspielt, ohne einen Anflug von Weinerlichkeit. Walter könnte eine Fantasiegestalt sein, für andere als Lisa ist er unsichtbar. Die Wendung ins Positive wirkt ein bisschen naiv. Deshalb ironisiert Regisseurin Andrea Kramer das glückliche Ende auch ein wenig. Es bleibt der Eindruck, dass sich Sibylle Berg vor allem am Ende zu sehr zurückgenommen hat. Vielleicht weil sie geglaubt hat, ein Text für Kinder müsse immer pures Mutmachtheater sein. Die Förderung neuer, nachspielbarer Kinderstücke bleibt eine wichtige Aufgabe.

Natürlich muss hier kurz das Problem Geld angerissen werden. Im Verhältnis zu ihrer Aufgabe, ihrer Produktivität und ihrer Leistungskraft erscheinen fast alle Kinder- und Jugendtheater lächerlich unterfinanziert. Es gibt zwar immer wieder Projektmittel, aber viel zu selten eine kontinuierliche Förderung. Politiker verteilen Streicheleinheiten und Lippenbekenntnisse, das konkrete Handeln bleibt auf symbolische Handlungen beschränkt. Das muss sich ändern!

Vor allem fehlt es vielen Geldgebern an Verständnis für das Kinder- und Jugendtheater als Kunstform, die von Profis gestaltet wird. Der wunderbare Film von Thomas Gruber und Enrique Sánchez Lansch „Rhythm Is It!“ war 2004 sowohl eine Initialzündung wie auch ein Fluch. Der Film dokumentierte ein Projekt, bei dem 250 Jugendliche aus 25 Nationen unter Anleitung des Choreografen und Tanzpädagogen Royston Maldoom und in Begleitung der Berliner Philharmoniker Igor Strawinskys Ballett „Le sacre du printemps“ probten. Natürlich geht es hier nicht darum, dass Kinder aus den Vorstädten genauso toll oder gar besser Strawinskys „Sacre“ tanzen können als Profitänzer. Sondern darum, dass sie – andere Geschichten erzählen, auf ihre eigene Weise, was sich aber nur als Theater – oder Film – genießen lässt, wenn Profis es in eine Form gießen. Laienprojekte sind kein Selbstzweck. Sie müssen reflektiert und auf hohem künstlerischen Niveau passieren – und Nachwirkungen haben. Platt ausgedrückt: Wenn man einfach nur die Hartz-IV-Empfänger von morgen gelegentlich über die Bühne jagt, hat man unsere Gesellschaft nicht wirklich vorwärtsgebracht. Ein Beispiel für ein gelungenes Projekt ist „Next Generation“ von Nuran David Calis, produziert am Bochumer Schauspielhaus im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr.2010. 37 Jugendliche, die sich in den Bochumer Kammerspielen als „Next Generation“ vorstellen, teilen einen gemeinsamen Traum: Sie wollen dazugehören, Familie haben und eine Arbeit, die ihnen Spaß macht und von der sie leben können.

Entstanden ist das Ensemble in neun sogenannten Zukunftshäusern zwischen Duisburg und Herne, in denen „Ghettokids“ mit professionellen Musikern, Choreografen und Regisseuren Performances, Filme, Songs erarbeiteten. Calis lud dann zu einem etwas anderen Casting ein, ohne Druck, ohne oberschlaue Ratschläge. Wer mitmachen wollte, durfte das tun. Diese Art Theater ist angreifbar – wenn man vom intellektuellen Ross herab fragt, was das Neues bringt und ob die Träume der Jugendlichen nicht ziemlich banal sind. Ja, sind sie. Doch an diesem Abend bekommen sie Gesichter und Körper. Die Jugendlichen sind da, im selben Raum, man kann sie nicht wegklicken. Und will es auch gar nicht, denn trotz manch grausiger Erlebnisse, die sie schildern, trotz der Unsicherheit, ob ihre Familien nicht bald ausgewiesen werden, trotz Begegnungen mit Neonazis, sind sie nicht aggressiv. Im Gegenteil, sie versprühen eine mitreißende positive Energie, Lust auf Zukunft.

Ältere Leute aus dem Ruhrgebiet erscheinen per Video. Sie tragen weiße Gewänder, werden als „Götter“ angesprochen. Und erzählen von der eigenen Jugend, aber auch davon, dass sie nicht Türkisch lernen wollen, um sich in einem Supermarkt in Duisburg-Marxloh noch verständlich machen zu können. Die Jugendlichen kommentieren die Äußerungen mit Beifall und lauten Pfiffen. Sie sehnen sich einerseits nach Autoritäten, haben aber gelernt, nicht allen zu vertrauen. Die Zusammenarbeit der Generationen, der Jugend- und der neu entstandenen Altenklubs, ist auch eine wichtige Entwicklung. Martina Droste hat da herausragende Arbeit geleistet, zuerst am Theater Dortmund, nun am Schauspiel Frankfurt.

Im Kinder- und Jugendtheater ist alles möglich. Jedes Thema, jede Spielform, auch krassere Varianten des Regietheaters. Ein besonderes Beispiel war Daniela Löffners Inszenierung von Hermann Hesses Roman „Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend“ am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf. Emil Sinclair, der pubertierende Held, spricht Sätze der Vorrede direkt ans Publikum. Um ihn herum entsteht eine Waffelbackgemütlichkeit. Am Anfang seiner Geschichte ist Emil zehn Jahre alt und noch ganz in der Familie verwurzelt. Doch dann lernt er das Böse kennen, in Gestalt eines älteren Mitschülers. Der erpresst, schlägt und quält ihn. Emil traut sich nicht, etwas zu sagen, zieht sich in sich selbst zurück, verliert das Vertrauen in sich und die Welt. Er findet einen Freund, Demian. Der wirkt älter, erwachsener, ist Gefährte und Ersatzvater. Ein idealer Mensch, so einen wünscht man sich in Träumen. Auf der Bühne tritt immer nur Emil mit Demian in Kontakt, ähnlich wie Lisa mit ihrem seltsamen Freund Walter in Sibylle Bergs Stück. Emil kommt in ein Internat, wirft sich in Partys und Gelage, säuft und tanzt, schläft aber nie mit einer Frau. Weil er „die Richtige“ noch nicht gefunden hat.

Die Inszenierung fährt fast alles auf, was das zeitgenössische Regietheater zu bieten hat. Die Schauspieler ziehen sich oft um und sind zwischendurch nackt zu sehen. Sie sauen mit Nahrungsmitteln herum, bis die Bühne, eine Holzwandarena, ein einziger Schmodder aus Wasser, Saft, Mehl und allem Möglichen ist. Bei Sichtveranstaltungen für Lehrer gab es sehr unterschiedliche Reaktionen, einige Pädagogen konnten mit den Bühnenexzessen wenig anfangen. Die entfesselte Körperlichkeit ist allerdings kein Selbstzweck. Denn in Hesses „Demian“ geht es um die Lust an Grenzüberschreitungen, die Entdeckung des Körpers, die Gefährlichkeit der Pubertät, den Augenblick, in dem der Rausch in Verlorenheit umschlägt. Eine Performance wie zu den besten Zeiten von Frank Castorfs Volksbühne.

Um das Chaos der Gefühle in der Pubertät zu beschreiben, eignet sich diese Ästhetik besonders gut. Auch das Rheinische Landestheater Neuss hatte mit einer ähnlichen Herangehensweise großen Erfolg, mit „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ nach Robert Musil in einer angemessen krassen Inszenierung von Marc Lunghuß. Wenn man diese – und viele andere – Aufführungen sieht, werden sämtliche Vorurteile pulverisiert. Es wird endlich Zeit, das Kinder- und Jugendtheater als gleichwertige Kunstform zum Abendspielplan zu begreifen, zu reflektieren, zu kritisieren – und auch zu finanzieren. Das wäre nur ein längst überfälliges Akzeptieren der Realität. //

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