Kolumne

Managerkrankheiten

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Es gibt Tage, da sieht alles sehr hässlich aus. Das heißt, man sieht sich beispielsweise plötzlich nur noch umstellt von Gespenstern – Kollegen- und Kolleginnengespenstern. Das heißt, sie sehen aus wie Menschen, die nur noch strategisch operieren. Als würden sie beispielsweise alles ausschließlich zu Profilierungszwecken machen. Ja, es gibt Tage, an denen mich so ein Profilierungsaugenmerk befällt wie eine seltene Augenkrankheit, die man nur schwer loswerden kann. Dabei muss ich mich nur im Spiegel ansehen. Was mache ich nicht, um noch mitzureden, ängstlich wie ein Tierchen, das man schon in die Ecke schiebt, dorthin, wo die Betriebspurzelbäume hausen? Bin ich nicht selbst dabei, die Selbstprofilierungsmaschine anzuschmeißen? Werfe ich den anderen nicht das vor, was ich selbst mache? Da gibt es zum Beispiel ein Gemeinschaftsonlineliteraturprojekt mit derart spekulativer Thematik, wie es sich selbst der wildeste Stadttheaterdramaturg nicht hätte ausdenken können: „Zwei Mädchen im Krieg“. Zu dem Fall der beiden sehr jungen österreichischen Frauen bosnischer Herkunft, die sich dem IS angeschlossen haben. Ich beginne im Spiegel zu sehen, wie eine Autorin X (die sich in ihrer Kommentarfunktion zur Kritik aufgefordert sieht) vergleichsweise jüngere Autoren, die Autoren Y, Z und W, ja vor allem W – es sind erst einmal nur Männer –, anmacht, das heißt, sie benutzt in einem öffentlichen Blog ihre vergleichsweise stärkere Machtstellung im Betrieb, um den vermeintlich profilierungswütigen Autoren eines vor den Latz zu knallen. So könnte es im Spiegel aussehen. Sie würden abgekanzelt, erfährt Autorin X einstweilen in einer Mail, mit der langen Leseliste. Was sie erst einmal lesen sollten, hätte sie geschrieben, und Autorin X fragt sich, ob die Nennung von anderen Autorennamen schon eine Leseliste darstellt.

War sie wirklich nur, wie sie dem Spiegel jetzt eifrig erzählt, daran interessiert, literarische Kontexte aufzumachen? Die jungen Autoren – es sind erst einmal nur Männer – nutzen ihre Freundschaften, suchen Allianzen, wollen vermutlich Schulterklopfen. (Wollte Autorin X vermutlich auch, aber Schulterklopfen ist noch kein ästhetisches Programm.) Der Medienbetrieb, das ist klar, will den Dissens als Spektakel. Ein Radiosender ruft bei X an und will eine Stellungnahme, ein weiterer folgt am nächsten Tag, weil die spüren, da kracht es. Es geht vermeintlich um viel, das Thema IS, aber auch wieder um nichts, weil die Autoren – es sind erst einmal nur Männer –, die darüber schreiben, zunächst ins romantische Hinterzimmer zurückweichen bzw. sich in klugen Verweigerungshaltungen vorwärtsbewegen oder nach fiktiven Parallelgeschichten Ausschau halten. Himmelherrgottnochmal, sagt der Spiegel, was sollen sie auch anderes machen?

Sie haben Recht: Und jetzt schreibt Autorin X noch darüber in ihrer Kolumne, das geht ja schon mal gar nicht. Aber ich muss. Denn ich habe da so ein realistisches Frühlingsgefühl, und da sollte man am besten mit den eigenen Kontoauszügen anfangen. Was geht rein, was kommt raus, was macht man da überhaupt, und kann man es noch überblicken? Warum mache ich das alles? Eine Mischung aus Kalkül, Neugier und Spiel, wie so oft. Nein, in diesem Fall nicht Geld, das heißt, nicht wirkliches Geld. Wie verrückt, werden jetzt einige rufen, dann so was zu machen! Ja, an manchen Tagen sieht es eben übel aus, an Tagen der seltenen Augenkrankheit. Sie werden mich erneut unterbrechen, nun gänzlich unwillig geworden: Es sei keine seltene Krankheit, alles rein strategisch zu sehen. Das ist doch eine allseits bekannte Managerkrankheit, wüsste ich das nicht? Man kann sich davon nicht wirklich kurieren, das ist wie mit Darmpilzen, wenn sie überhandnehmen, dann hungert man sie eben aus. Aha. Von den Managern sind mir also nur deren Krankheiten geblieben, sage ich mir an den Tagen, an denen alles hässlich aussieht. Nein – von den Managern sind mir auch noch die Altersangaben geblieben: nicht über vierzig! Auch bei jenem Online-Projekt wurde nur die Generation der Dreißiger, Enddreißiger, Unterdreißiger tätig, keiner über fünfzig dabei, genauso wie bei dem zeitgleich stattfindenden Dramatiker/-innentreffen in der Berliner Lettrétage, wo ich mich als Betriebssaurier wiederfand. Überlebende so mancher Eiszeiten und Stürme, garantiert Unüberlebende des noch Kommenden. Vermutlich haben sich die Fünfzigjährigen zum größten Teil vaporisiert, es sei denn, sie sind die happy few, die selber Regie machen oder sehr, sehr berühmt sind.

Ich bin nicht sehr, sehr berühmt, muss mich schon darauf einstimmen, eher dreißigjährig zu werden als sonst was zu machen. An Tagen wie diesen, an denen alles hässlich aussieht. Dann treffe ich Eugen Ruge. Er lädt einige Leute ein in seine Wohnung, und wir verbringen einen Abend, an dem einfach nur geredet wird. Unter anderem über Foucault, Heiner Müller, den radikalen Neoliberalismus und den sich wahnsinnig rasch vollziehenden Generationenbruch durch ebendiesen, aber ohne jeden Druck, kein Produkt muss am Ende des Abends dastehen, keine strategische Abgrenzungsrhetorik dominiert den Abend, und die Warenform der mich umstehenden Gedanken hat mich für einen Moment einfach ausgelassen. Ich bin ihm erst einmal dafür dankbar, für dieses Einfach-miteinander-Reden, das, was man früher Gespräch genannt hat und was es immer noch zu geben scheint. He saved my day! //

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