Neuer Realismus

Negativer Realismus

von

Google-Masterstory, Castingshow und Spielanordnung. Die Autorin Kathrin Röggla ist gegenüber der massiven Präsenz solcher Erzählprinzipien im Theater misstrauisch. Denn sie sind zuweilen harmlos, beliebig. Doch wie soll man überhaupt für das Theater schreiben, wenn der Gegenstand unbekannt ist? „[Wir] wissen viel mehr von der Hysterie, die durch Rohstoffmärkte wandert, zu erzählen als über reale Menschen, an denen doch die Geschichten angeblich dranhängen“, schreibt sie. Kathrin Röggla nähert sich dem Realismusbegriff, wie ihn Bernd Stegemann in seinem Buch „Lob des Realismus“ versteht – und öffnet in der Auseinandersetzung damit einige Problemfelder: „Realismus beginnt eigentlich immer, und das von allen Seiten, er ist eine permanente Aufforderung, und er ist gleichzeitig als Begriff wahrlich immer schon verbraucht, weil er dieses kurze 20. Jahrhundert wie eine schwere Bürde trägt.“

„Das Kongo Tribunal“ – Bei einer Recherche dreht Milo Rau mit kongolesischen Soldaten. ©2015 Fruitmarket, Langfilm & IIPM / Eva-Maria Bertschy
„Das Kongo Tribunal“ – Bei einer Recherche dreht Milo Rau mit kongolesischen Soldaten. ©2015 Fruitmarket, Langfilm & IIPM / Eva-Maria Bertschy

1. Geschichten und wo sie nicht herkommen

Beinahe hätte ich gesagt, man müsse wieder Geschichten erzählen, aber ich wurde kurz davor unterbrochen von einer Person, die hier lieber anonym bleiben und sich doch äußern möchte: Ich solle in der folgenden Passage nichts verlautbaren, was sie als Veganerin, Frau mit kreolischer Herkunft, Transgenderpersönlichkeit, als Muslim, als kirchlichen Würdenträger und Russen, als Menschen mit Behinderung und ohne, als Heterosexuellen wie Homosexuellen, als Kind mit besonderer Begabung, als altersbedingt herausgeforderten Menschen beleidigen könnte. Habe ich auch nicht vor, sage ich ihr und will gerade fortfahren mit meinem Gedanken, in den jetzt die ständige Überlegung hineinläuft, ob nicht doch etwas Verletzendes dabei sein könnte, da werde ich schon wieder von jemandem aufgehalten, dessen Name hier absolut nichts zur Sache tut und der mich darauf aufmerksam macht, an die Schweigeklauseln zu denken, und wenn ich ausreichend an meine Schweigeklausel gedacht habe, dann solle ich auch an seine Schweigeklausel denken, denn von ihm habe ich ja doch den ganzen Kram, den ich hier vorzubringen gedenke, das heißt die Ausgangsbasis dafür. Ich bin noch dabei, über die Ausgangsbasis nachzudenken, da kommt er schon mit weiteren Schweigeklauseln, zum Beispiel der von Cornelia H., und die stehe unter einem ganz besonderen Schweigegebot, das nur noch von jenem der Mitarbeiter von K. getoppt werden könne. Und bevor ich auch nur durchatmen kann, fragt er mich schon weiter, ob ich meine ganze rechtliche Situation überdacht habe, schließlich hingen da einige Konzerne mit drin, einige Multiplayers. Nein, sage ich ihm, da hängen ganz sicher keine Konzerne mit drin, in diesem Text einmal ausnahmsweise nicht, dann sagt er, wenn du etwas über unsere Welt erzählen willst, kommst du um gewisse Wahrheiten nicht herum. Das finde ich reichlich kurz gegriffen und will zurück zu meinem Statement, um dort einen windigen PR-Typen zu finden, der behauptet, er würde mich gut kennen, dabei bin ich mir sicher, ihm noch nie begegnet zu sein. Aber ich weiß auch so, dass er mir gleich ins Wort fallen wird, weil so jemand einem immer ins Wort fällt, und sagen wird: „Du willst jetzt sicher bekanntgeben, dass man wieder Geschichten erzählen muss.“ Er wird dann eine bedeutsame Pause machen, in der ich ihn fragend ansehe, und dann wird er hinzufügen: „Ich weiß doch, was so jemand in deiner Diskursposition jetzt äußern muss“, und wird fortfahren, mir zu erklären, dass wir auf dem künstlerischen Feld im postnarrativen Zeitalter seien, wo doch die Narrative ins PR-Feld gewandert seien, das heißt, die Konstruktion von Geschichten sei in die PR-Abteilungen gewandert, in die Strategieabteilungen dieser Welt. Solche Geschichten meine ich nicht, werde ich ihm sagen und überlegen, ob er doch kein PR-Typ ist, sondern eher das Gegenteil eines PR-Typs, falls es so was überhaupt gibt, denn so ein Statement würde ja nach hinten losgehen. Doch bevor ich jetzt hinzufügen kann: „Ich meine verbindliche Geschichten“, was bei ihm lediglich lautes Gelächter auslösen wird, rudere ich schon zurück, drehe mich um und lande direkt vor dem riesenhaften Gesicht eines Avanessian-Fakes. Das ruft leicht über allem schwebend erwartungsgemäß, man müsse die Geschichten eben nur schneller erzählen, man müsse das Kapital überholen in seiner Geschwindigkeit. Links von mir zischt jemand, es gehe doch um Zusammenhänge, was ihn sich aber gleich auf die Zunge beißen lässt, weil „die Zusammenhänge“ natürlich der naivste und einfachste Begriff ist, der Nenner, auf den sich ein jeglicher Realismus oder Postrealismus bringen lässt, der sich einen Schritt von der naturalistischen Verzückung, der authentischen Verführung wegbewegt, von der das Theater auch immer wieder angezogen wird. Er zischt noch ein zweites Mal und setzt sich in Bewegung, ein Romanautor, vermute ich, „stimmt“, sagt er auch schon, dem ich jetzt hinterherzulaufen beginne und der von Plotstrukturen spricht, jenseits derer Verbindlichkeiten nicht herzustellen seien. Verbindlichkeiten jetzt aber bitte nicht im Sinne von Respekt vor den Communitys, ruft er etwas keuchend aus. Den habe Heinz Bude in seiner kürzlich in Berlin gehaltenen Vorlesung an der Humboldt-Universität von den Künsten nicht nur gefordert, sondern auch als zentrale Aufgabe der Kunst beschrieben. Was für ein Unsinn, rufe ich dazwischen, doch auf mich hört keiner mehr, denn unterdessen ist Cornelia H. aufgetaucht und bringt mit Gegendarstellungen alles durcheinander, und die Person, die sich nicht beleidigt sehen möchte und inzwischen von hinten an mich herangetreten ist oder die ich vielleicht selbst geworden bin in meiner Überidentifikationstätigkeit, mit meinem Opfervereinnahmungstick, der Schriftsteller manchmal ereilt, also für die Positionen zu schreiben, die sie gar nicht kennen können, aber immer schon zu kennen glauben – diese Person würde nun endlich gerne die Ohrfeige austeilen, die jetzt fällig wäre, doch ich bin längst verschwunden und falle so auch als Ohrfeigenabnehmer aus. So höre ich auch nicht mehr, wie jemand dazwischenruft, dass hier ohnehin alles embedded sei, dass ich embedded sei, ins System eingespeist, von ihm profitiere und zudem zu keinen Informationen finden würde, die wirklich aussagekräftig seien, was der Romanautor neben mir sofort als allein journalistische Problematik zurückweist, und wir seien ja in der Kunst, es gehe ja ums Theater. „Richtig“, rufen Sie dazwischen, „wo bleibt hier die Rede vom Theatertext!“ Gott sei Dank, endlich sind Sie da!

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