Protagonisten

Requiem für den Narren

Der Intendant Matthias Brenner spielt am Neuen Theater Halle Ralph Hammerthalers „Alleinunterhalter“

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Kommt der Regen? Sitzt man draußen im Hof des Neuen Theaters in Halle, ist das keine ganz nebensächliche Frage. Aber einer kommt, egal ob es regnet oder nicht, vermutlich ließe er sich auch von Sturm und Hagel nicht von seinem Auftritt abhalten: Hans Klipp, genannt Würm-Hans, der allseits beliebte Alleinunterhalter. Der beliebteste sogar rund um den Würmsee, so war im Anzeiger zu lesen. Der muss es wissen. Wer nicht im Anzeiger steht, der kommt nicht vor, den gibt’s gar nicht.

Ein Mann in Panik – Als „Alleinunterhalter“ nimmt Matthias Brenner sein Publikum in Geiselhaft. Foto Anna Kolata
Ein Mann in Panik – Als „Alleinunterhalter“ nimmt Matthias Brenner sein Publikum in Geiselhaft. Foto Anna Kolata

Da kommt einer aus dem Underground des Kunstgewerbes, da, wo die Kunst vor sich hin dümpelt. Hans Klipp windet sich aus einer Kellerluke, heller Trenchcoat und einen Stoffbeutel in der Hand, den er niemals loslässt. Derangierte Erscheinung, bedenklich auf der aus der Nähe nicht mehr zu verleugnenden Grenze zum Alter. Lederhose und graue Trachtenjacke vervollkommnen die leicht verrutschte Gestalt.

Der Mann ist in Panik. In seinem Stoffbeutel kramend – „So eine Scheiße!“ – hat er endlich, was er sucht: eine Pistole. Damit lässt sich wunderbar drohen. Und nach Drohen ist Würm-Hans, von seinen hier (wie anderswo) nicht allzu zahlreich anwesenden Freunden liebevoll Würm-Hansi genannt, jetzt ganz und gar: Türen zu, keiner kommt mehr rein, äh raus! Das Publikum in Geiselhaft genommen für das, was nun kommt: eine Feier des schlechten Geschmacks? Nein, ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Was ist das, was hier die nächsten knapp anderthalb Stunden als Sturzbach der Worte über uns niedergeht? Ein Kleinkünstlerdrama-Monolog? François Villon im Vorabendserienformat? „Alleinunterhalter“-Autor Ralph Hammerthaler will das „Klein“ vor dem Künstler so nicht stehen lassen, „Vorabendserie“ ohnehin nicht. Egal ob Groß- oder Kleinkünstler, aus einer bestimmten Perspektive sind sie alle arme Schweine. Nein, nicht sie, wir. Der „Alleinunterhalter“ trifft den allzu menschlichen Kern unserer Existenz. Das ist der Punkt, an dem es heroisch wird, in den Spiegel zu blicken, die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität des eigenen Tuns nicht wegzulügen – und trotzdem jeden Tag aufs Neue da weiterzumachen, wo man gestern aufhörte, auch wenn – oder gerade weil – der Beifall eher nur tröpfelte und es nicht wahrscheinlich ist, dass das heute anders sein wird. Aber hinterher beim Bier, da scheint es schon wieder verheißungsvoll.

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