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Das böse Paar

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Siegfried und Brünnhilde, Tristan und Isolde – Adolf und Winifred? Über das neu eröffnete Richard Wagner Museum in Bayreuth und die Quadratur des Sehens

Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Castorfs „Ring“, Runde drei – und wieder meckern die Leute. Kritiker und Festivalbesucher überbieten sich gegenseitig, bloß schnöden Zerstörungswillen zu sehen. „Woglinde in Strapsen?“, schrieb Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung. „Der Impuls ist nur zu deutlich (…) Da soll (…) dem Wagner das Teutonische endgültig ausgetrieben werden.“ Daher der Kennertipp: Augen einfach schließen. Kreye zitiert das nicht ohne Sympathie.

Ein verwackelter Schwarzweißfilm in einem Haus voller Geschichte. Ein Mann mit wirrem Haar küsst die Hand einer jungen Frau. Der Schmalbärtige wirkt keck, die junge Frau etwas g’schamig berührt. Das Knistern zwischen den beiden wurde lange Zeit ebenfalls gern ignoriert. In Bayreuth herrscht ein komplizierter Konsens darüber, was man sehen will und was nicht. Bugs Bunny, der sich als langohrige Brünnhilde zum Walkürenritt vom pummeligen Doc jagen lässt – „I kill the rabbit! Kill the rabbit!“: ja. Ein Krokodil, das in Castorfs „Ring“ eine Sängerin verspeist: eher nicht. Stefan Herheim, der in seinem „Parsifal“ 2008 die ganze verwickelte Bayreuth-Geschichte samt NS-Zeit revueartig abrollt: joa. Winifred Wagner, die in einem langen, langen Interview dem Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg offenbart, warum sie Hitler immer noch verehrt: kein Kommentar.

Das im Juli neu eröffnete Richard Wagner Museum versucht so gesehen etwas Neues. Es komprimiert auf fast postdramatische Weise den ganzen Wagner-Kosmos an einem Ort: dem Gelände der Villa Wahnfried, wo die Familie einst lebte. Es schichtet im neuen Seitenflügel des Berliner Architekten Volker Staab im mystischen Dunkel des Kellers Bühnenbildmodelle Bayreuther Inszenierungen so übereinander, dass man einige inspizieren kann, andere nicht. Es verlinkt im Haupthaus Partituren, Schreibgriffel, Flügel, Lebensgeschichte, Briefe, Interieurs Richard Wagners mit interaktiven Partiturstationen und einer Videoschnipselpräsentation, die „Bugs Bunny“, „Apokalypse Now“ und „Melancholia“ zeigt, also Ausschnitte zu Wagner im Film. Vor allem aber öffnet es endlich das Siegfried-Wagner-Haus, in dem sich „Winni & Wolfi“, die Schwiegertochter Richard Wagners und der Diktator, einst trafen. Hitlers Handkuss ist dort zu sehen. Doch ist es nicht nur ihre Geschichte, die dieses Haus erzählt.

Bereits am Eingang wird man von einem im Boden eingelassenen Filmscreen empfangen, der einen, da man ja runterschaut, in eine Art Betroffenheitspose zwingt. „Hier wird erzählt“, berichtet eine sympathische Frauenstimme, „wie sich Festspielgedanke, Wagnerkult und die völkisch ultranationale und rassistische Bewegung ergänzten (…) Hier erfahren Sie, wie Wagners Antisemitismus zur ideologischen Triebfeder des völkischen Milieus wurde. Hier wird auch erklärt, wie Wagners Gesamtkunstwerkkonzept zur Ideologie des Dritten Reiches beitrug.“ Alles klar?

Hans-Jürgen Syberberg ahnte damals, dass er die Geschichte Bayreuths anders erzählen muss. Fünf Stunden dauert sein Film – und befragt mit Winifred Wagner nur eine Person. Sie war eine der wohl rätselhaftesten Figuren dieser rätselhaften Familie. Es war: eine Liebe über den grausamsten Massenmord hinaus. Das kann, trotz Filmschnipsel, kein Museumskonzept erklären. Wohl aber die Kunst (vielleicht) thematisieren.

Künstler wie Hans-Jürgen Syberberg und eben auch Frank Castorf sind Experten darin, den abgründigsten Verwerfungen des Menschseins nachzuspüren. Beide arbeiten obsessiv an den Schrecken des 20. und 21. Jahrhunderts. Mit Bildern, die einem das Denken verdrehen, weil man sie so vielleicht nicht erwartet. In extrem langer Betrachtungszeit geben sie ihren Protagonisten Raum, was – jetzt Augen nicht schließen! – durchaus im Sinne des Bayreuth-Erfinders ist. Fritz Göttler, einer der „Ring“-Kritiker der SZ, sah in Castorfs Einsatz von Live-Videos eine geniale Parallele zu Wagners Musik: Der Film, schreibt er, setze „die einheitliche Zentralperspektive, die eindeutige Sicht des Theaters außer Kraft“. Nun gehe es von allen möglichen Seiten an das Schauobjekt heran, und man erlebe verblüfft, wie genau das Wagners Musik entspreche, die unermüdlich den Emotionen ihrer Figuren folge, „durchaus“, so Göttler, „auch mal hintenherum“.

Die diesjährige Neuinszenierung, Katharina Wagners „Tristan und Isolde“, wurde, da eher wenig hintenherum, kaum kritisiert. Der Abend verblieb im Symbolischen, was ihn zeit- und so auch konturenlos machte: ein Treppengewirr im ersten Akt, eine leere Bühne mit alptraumhaften Isolde-Erscheinungen im dritten sowie ein Verlies im zweiten Akt, dessen Gitterkonstruktionen grotesk klappern und zudem wie Fahrradständer aussehen. Es scheint, als habe Katharina Wagner nach ihren heftig ausgebuhten „Meistersingern“ von 2007 alles potentielle Buh-Material verbannen wollen. Tabula rasa. Dabei war die wild vollgekritzelte „Tafel“ ihres Bayreuth-Debüts durchaus brisant.

„Im Interesse einer reibungslosen Durchführung der Festspiele bitten wir von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel freundlichst absehen zu wollen.“ So lautete 1951 die Devise, als Wieland und Wolfgang Wagner einen Neuanfang in Bayreuth versuchten. Das Richard-Wagner-Museum zeigt Plakate, die mit Sätzen wie diesem warben. Neubayreuth – das war Nachkriegsgeschichte. Ein „Weiter-aber-anders“ an einem Ort, der geistiges Zentrum des Schreckens gewesen war. Ein Aufräumen, das eher einem großen Ausräumen glich. „Entrümpelung“ war das Stichwort, mit der Wieland Wagners Nachkriegsästhetik, beginnend mit seinem stilprägenden „Parsifal“ von 1951, tituliert wurde. Jegliches konkrete Material wurde von der Bühne verband. Es herrschte eine Leere, die lediglich hier und da gefüllt wurde von geometrischen Formen, Lichtschneisen und angedeuteten Architekturen als psychologische Möblierung eines nach außen gestülpten Inneren nunmehr archetypischer Figuren. Für die Opernpraxis war dies ein wichtiger Schritt nach vorn, für die Aufarbeitung von Geschichte ein fataler Ausweichschritt. Es mussten andere kommen, die das „Gerümpel“ wieder hervorzerrten.

Katharina Wagners „Meistersinger“ war der Versuch eines solchen „Gerümpel“-Stücks, eine drastische, mal kluge, mal grob plakative Aufarbeitung von Künstlerkult und Geschichte. Ihr „Tristan“ wirkt demgegenüber wie ein Rückzug. Im Zentrum steht der Trip in die Psyche zweier Menschen. So will es das Sujet, die Oper bietet kaum äußere Handlung, nur ist diese Psyche komplizierter als die Regie uns letztlich zeigt. Da sind zunächst die atmosphärisch gesetzten Räume: Das Treppenlabyrinth haben sich Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert bei Giovanni Battista Piranesi abgeschaut, die Isolde-Erscheinungen erinnern mit ihren blutenden Köpfen, abfallenden Händen, verführerisch lockenden Zeigefingern an David Lynch, beides Meister psychologisch-psychedelischer Settings, die bis an den Rand des Darstellbaren gehen. Darin ist die Inszenierung stark. Auch deshalb, weil sie der „furchtbaren“ Musik, wie Wagner selbst sie nannte, viel Raum lässt. Am Ende des zweiten Akts erleben Tristan und Isolde ihren eigenen Tod. Eine Videoprojektion zeigt sie in der Twilight Zone: zwei Gestalten, die sich, Hand in Hand, durch einen endlosen Tunnel vom Leben entfernen. Die „Nacht der Liebe“. Christian Thielemann liefert dazu eine teuflische Musik.

Wagner selbst wusste, welchen Irrsinn er da seinem Publikum präsentierte: „Nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen.“ Warum? Weil sich hier der Irrsinn einer Grenzen sprengenden Musik mit dem Irrsinn einer komplett rätselhaften Liebe paart. Tristan und Isolde, darin spiegeln sich Richard und Prinzessin Anne, ein Shakespeare‘sches Paar: eine Frau, die den Mörder ihres Gatten liebt. Richard tötete Edward, Fürst Morold verliert durch Tristan sein Leben.

In diesen Zwiespalt wagt sich die Inszenierung jedoch nicht hinein. Einzig den Liebestrank hat Katharina Wagner aus der Skriptvorlage entfernt. Bei einer Rangelei geht er verschütt und damit auch jegliche Erklärung für diese ambivalente Liebe. Anders als König Richard ist ihr Tristan jedoch ein netter Kerl. Stephen Gould singt ihn warm und von ehrlichen Gefühlen getragen. Auch Isolde ist bei Evelyn Herlitzius wenig gebrochen und fast jugendlich grad heraus. Da wollen zwei zueinander. Und wir sehen ihnen vier Stunden lang dabei zu. Auf der Gegenseite dieses Paares stehen die Schergen von König Marke: grimmige Typen wie der Anführer selbst. Damit man nicht durcheinander gerät, tragen die Rivalen verschiedene Farben. Alles ist sortiert und niemand wird verwirrt.

Liebe und Politik, Erotik und Macht, Musik und Verführung – dies alles sind Themen, die sich gerade in Bayreuth aufs Komplizierteste verzahnen. Mit einfachen Deutungen kommt man dieser Komplexität jedoch nicht bei. Museum und Grüner Hügel könnten in diesem Sinne Komplizen sein, um die Abgründe zu durchkämmen. Das Museum vorn, der Hügel auch gern mal hintenherum. Denn erst wer den Durchblick verliert, beginnt neu zu denken. //

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