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Von der Wunde leben

Der Autor Mehdi Moradpour über sein Stück „Türme des Schweigens“ im Gespräch mit Miriam Denger

von und

Mehdi Moradpour, in Ihrem neuen Stück schreiben Sie über den missglückten Versuch von Menschen, miteinander und mit der Welt in Verbindung zu treten – über Eltern, die daran scheitern, ihren Töchtern von früher zu erzählen. Zu Beginn des Stücks hat diese Stille eine extreme Form angenommen: Sperber, der Vater, liegt im Koma. Wie lässt sich für das Schweigen eine Sprache finden?
Es gibt eine Schnittstelle zwischen dankbarem und quälendem Schweigen. Ich habe versucht, aus dieser Schnittstelle heraus eine Sprache zu finden. Ich arbeite oft mit ungewöhnlichen Metaphern, die nicht organisch sind, mit Strukturen von Sprachstörungen, mit Anakoluthen, also Satzbrüchen, oder komprimierter Sprache. Ich versuche nicht so sehr, jeder Figur eine jeweils eigene Sprache zuzuweisen. Das würde mich wahrscheinlich behindern. Als wir den Text mit Schauspielern zusammen ausprobierten, fanden wir heraus, dass er sich wie Schaum anfühlt: ein Sprachschaum, in den man mit der Hand hineingreift und den man doch nicht ganz zu fassen bekommt.

Foto Neda Navaee
Foto Neda Navaee

Sperber und seine Frau Sepi lernten sich im Widerstand der kommunistischen Minderheitenbewegung kennen. Während Sepi mit Dana schwanger war, wurde Sperber im Gefängnis gefoltert. Er schweigt darüber, und auch Sepi verschweigt eine Gewalterfahrung. Das, wovon geschwiegen wird, scheint aber in den Körpern zur Wiederholung verdammt. Die Traumata werden an die nächste Generation weitergegeben.
Aus den besten aller möglichen Handlungsgründe werden durch Folter und Gewalt Störungen erzeugt, die sich permanent reproduzieren können. Manche durchbrechen diesen Quasikreislauf, andere nicht. Die Ausgangsidee, die ich für das Stück hatte, war ein Mann, der politischer Gefangener war und nun im Koma liegt. Ich kannte und kenne noch Menschen, die gefoltert wurden, oder deren Eltern oder Familienangehörige, zum Beispiel als linke oder islamisch-reformistische Gegner der Regierung nach der iranischen Revolution 1979.

Sie haben dem Stück eine sehr musikalische Grundstruktur gegeben, Geräusche im Text werden plastisch beschrieben, Sprache wird zum musikalischen Material. Könnte ein Regisseur für seine Inszenierung an diese Struktur anknüpfen?
Ja, das wäre mein Wunsch! Zunächst einmal schreibe ich immer mit Musik. In Stille könnte ich wahrscheinlich nur Essays schreiben – unsere Hörbahn besteht aus Fasersystemen, die mitten durch das Stammhirn führen, deswegen wühlen uns Geräusche unmittelbar auf. Der Vater im Stück ist die schweigende Masse, die stotternde Tochter Tana hat eine große Affinität zur Geräuschwelt der Tiere und Vögel, wahrscheinlich ist es für sie eine Befreiung, sie zu hören. Für ihre Schwester Dana sind es die Geräusche beim SM-Sex mit ihrer Freundin Jenny, für die Figur des Proktologen die Darmgeräusche. Sepi versinkt in ihrem eigenen Sprachkonzert – eine Mutter, die die Familie zusammenzuhalten versucht, ihre Kinder aber dabei verschlingt. Sie spricht viel, aber ihr Sprechen ist voll von Unsagbarem. Allesamt sind sie kaputte Helden, die aber nicht vollständig kaputtgehen. Sie finden etwas ihnen Vertrautes auf der akustischen Ebene. Sie leben dort und quälen sich, sie suchen Befreiung. In diesem Augenblick ist es der beste Ort für sie. Besonders der Vater hat lange auf sein Koma hingearbeitet, und nun ist er auch wirklich dort, im Schweigen, angekommen. Seine Stimme ist nur noch hörbar aus der Echokammer der Erinnerungen.

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