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Gespräch

Was macht das Theater, Wolfram Lotz?

von und

Wolfram Lotz, Ihr Stück „Die lächerliche Finsternis“ wird auch in der Spielzeit 2015/16 mehrfach inszeniert. Wie kamen Sie von der deutschen Beteiligung in globalen Konflikten, etwa im „Dschungel von Afghanistan“, zu Ihrem Stück?
Das Schreiben begann, als ich von diesem Prozess gegen somalische Piraten in Hamburg hörte. Die Presse ist damit auf eine ungute Weise umgegangen, ich habe eher im Affekt angefangen zu schreiben, habe aus einer Wut heraus diesen Prolog des somalischen Piraten geschrieben. Es ging dabei auch darum, dass da auch in meinem Namen Recht gesprochen wird über jemanden, über den wir nicht Recht sprechen können. Für den ich aber deshalb auch Verantwortung trage und mich also beim Schreiben verantwortlich fühle.

???Die lächerliche Finsternis, Burgtheater Wien, Regie Dušan David Pařízek Foto Reinhard Werner

In dieser Zeit der globalen Kriege, die der sogenannte Westen wie selbstverständlich führt und bei denen Deutschland potenziell mit dabei ist, stellt sich immer die Frage: Was ist das eigentlich, worum geht’s? Es gibt ein demokratisches System, das führt beispielsweise am Hindukusch Militäreinsätze durch, an einem Ort, über den wir (also die Leute, aus denen dieses System besteht) praktisch nichts wissen. Von da kommen irgendwelche Bilder zu uns, die viel zu einfach sind, irgendwelche Erzählungen von Leuten mit Bärten und Turbanen, die angeblich erzählen, wie es in Afghanistan oder in Somalia ist. Und diese Erzählungen, diese Bilder, die stehen sozusagen vor den Realitäten, aber anhand dieser Bilder wird gehandelt, konkret. Das stumpfeste und irrste Beispiel ist nach wie vor, wie die amerikanische Öffentlichkeit sich mit dem Krieg gegen den Irak einverstanden erklärt hat, weil sie Saddam Hussein mit al-Qaida assoziiert hat. Diese Erzählung hatte aber mit der Realität nichts zu tun – und die Konsequenzen waren und sind schrecklich.

„Die lächerliche Finsternis“ ist auch eine Überschreibung des Films „Apocalypse Now“, der wiederum eine Überschreibung von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ war.
Ich glaube, dass diese Reise von „Herz der Finsternis“ und „Apocalypse Now“, die Fahrt aus der sogenannten Zivilisation in die sogenannte Wildnis hinein, traurigerweise immer noch die Bewegung ist, die für unser Denken bestimmend ist, wenn wir uns einem Land wie Afghanistan oder Somalia zuwenden. Deshalb wollte ich diese Erzählung erneut aufnehmen, um sie aber künstlich werden zu lassen, und also befragbar und auch zerstörbar. Die unsachliche Vermischung der unterschiedlichen Orte und Zeiten im Stück habe ich verwendet, um ein koloniales Kontinuum zu erzählen. Das wird ja im Moment viel zu abgegrenzt betrachtet. Die deutsche Intervention in Afghanistan geschah angeblich aus humanitären Gründen, zum Beispiel aus Frauenrechtsgründen – das ist nicht zu hundert Prozent falsch! Aber man muss sich bewusst sein, dass die ganzen Kolonisierungen zur Zeit ihres jeweiligen Geschehens humanitär begründet waren und niemals offiziell und ausgesprochen aus ökonomischen Gründen. Die lagen immer darunter als ein Unterbewusstsein des Geschehens und haben sich erst im Historisch-Werden als das Eigentliche gezeigt. In dem Sinn gibt es, denke ich, sehr wohl ein Kontinuum.

Würden Sie denn mit Ihrem Stück zu den im Ausland stationierten deutschen Soldaten gehen und mit ihnen darüber diskutieren wollen?
Ich bin mir nicht sicher, ob mein Stück an diesen Orten etwas bringen würde. Weil dieses Stück ja nicht über diese Orte geht, sondern um unsere Perspektive darauf, und um das Handeln aus der Entfernung. Andererseits hat mir vor ein paar Wochen ein Soldat, der in Afghanistan war, erzählt, dass sie nur gelegentlich mit ihren schweren Radpanzern aus dem Camp gefahren sind. Zurück im Camp haben sie nach zwei dieser Fahrten festgestellt, dass an ihren Panzern außen Einschläge von Kalaschnikow-Munition waren. Die hatten währenddessen gar nicht mitbekommen, dass sie beschossen wurden. Die Frage ist dann vielleicht doch, ob die Soldaten, die in Afghanistan sind, sich tatsächlich in diesem Land aufhalten.

Warum ist das Thema Krieg für die Theater so brennend?
Weil er stattfindet und alle wissen, dass er mit uns hier sehr viel zu tun hat, und trotzdem ist er hier ganz abstrakt. Der Krieg ist aber auch so interessant, weil der Krieg der Extremfall für die Kunst ist. Er ist das, was nicht dargestellt werden kann. Ein Film, Roman oder Stück über den Krieg ist auf die allerextremste Weise nicht der Krieg selbst. Und zugleich ist der Krieg das, worüber gesprochen werden muss, ganz unbedingt, weil die Leute, die sich im Krieg befinden und unter ihm leiden, die Solidarität der Kunst brauchen. Das ist natürlich ein riesiger Widerspruch. Aber es muss trotzdem versucht werden, obwohl es nicht machbar ist: weil über den Krieg zu erzählen immer automatisch eine Verharmlosung ist. Und das darf wiederum nicht sein.

Könnte man sich mit dem Erfolg des Stücks jetzt auch eine Verfilmung vorstellen?
Ich glaube, es ist nicht zu verfilmen. Weil es fertige Bilder ja verweigert und der Film nicht so gut ist im Verweigern von Bildern. Ursprünglich war das Stück auch deshalb ein Hörspieltext – für die innere Bühne. //

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