Protagonisten

Die Reifeprüfung

Als die Schauspielerin Inga Wolff nach Rostock kam, war klar: Dies ist der seltene Fall, da das Natürliche auf besondere Weise artistisch wirkt

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Seltsam, dass wir uns gerade im Café Paula in der Gerhart-Hauptmann-Straße treffen. Der Straßenname klingt schon mal so, als ob die Rostocker Sinn für Kultur hätten. Aber ob das so ist, scheint im Moment gerade sehr die Frage. Ich bin mit dem Rostocker Volkstheater aufgewachsen, in der Zeit, als es vom Potentaten Hanns Anselm Perten geführt wurde. Von selbigem schrieb Heiner Müller: „Perten war ein übler Typ, ein Paranoiker und Intrigant, aber für Peter Weiss und auch für Hochhuth eine Art Vater. Sie wurden hofiert von ihm und er hatte den reichsten, den vielfältigsten Spielplan. Die Aufführungen waren das Letzte.“ Dass das so war, bestreiten nicht wenige Rostocker.

Foto Johannes Zacher
Foto Johannes Zacher

Aber darüber kann ich mit Inga Wolff schon mal nicht reden. Denn sie ist zwar in Warnemünde und Rostock aufgewachsen, aber im Volkstheater ist sie nie gewesen. Oder vielleicht doch, einmal zum Weihnachtsmärchen, so genau weiß sie das nicht mehr. Schon seltsam, dass es nach kaum einer Spielzeit von Sewan Latchinian am Volkstheater fast keine Inszenierung gibt, bei der sie nicht mitspielt – und noch in Nebenrollen herausragt: „Ingrid Babendererde“, „Der Geizige“, „Wie im Himmel“, „Stella“, „Nathan der Weise“, „Szenen einer Ehe“ und seit kurzem auch in „Ein Volksfeind“. Weil es dort keine passende Rolle für sie gab, spielt sie eben den Redakteur Hovstadt als weiblich schrille Untergeherfigur, mit blauen Haaren, ständig juckenden Augen, die sie kaum je aufhört zu reiben, in Minirock und mit aufreizend künstlichem Busen. Inga Wolff fiel schon in den zehn Jahren auf, die sie in Senftenberg spielte – und als dann die 36-Jährige mit Sewan Latchinian nach Rostock kam, war allen, die sehen und hören konnten, sofort klar: Dies ist der höchst seltene Fall, da das Natürliche auf besondere Weise artistisch zu wirken vermag. Gab es das am Volkstheater schon mal? Vielleicht zu der Zeit, als die junge Käthe Reichel hier bei Besson spielte oder es die Brecht-Schauspielerin Else Wolz nach Rostock verschlagen hatte.

Jedenfalls ist sie der Gegentyp zu der hypereleganten Christine van Santen, die sich damals an der Seite Pertens als exotischer Kontrapunkt zum realsozialistischen Grau zelebrierte. Inga Wolff erscheint auf erfahrungstiefe Weise einfach, aber nicht naiv, stark, aber nicht grob. Sie erinnert an die Dichterin Helga M. Novak, die aus ihrem unglaublichen Talent kaum Reputation schlug, lieber staatenlos blieb, als sich mit Behörden einzulassen, die, um zu überleben, sogar in einer Fischfabrik arbeitete und nachts ihre wundersamen Gedichte schrieb. Oder eben auch an Paula aus Ulrich Plenzdorfs „Legende von Paul und Paula“, so wie Angelica Domröse sie spielte, ein auf so selbstverständliche Weise selbstbewusster Typus Frau, der in heutiger Zeit eigentlich gar nicht mehr vorkommt.

Paula ist auch in anderer Hinsicht ein gutes Stichwort für unser Treffen. Denn das ist der Name jener jungen Geliebten, für die in Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ Johan seine Frau Marianne verlässt. Inga Wolff spielt Marianne, und Bernd Färber, ihr Lebensgefährte, ist Johan. Rostock bleibt allzeit klein – am Abend zuvor, zur Premiere von Ibsens „Ein Volksfeind“, traf ich eine frühere Lehrerin von ihr, aus Rostocker Schulzeiten. Wie war Inga Wolff denn als Schülerin? Selten hat man die Chance, so etwas zu fragen, aber sie ungenutzt zu lassen, wäre unprofessionell: Sehr still, bekomme ich zur Antwort.

Der Ehekrieg

Von dorther kommt auch die Intensität im Spiel von Inga Wolff: Aus großer Stille bricht es plötzlich aus ihr heraus, und niemand könnte das, was dann kommt, je aufhalten. So wuchtig ist ihr Ausdruck, selbst da, wo sie nur flüstert. In „Szenen einer Ehe“ (Regie Amina Gusner) wird dann auch der Zuschauer einer Achterbahnfahrt aus Annäherung und Abstoßung ausgesetzt. Ein Ehekrieg, in dem es schließlich nicht mehr um Gewinnen oder Verlieren geht, sondern nur noch um Vernichtung des anderen. Die anfänglich unscheinbare Selbstbeschreibung von Marianne beginnt zu bröckeln: „Ich habe vielleicht nicht die gleiche selbstverständliche Wertschätzung meiner Vortrefflichkeit wie Johan.“ Das ist eine noch harmlos nach Hausfrauenfrieden klingende Kritik ihrer Beziehung. Doch später beim gemeinsamen Zähneputzen sitzt bereits die Aggression auf dem Sprung. Die Ehe wird bei Bergman als Form des Hospitalismus diagnostiziert, selten noch hüllt sich der verborgene Gemeinschaftsekel in Höflichkeit. Sie: „Ich geb mir wirklich Mühe!“ Er: „Das ist es ja gerade!“

Wie ist das, wenn man Bergmans tief hoffnungslosen Dialog mit seinem eigenen Lebenspartner spielt? Ist das so etwas wie Paartherapie? Inga Wolff macht nicht das, was andere bei dieser Frage täten, sie mit einer Handbewegung und einem zurechtweisenden Lachen vom Tisch wischen, sie überlegt eine Weile und sagt dann: „Wir spielen das ja nicht so zäh depressiv wie im Bergman-Film, wir wollten einen eigenen Rhythmus finden, das aggressiv Chaotische der Beziehung auch so zeigen, wie es auf Außenstehende wirken muss: komisch.“ Aber natürlich leben sie in dem Text, wenn sie ihn spielen, suchen sozusagen sein Aroma. Privat ist das nicht, aber persönlich jederzeit. Eine Versuchsanordnung, Leben in der Möglichkeitsform? Inga Wolff hat ein feines Gespür für Unterschiede: Sperrig sei sie, ihr fehle leider jedes Gespür fürs Diplomatische. Das sei aber etwas anderes als destruktiv zu sein, denn ihr gehe es immer um die Arbeit. Und die sei nun mal, Menschen so darzustellen, dass man ihnen ihren Schmerz glaubt, ohne dabei die Distanz zu verlieren, die etwa dem Zuschauer erlaubt, auch über einen allzu pathetisch Kummergebeugten zu lachen.

In „Szenen einer Ehe“ spielen sie schließlich den Verfall, die Destruktion dessen, was sich anfangs doch selbst feiern wollte. Auch in „Ein Volksfeind“ in der Regie von Sewan Latchinian zeigt sich der Grundton der Groteske. „Ich bin keine Wetterfahne, ich drehe mich nicht nach dem Wind“, tönt Inga Wolffs Redakteurin Hovstadt – um dann genau das zu tun. Die schlimmsten Lügen – öffentlich wie privat – sind jene, die mit dem Schmelz der Wahrhaftigkeit daherkommen. Aber da ist Inga Wolff immer ganz kalt aufklärerisch. Lügen erkennt sie an der Gloriole der Wahrhaftigkeit, die sich ornamental um sie winden.

Geboren 1978 in Quedlinburg, zog die Familie nach Rostock, als Inga ein Jahr alt war. Ihr Vater hatte eine Stelle im Fischkombinat bekommen. Woher kam dann der Wunsch, Schauspielerin zu werden? Das stille Schulmädchen Inga hatte in der Schule einmal einen Text so gelesen, dass die Lehrerin sagte, das habe sie wie eine Schauspielerin gemacht. Da hatte sie etwas gehört, was sie nicht mehr vergessen konnte. Aber sie sagte es niemandem. Ein Traum, den sie für sich behielt. Das war die Zeit, da sie nicht mehr in Warnemünde lebten (nach der Wende habe man die Mieter dort „mit der Axt vertrieben“, so Inga Wolff), sondern in Rostock. Aber es gab in der Familie jemanden, der bewiesen hatte, dass es tatsächlich geht: Ihr Onkel Thomas Bading ging 2000 mit Thomas Ostermeier an die Berliner Schaubühne. So etwas zu erreichen sei sehr schwer, da war sich die Familie einig. Aber dann wollte es Inga Wolff wissen, fragte Thomas Bading, ob auch sie …? Der Onkel gab sich diplomatisch. Wenn sie es unbedingt wolle, solle sie es versuchen. Der Typ dazu sei sie. Zu der Zeit hatte Inga Wolff in Rostock schon mehrere Semester Erziehungswissenschaften studiert – und wusste, wenn sie es versuchen will, dann jetzt sofort, und keinesfalls in Rostock.

Sie ging nach Leipzig, eine Odyssee zwischen Jobs und Bewerbungen an Schauspielschulen begann. Oft kam sie bis in die Endrunde, aber wurde dann doch nie angenommen. Auch an der Folkwang Hochschule in Essen war es so. Abgelehnt auf dem letzten Meter. Eine Zeit der Tränen sei das gewesen, in der sie fast den Mut verlor. Nach der Ablehnung in Essen kam jemand aus der Prüfungskommission zu ihr, setzte seinen Hut hab, zog den Mantel aus und erklärte ihr, dass er mit dem Mehrheitsvotum nicht einverstanden gewesen sei. Sie sei talentiert und wenn sie an sich glaube, dann werde aus ihr auch eine Schauspielerin werden. Es war Sewan Latchinian.

Also machte Inga Wolff weiter, bewarb sich schließlich an der privaten Schauspielschule in Zinnowitz, die mit dem Theater in Anklam verbunden ist. Die letzte Chance. Nach dem Vorsprechen teilte ihr der Intendant Wolfgang Bordel mit, dass man sie auch hier nicht an der Schauspielschule aufnehmen wolle, aber er biete ihr ein Engagement an – für wenig Geld, sehr wenig Geld. Nun also sollte sie plötzlich spielen, ganz ohne Ausbildung? Aber man lernt, indem man es probiert. Das Prinzip Theater wurde ihr zum Lebensprinzip.

Der Lebenshunger

Dann kam Sewan Latchinians Berufung als Intendant nach Senftenberg. Und er rief sie an. Genauer, er war auf ihrer Mailbox, das sah sie an der Nummer. Aber die Mailbox abzuhören, dazu hätte sie ihr Handy aufladen müssen, doch sie hatte gerade überhaupt kein Geld. Nach ein oder zwei Wochen kam sie endlich auf die Idee, in der Theaterkantine am Neuen Theater Halle anzurufen, wo Latchinian inszenierte. Sie wurde prompt zur Probebühne durchgestellt, und das verdoppelte den Zorn des Angerufenen, der sich bei der Arbeit gestört sah: „Was ist los mit Ihnen? Ich will Sie engagieren und Sie rufen nicht zurück?!“

Seit dieser Zeit proben sie den Kampf der Selbstbewusstseins. Wer hat im letzten Moment mehr Energie zuzusetzen? „Wir haben beide keinen Ausknopf“, so beschreibt es Inga Wolff. Ihre erste gemeinsame Arbeit war 2003 „Ich knall euch ab“ am Carrousel Theater in Berlin. Die Inszenierung nahm er dann mit nach Senftenberg, wo sie 2004 beim ersten Glück-AufFest gezeigt wurde. Dann war sie eine unbezähmbar lebenshungrige Lotte in „Feuerherz – Die neuesten Leiden des jungen W.“ von Jürgen Eick, eine beachtliche Fortschreibung von Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“, ein Stück, das in dieser Spielzeit auch am Volkstheater aufs Neue inszeniert wird.

Die Zeit zwischen der Entlassung von Sewan Latchinian als Intendant des Volkstheaters und seiner durch öffentliche Proteste erzwungenen Wiedereinstellung im Frühjahr dieses Jahres war für Inga Wolff eine Zeit der Reife. Erstmals musste sie sich vorstellen, auch ohne ihn zu arbeiten – oder aber anderswo, vielleicht auch etwas ganz anderes zu machen. Plötzlich ging es, und das hat sie innerlich freier gemacht. Man bleibt länger und hält mehr aus, wenn man innerlich frei ist zu gehen.

Wie ist das, wenn man an altvertraute Kindheitsorte zurückkehrt, aber längst anderswo erwachsen geworden ist? „Ich habe meinen Frieden gemacht“, erklärt Inga Wolff. Sie gehe heute durch Warnemünde wie ihre eigene Oma, als wäre sie uralt. Wie sie das sagt, klingt es gelassen und von einem nur wenig melancholisch grundierten Entdeckerblick geleitet: Dort war früher einmal dieses und hier jenes – und heute? Alles fließt, das kann auch schön sein. Und dann sagt sie etwas überraschend Ernstes: Das Wichtigste, was vor uns liege, sei doch ohnehin der Tod. Wir müssen zeitig loslassen lernen. Aber das sei gar nicht schlimm. Sie glaube übrigens nicht daran, dass mit dem Tod alles vorbei sei. Wie sie das sagt, klingt es nicht nach fixer Idee, sondern wie eine tiefe Erfahrung, der man sich ohne zu zögern anvertrauen mag. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2015/12/33375/komplett/