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Das ist nicht unser Krieg

Der Regisseur Philippe Quesne über den Einbruch der Angst im Gespräch mit Lena Schneider

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Rocker im verrauchten Glaskasten - Die Szene aus Philippe Quesnes "La Mélancolie des Dragons" erinnert sehr genau an den 13. November. Foto Martin Argyroglo
Rocker im verrauchten Glaskasten - Die Szene aus Philippe Quesnes "La Mélancolie des Dragons" erinnert sehr genau an den 13. November. Foto Martin Argyroglo

Philippe Quesne, statt ein knappes Jahr nach dem Attentat auf Charlie Hebdo die Frage zu stellen, was sich seitdem politisch getan hat, müssen wir zunächst über eine neue Dimension von Attentaten reden. Ist diese neue Dimension vor allem der Einbruch des Terrors, der Angst in den Alltag der Menschen?

Was am 13. November passierte, ist erschreckend. Aber eigentlich war es für mich nichts Neues. Eine Linie wurde fortgesetzt. Das wirklich Beunruhigende ist das totale Abrutschen der Demokratien, aber auch einer ganzen kapitalistisch funktionierenden Welt, die seit „Charlie Hebdo“ absolut nichts gelöst oder dazugelernt hat. Nach „Charlie“ gab es keinerlei Veränderungen, keinerlei Konsequenzen, die gezogen wurden. Weder im Bildungsbereich noch in der Kultur noch in der Integration von Kulturen und Religionen. Nur immer mehr Polizisten, die sich um die Moscheen herum aufbauen. Da bleibt einem nur, festzustellen, dass Unfälle im 21. Jahrhundert eben passieren. So konstatieren wir die Katastrophen, seit Jahrzehnten, Jahrhunderten. Aber wir ändern nichts. Die Rolle des Theaters ist im Vergleich zu „Charlie“ allerdings viel deutlicher. Anders als damals sind die Säle voll.

Die Leute hatten sehr schnell nach den Attentaten wieder sehr große Lust auf Theater, zumindest im subventionierten Sektor. Woher kam das?
Die Theater sind im Grunde derzeit die einzigen Orte, wo die Menschen noch zusammenkommen können. Nur in Konzertund Theatersälen dürfen sich mehr als 500 Leute gemeinsam öffentlich aufhalten, das ist ziemlich verrückt. Im Fall von „Ça ira (1) Fin de Louis“ von Joël Pommerat an unserem Haus sieht man das mit unglaublicher Heftigkeit (siehe auch Interview S. 16). Die Inszenierung ist ein schrecklicher Zufallstreffer: ein Stück über die Politik, die sich damit schwertut, Entscheidungen zu treffen. „Ça ira“ beschreibt den Moment in der Französischen Revolution, wo unsere Wurzeln liegen, die Gründung der Nationalversammlung. Vielleicht haben die Menschen angesichts der heutigen Situation das Bedürfnis, zu untersuchen, inwiefern unsere Wurzeln mit einer Abwesenheit von Dialog, mit Widerspruch verbunden sind.

Mein Eindruck ist: Die Menschen suchen seit den Attentaten vom 13. November nach etwas, das sie trägt, das ihnen ihre Existenz, ihre Identität bestätigt.
Der Ausnahmezustand, das Beschneiden der Freiheiten unter dem Vorwand des Schutzes vor einer akuten Gefahr und der Angst – das war im Kontext von „Charlie“ anders. Das Verbot, sich öffentlich zu versammeln und zu demonstrieren, gab es nicht. Dass diese Maßnahmen jetzt zu einem Zeitpunkt der Klimakonferenz und der Umweltdemonstrationen stattfinden, ist schlimm. Ein Paradox. Die Polizei steht mit den Füßen schon im Krieg – um mal diesen Begriff auszusprechen, den unser Präsident benutzt. Aber die Menschen in Frankreich sind absolut nicht im Krieg. Das waren unglaublich schwerwiegende, ernste Worte, die Hollande da ausgesprochen hat, wie in einem schlechten Theaterstück. Man schnappt sich nicht ein Volk wenige Stunden nach so einem Attentat und nimmt es mit in den Krieg.

Warum diese Rhetorik? Warum Hollandes Entscheidung, die Franzosen verbal in den Krieg zu schicken?
Ich kann das nicht wie ein Historiker oder Geopolitiker beschreiben, ich beobachte nur die Zeichen, schaue, was es „ergibt“, sozusagen. Und ich beobachte einen Willen, Angst zu verbreiten. Die Politik geniert sich meistens, Kontrollmechanismen einzurichten. Angst ist aber ein Vorwand, der sehr gut funktioniert, um wahnwitzige Sicherheitsmaßnahmen einzuführen. Ein paar Tage, nachdem auf der Place de la République Blumen abgelegt wurden, verhaftete man dort Naturschützer. Das ist schauerlich. In jedem Fall ist das ihr Krieg, nicht „unser“ Krieg. Es ist leicht für die Politik, plötzlich „wir“ zu sagen, obwohl niemand vorher gefragt wurde. Und dass diese Repressalien – denn so kann man das nennen – jetzt zum Zeitpunkt der Klimakonferenz eingeführt wurden: Man könnte glauben, dass der Politik das entgegenkommt.

Ist das Bedürfnis, sich schützen zu wollen, nicht auch etwas Menschliches?
Der Mensch hat auch diese Gabe, die Probleme immer erst dann zu sehen, wenn die Katastrophen passiert sind. In Paris haben wir jetzt die zweite Attentatswelle erlebt, ja. Aber sehen Sie sich die Länder an, wo die Menschen sich leider Gottes daran gewöhnt haben. Israel, Palästina, Libanon. Es ist absolut grauenvoll, sich daran zu gewöhnen, mit Angst zu leben. Aber vielleicht muss man sagen, dass es zu den Paradoxen des Menschseins gehört.

Wie sehen Sie rückblickend die „Je suis Charlie“-Bewegung? Es gab danach auch kritische Stimmen, die sagten: Jede Identifizierung polarisiert, führt zu Abgrenzung, Ausschluss, zu neuen Fronten?
Ich glaube, in solchen Momenten sucht man nach verbindenden Elementen, um zu sagen: Nous sommes un peuple (Wir sind ein Volk). Das ist natürlich auch gefährlich, denn ein Volk, das ist eine Diversität, mit verschiedenen sozialen Schichten, Religionen, Lebensweisen. Trotzdem gab es die Notwendigkeit, eine Art des Erwachens zu formulieren, zu zeigen, dass man gemeinsam da war, und zwar jenseits von Politik oder Ideologien. Es gibt seit Jahren diese Verunsicherung: Wovon, von wem sollen wir uns leiten oder anführen lassen? In wessen Namen lohnt es sich zu leben? Ein paar Tage vor den Regionalwahlen im Dezember zeigte sich in Frankreich auf schreckliche Weise, was das heißt: dass die Unterschiede zwischen linken, rechten und rechtsextremen Parteien kaum auszumachen sind. Alle ernähren den gleichen Markt, und uns halten sie die Zukunft hin wie eine Karotte.

Wie meinen Sie das? Die Politiker sorgen dafür, dass wir einer Zukunft nachrennen, die uns sowieso nie gehören wird?
Ja, genau. Für uns kleine Troubadoure im Theater ist es natürlich leicht, so etwas zu sagen. Das ist sehr wenig. Und gleichzeitig sehr viel. Denn die einzigen offenen Orte im Moment sind die Orte der Fiktion. In der Logik dessen, wie es gerade läuft, müssten die Theater eigentlich auch bald geschlossen werden. Denn der Austausch von Ideen ist gefährlich, suggeriert man uns. Offenbar eine Sache, vor der man Angst haben muss. //

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