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Am Nullpunkt

Der Regisseur und Dramatiker Joël Pommerat über die Selbstbefragung der französischen Gesellschaft im Gespräch mit Lena Schneider

von und

Joël Pommerat, Ihre Inszenierung „Ça ira (1) Fin de Louis“, ein Stück über die Französische Revolution, ist in Frankreich das Stück der Stunde. Haben Sie selbst eine Erklärung für den großen Erfolg, der nach den Attentaten vom 13. November noch größer wurde?

Es stimmt, die Leute sind auch nach den Attentaten gekommen und fanden darin offenbar etwas, das der Emotion, in der sie sich befanden, entsprach. Das, was passiert ist, berührt uns auf einer emotionalen, intimen Ebene – und gleichzeitig appelliert es an uns als Bürger und Gesellschaft, die das gemeinsame Leben, die Grundregeln unserer Gesellschaft neu definieren müssen. Also berührt es uns auch auf einer politischen Ebene. Diese Attentate waren Demonstrationen politischer, nicht religiöser Ordnung. Und „politisch“ heißt dabei nicht „legitim“. Die religiöse Komponente dieser Terroranschläge ist für mich eine Maske, eine falsche Fährte. „Ça ira“ spricht von diesem Ort, wo alles in der Konstruktion inbegriffen ist. Von einer Gesellschaft, die reinen Tisch gemacht hat und fast bei Null anfängt und sich fragt, wie sie in Zukunft sein will, was sie berichtigen muss. An dem Punkt befinden wir uns auch heute, auch wenn kein Staatsstreich und keine Revolution hier im Westen stattgefunden haben. Wir müssen uns fragen: Was muss getan werden? Denn uns allen ist bewusst, dass etwas nicht in Ordnung ist. Um wen geht es eigentlich? Um die Regierungen, die Politiker oder vielleicht am Ende die Bürger selbst, die sich in dieser globalen, ich nenne es mal „sozialen Unordnung“ befragen müssen, welche Verantwortung sie bei den kommenden Veränderungen übernehmen sollen.

Foto Elizabeth Carecchio
Foto Elizabeth Carecchio

Es handelt sich nicht um ein politisches Stück, sondern um ein Stück über Politik“, haben Sie immer wieder betont. Was Sie eben sagten, klingt ganz anders. Und es fühlt sich auch anders an: Als Zuschauer wird man in „Ça ira“ zum Abgeordneten der Nationalversammlung von 1789, wird hin und her geworfen zwischen den politischen Debatten, muss sich positionieren.
Das Wort „politisch“ hat, zumindest im Französischen, so viele Bedeutungen, dass keiner mehr richtig weiß, was es eigentlich heißt. Wenn man mir die Frage nach dem Politischen stellt, habe ich den Eindruck, dass man mir eine politische Agenda unterstellt, die meine Kunst nicht hat. Mein Theater schlägt keine Lösungen vor, versucht nicht, bestimmte Ideen voranzubringen. Ich versuche Elemente der Realität einzufangen, die diese Realität in der Komplexität zeigen, wie ich sie empfinde.

Die Menschen in Frankreich suchen im Moment stark nach Bestätigungen dessen, was es bedeutet, französisch zu sein. In dieser Identität spielt die Französische Revolution eine essenzielle Rolle. Ist das vielleicht auch ein Grund für das starke Interesse an „Ça ira“ – obwohl es beileibe keine Identität bestätigt, sondern befragt?
Bei diesem Konzept von „Frankreich“ handelt es sich für mich eher um die Verpackung, ein Gehäuse. Das hat seine Daseinsberechtigung, gewiss. Aber das mit einem Wertesystem zu verwechseln, mit einer politischen Denkweise, dem gemeinsamen Willen, eine bestimmte Gesellschaft aufzubauen – das ist etwas ganz anderes. Ich glaube, diese Idee, die mit der Revolution einhergeht, die wirklich zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt diskutiert und vorangebracht wurde, das ist viel größer als die französische Identität. Es gibt eine Art Eitelkeit in Frankreich, bekräftigt durch einen etwas naiven Blick aus dem Ausland, die das als etwas Französisches für sich beansprucht. Dabei ist für alle sichtbar, dass diese Werte, die angeblich so französisch sind – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit –, im heutigen Frankreich beileibe nicht umgesetzt werden. Noch gehören sie in den Bereich des Utopischen. Alle die großen Entwürfe der Revolution, die Frankreich für sich beansprucht, gehören nicht ihr als Nation und sind nicht fertig und abgeschlossen. Sie warten auf Vervollständigung.

Demnach gäbe es darin nichts, worauf Frankreich stolz zu sein hätte – dabei ist die Suche nach etwas, worauf dieses Land in Zeiten wie diesen stolz sein könnte, derzeit überall spürbar. Die Menschen hängen die Trikolore raus, singen die Marseillaise. Wie um sich aufrecht zu halten, um zu sagen: Es ist nicht alles schlecht.
Ja, aber dieses Etwas ist nicht Frankreich. Die Menschen finden sich zusammen, um einen Gesellschaftsentwurf zu verteidigen, eine Utopie, die Franzosen, bestimmte Franzosen, sehr hochgehalten haben im Laufe ihrer Geschichte und die die Menschen jetzt in den Fahnen, in dem Lied symbolisiert finden. Es gibt auch das Bedürfnis, als Gemeinschaft wieder zusammenzuwachsen, sich um einen großen Entwurf zu versammeln. Und welcher Entwurf könnte größer sein als der der Demokratie? Dieser Impuls, sich zu versammeln, ist ziemlich natürlich in Momenten der Bedrohung. Gleichzeitig zeugt er auch davon, dass sich etwas in uns zurechtrückt und der Politik wieder Sinn verleihen könnte, um den Menschen vom Konzept des Individualismus abzubringen.

Alain Badiou sagt, mit etwas anderen Worten: Frankreich existiert nicht mehr. Denn seit den 1970ern Jahren ist für ihn das Erbe der Französischen Revolution verloren, und damit auch das, was es bedeutet haben könnte, französisch zu sein.
Das knüpft daran an, was ich eben sagte, denke ich. Wenn wir in diesem Café hier, dem Café Rostand, einen Entwurf schmieden würden, den wir dann den „Entwurf Rostand“ nennen, dann würde später auch nicht der Name zählen, sondern das, was wir hier entworfen haben. Die Gefahr ist, dass man beides durcheinanderbringt, den Namen und den Inhalt. Ich habe das Gefühl, dass es für die Dinge, die es zu erledigen und zu vervollständigen gilt, nicht genügt, zu sagen: Frankreich. Was ich an dem, was Sie von Badiou zitieren, schwierig finde, ist der Gedanke, dass es für ihn offenbar früher mal so etwas wie „das Frankreich“ gab. Denn das ist es doch, was die Attentate uns lehren: dass wir das Bekannte, alle erstarrten, fast unberührbaren Konzepte, neu befragen, neu benennen, neu definieren müssen. Es geht nicht darum, dass die Vergangenheit nicht existiert oder als Referenz nicht auch nützen könnte. Aber diese Referenzpunkte dürfen nicht als Realität behauptet werden. Denn die Realität ist das, was wir morgen, übermorgen daraus machen.

Wenn wir uns heute in einer Situation wie der in „Ça ira“ befinden, in einer Periode des Übergangs, dann hätte die Gegenwart trotz allen Entsetzens bizarrerweise etwas Konstruktives an sich.
Es ist heute unmöglich, das auszusprechen: dass sich in der Tragödie, die passiert ist, im Kern etwas Konstruktives befindet. Aber zweifellos erinnert uns die Tragödie an eine Notwendigkeit, zu handeln, sich bestimmten Dingen entgegenzustellen, etwas vorzuschlagen. Als ich Anfang Januar „Ça ira“ schrieb, war ich gerade in einem Moment des Zweifels. Ich wusste plötzlich nicht mehr, warum ich das schrieb. Ich sagte mir, was für ein Blödsinn, das wird niemanden außer mir interessieren. Damals wohnte ich 500 Meter von der Charlie Hebdo-Redaktion entfernt. Am 7. Januar hörte ich die Sirenen, sah die Nachrichten im Fernsehen in Dauerschleife. Was ich da gerade schrieb, machte plötzlich wieder Sinn. Die Attentate damals nahmen eine Art Nebel von den Dingen, machten die offenen Fragen klarer sichtbar.

„Ça ira“ ist also nicht in Reaktion auf die Attentate auf Charlie Heb-do entstanden? Das hatte ich angenommen.
Nein, ich hatte schon ein Jahr lang daran gearbeitet. Seit 15, 20 Jahren lebt Frankreich eigentlich mit der Dauerfrage: Wie lange wird es noch dauern, bis es explodiert? Könnte der Front National tatsächlich den Präsidenten der Regierung in Frankreich stellen? Schon die Frage selbst ist ungeheuerlich. Sie wird von Tag zu Tag alltäglicher, weil wir diese Fähigkeit haben, uns an alles zu gewöhnen. Ich selbst habe kein anderes Mittel als das Theater, um aktiv zu sein. Trotzdem war „Ça ira“ für mich kein politischer Akt, sondern ein künstlerischer. Das genügt. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2016/01/33475/komplett/