Ausland

Brücken spinnen

Das International Exposure of Israeli Theatre 2015 zeigt Theater, das die Konflikte des Landes spiegelt

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25 Grad. November. Was in Israel als Wintereinbruch gilt, genießt der Mitteleuropäer als Sommer. Man lässt sich von der Sonne, die auf die Haut strahlt, und von der Herzlichkeit, die die Tel Aviver ausstrahlen, wärmen. „Wir sind hier in einer Seifenblase“, sagt die Tschechin neben mir. Und sie hat recht. Wir, die wir als internationales Publikum zum Showcase für israelisches Theater angereist sind, wissen um den Gazastreifen, wir wissen um die Messerattacken in Jerusalem, wir wissen um den Krieg, der das Land umgibt, und die kriegsähnlichen Zustände, die im Land herrschen – und doch vergisst man all das, wenn man durch die Straßen geht und das Treiben beobachtet. Oder verdrängt man es? Zumindest so lange, bis man durch die Sicherheitschecks muss, an Bahnhöfen, vor Einkaufszentren, vor Kultureinrichtungen, ja, generell vor allen öffentlichen Gebäuden. Die erinnern daran, dass Tel Aviv keine so heile Welt ist. Und dann, an einem kühlen Abend, fährt uns für einen kurzen Moment der Schrecken in die Glieder: Zwei Terrorattentate in Israel, während man unbehelligt zwischen zwei Vorstellungen mit dem Bus durch die Stadt chauffiert wurde. Während im Westjordanland drei Menschen umkamen und neun verletzt wurden, starben bei einer Messerattacke während eines Gebetsgottesdienstes zwei weitere. In Tel Aviv. Am nächsten Tag spricht man darüber, wird von den Organisatoren dazu angehalten, lieber nicht durch gewisse Bezirke zu streunen, und wundert sich darüber, was man in Tel Aviv beobachten kann: nichts. Nichts als ungebrochene Lebendigkeit. Die Terrorattentate sind tägliches Geschäft, das hier niemanden mehr überrascht und für viele fast nicht der Rede wert zu sein scheint.

Foto: Gadi Dagon
Foto: Gadi Dagon

Was einige Israelis in Gesprächen äußern, sind die Befürchtungen einer dritten Intifada – Furcht zeigen sie dabei keine, der militärische Drill scheint tief zu sitzen, und jahrzehntelange Erfahrungen mit Terror und Attentaten führen bei vielen zu einer vermeintlich lakonischen Beherrschtheit. Doch der israelischpalästinensische Konflikt spiegelte sich überall, nicht nur am kulturübergreifenden Jaffa Theatre, das bis vor kurzem noch Arab-Hebrew Theatre hieß; auch während des vom Hanoch-Levin-Institut für israelisches Drama ausgerichteten Showcases israelischen Theaters, dem International Exposure of Israeli Theatre, ist es unumgängliches Thema.

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