Thema

Mit Ost und West auf Nord

Zwischen knorrigem Knausgård und totaler Erschöpfung – wie Yana Ross Tschechow mit dreifach frischem Blick skandinavisiert

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Dieser Trigorin ist jung, smart und aalglatt. Im Programmheft wird er BT genannt, nach den Anfangsbuchstaben seines Schauspielers Björn Thors, den in Island praktisch jeder auch aus Film und Fernsehen kennt. Am Stadttheater von Reykjavík, das mit dem Nationaltheater in ewigem Konkurrenzkampf steht, spielt Thors seine zeitgenössische Variante von Anton Tschechows Schriftstellerfigur in der „Möwe“ allerdings als Karl Ove Knausgård, der das bunte Treiben um seine Geliebte Irena durchschaut und mit Zitaten aus einem hier wenig bekannten Artikel des norwegischen Autors aufreizt. Dieser, lange schon in Schweden lebend, hatte dort in seinem sogenannten Zyklopenbrief die Gesellschaft mit dem Vorwurf herausgefordert, sie sitze in einer von ihr selbst gestellten „Falle der political correctness“. Das wurde von vielen, die sich da als einäugige Riesen der Moral verspottet sahen, als sehr unfein zurückgewiesen. BT sät in dieser „Möwe“ vom Oktober letzten Jahres nicht ganz so viel Bitterkeit ins isländische Publikum, aber jeder scheint zu verstehen, was und wer damit gemeint ist.

Foto: Grimur Bjarnason
Foto: Grimur Bjarnason

Sowieso ist diese Inszenierung ganz heutig verspielt und beinahe boulevardesk, um, so ihr Grundton, die Traurigkeit des Einzelnen im fröhlichen Wohlstand aller immer wieder als nur oberflächlich abgedeckt zu zeigen. Kostja, hier Konni genannt, kann auch mit seiner wilden Schlagzeugperformance mit Nina wenig dagegen ausrichten. Es ist letztlich auch ein Bild davon, wie sich die etablierte Mittelklasse in ihrer Feierlaune samt esoterischen Neigungen – hier ein Experiment mit Geräten zur Hirnstrommessung – auch von Krisen und Nöten der nächsten Generation wenig beeindrucken lässt. Generationenkonflikte, für Tschechows Stück konstitutiv, werden hier so absichtsvoll ausgeblendet, dass man sie in den um gerechten Ausgleich bemühten skandinavischen Gesellschaften umso schärfer sucht – und auch findet.

Die Schauspielerin Irina, von der ebenfalls sehr populären Halldóra Geirharðsdóttir verkörpert, hat eigentlich kein Problem mit neuen Kunstauffassungen, sondern nur recht egomanische Sorgen um das Älterwerden als Bühnenstar. Bei diesem Thema setzt Regisseurin Yana Ross noch eins drauf, wenn Nina im vierten Akt nicht wie sonst üblich als etwas heruntergekommene, gebrochene Möwe erscheint, sondern in Gestalt der über sechzigjährigen Guðrún Snæfríður Gísladóttir wie ein dunkler Schatten hereintritt. Was ja auch wieder zu BT und seinem bösen Spiegel aller zurückführt. Eine Art doppelten Boden erhält diese Tschechow-Aufführung außerdem dadurch, dass die fast alle auch vom Film bekannten Schauspieler diesen Status in die jeweilige Figur einbringen – im Grunde also eine von ihren Ängsten und Eitelkeiten getriebene Schauspielergesellschaft darstellen, in der dann Knausgård-BT logischerweise der scharfsinnige Außenseiter ist, den zudem noch keine Alterssorgen umtreiben müssen.

Es ist die zweite Tschechow-Arbeit von Yana Ross, die in mehrfacher Brechung von dort kommt, wo man Tschechow vielleicht noch am traditionellsten zu Hause wähnt. 1973 in Litauen geboren, ging sie in Moskau zur Schule und begann dort, in den wilden Jahren des Zerfalls der Sowjetunion, an der Akademie für Theaterkunst GITIS Regie zu studieren. Ihr Abschlussdiplom als Regisseurin erlangte sie Jahre später 2006 an der renommierten Yale School of Drama in den USA, wo man bekanntlich großen Wert auf die handwerklichdramaturgischen Grundlagen des Theaters angelsächsischer Prägung legt, aber kaum Aufbrüche und Visionen im Sinne des europäischen Regietheaters pflegt. Allerdings ist Yale seit den Zeiten Eugene O’Neills auch immer ein amerikanischer Hort des neuen Dramas gewesen, und so überrascht es nicht, dass die ersten Inszenierungen von Ross sich aus allen diesen verschiedenen Schulen und Anregungen quasi transkontinental zusammensetzen. „Clean House“ der jungen Amerikanerin Sarah Ruhl in Moskau, „A Kingdom in the Snow“ von Lola Arias in New York, Elfriede Jelineks „Bambiland“ am Theater von Oskaras Koršunovas in Vilnius, wo sie heute wieder lebt und vor zwei Jahren die viel beachtete Erstaufführung von Tadeusz Słobodzianeks „Unsere Klasse“ am Nationaltheater inszenierte. Klassiker gehörten erst mal nicht zu diesen Anfängen, obwohl es mit Heiner Müllers „Macbeth“-Version 2008 auch einen kurzen Abstecher an die Berliner Volksbühne gab. Mit Tschechow konnte sie jetzt ihre Regiearbeit erweitern – als Adaption eines modernen Klassikers auf die Theaterbedingungen in Island und zuvor schon in Schweden.

2014 inszenierte sie „Onkel Wanja“ in Uppsala. Auch hier war alles von den russischen Ursprüngen abgerückt in eine sportlich-lässig bis nachlässig gekleidete Sommergesellschaft westlicher Lebensart. Der New Yorker Bühnenbildner Zane Pihlstrom, fast immer der Ausstattungspartner von Ross, zitiert zwar noch eine Tür und ein Möbelstück aus der Entstehungszeit des Stücks im Hintergrund, aber das dient konsequenterweise dem Bild der allmählichen Auflösung von heutigen Gartenstühlen und Bierkästen in einer trunkenen Mittsommernacht. Aus deren marthalerhafter Trägheit reißen die Freunde Wanja (Mathias Olsson) und Astrow (Yngve Dahlberg) als Mini-Rockband aus alten Garage-Grunge-Tagen immer mal wieder ein akustisches Ausrufungsfragezeichen – war’s das jetzt schon, mit vierzig plus? Das hat Gustav Levin als Professor Serebrjakow (als Einziger im dunklen Anzug) längst für sich in Champagnerlaune beantwortet. Echte Konflikte dürften ihn in dieser weitgehend erschöpften Gesellschaft nicht mehr erreichen, während die Grenzen zum Prekariat bei den Jüngeren noch sanft zerfließen. Einen Knausgård-Stachel gibt es hier höchstens, wenn Astrow die Sommerhitze als Klimawandel beschwört, der inzwischen auch die wohltemperierte schwedische Gesellschaft erreicht hat.

Yana Ross’ Tschechow-Erkundungen künden noch von einer russischen Sensibilität für die Feinnervigkeit der Figuren in ihrer Unruhe. Doch das Unglück der verfehlten oder verdorrten Liebe ist hier ganz durch die schon sprichwörtliche Müdigkeitsgesellschaft westlicher Prägung umgeformt, in der einstige Aufbrüche nur noch als Schwundstufen von gesellschaftlichen Visionen zu bemerken sind. Dafür die längst verbrauchte und heute irritierende russische Melancholie als Topos fortzupflanzen, das hat sich erledigt. Interessant und durchdringend ist deshalb der Blick von Ross auf Tschechow in skandinavischen Szenen, deren Länder, wenngleich durchaus schon erschüttert, immer noch als die behaglichsten Lebensmodelle der westlichen Welt gelten. Insofern sind ihre Arbeiten eine wirklich theatrale Fortsetzung von Tschechow, dessen Figuren ihr Leben ja nur für ähnlich weltverbesserisch halten – eben ohne echte Konsequenzen. Bei allem Spaß mit Geburtstagstorten, Retromusik und Trinkgelagen wirft die Regisseurin damit einen subtilen Blick aus gleich drei Himmelsrichtungen auf Tschechows Stücke – aus Ost und West auf Nord. BT würde notieren: Knausgård, Buch zwei, noch mal nachschlagen. Was steht da über Schweden? Und was vielleicht über Tschechow? //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2016/02/33593/komplett/