Protagonisten

Aufruhr in Permanenz

Der Schriftsteller und Dramatiker Rolf Hochhuth wird 85. Ein Gespräch mit Thomas Irmer und Cornelia Klauß

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Herr Hochhuth, vor fast 25 Jahren entstand Ihr Stück „Wessis in Weimar. Szenen aus einem besetzten Land“, das materialreich die Verfehlungen der Vereinigung anprangerte. Wie sehen Sie das Land heute?
Es gibt zwei Sachen, die auch heute noch fehlen: Wir sind als Land nicht souverän. Und nach wie vor steht das Recht auf Arbeit nicht im Grundgesetz. Schon Bismarck wollte das Recht auf Arbeit durchsetzen – und ist damit im Reichstag an den Liberalen gescheitert. Was das Thema des Stücks angeht, so ist es heute verjährt, weil sich die Deutschen als geborene Untertanen seinerzeit mit ihrer Enteignung arrangiert haben. Was soll man machen mit einem Volk, das sich mit dem Unrecht der Treuhand abfindet? Ich fürchte, der von Heinrich Mann in seinem gleichnamigen Roman beschriebene Untertan ist uns angeboren. Auch in der Demokratie, die wir ja nicht haben. In England und den USA ist es den Parteien verboten, eine große Koalition, außer in Kriegszeiten, einzugehen. Hier aber herrscht die große Koalition als großer Absprachequatsch. Entweder es gibt eine Opposition – oder es gibt keine. Bei uns will die Regierung offenbar keine Opposition.

„Bei uns will die Regierung offenbar keine Opposition“, sagt Rolf Hochhuth – der in seinem Denken und Schreiben immer Opposition geblieben ist. Foto Agentur Hegmann
„Bei uns will die Regierung offenbar keine Opposition“, sagt Rolf Hochhuth – der in seinem Denken und Schreiben immer Opposition geblieben ist. Foto Agentur Hegmann

Und die damals heftig umstrittene Uraufführung von „Wessis in Weimar“ in der Regie von Einar Schleef, wie schätzen Sie die heute ein?
Das hatte wenig mit meinem Stück zu tun. Schleef war damals so „in“ als Regisseur, dass man den Autor des Stücks als nicht mehr zuständig sah. Das war der Höhepunkt des Regietheaters, wo allein der Regisseur das Sagen hat und ihm die Presse dafür applaudiert. Ich habe neulich Claus Peymann aufs Höchste bewundert für seine von Jutta Ferbers dramatisierte Fassung von Kafkas „Prozess“, weil Peymann diesen Roman wirklich werktreu inszeniert hat. Aber er bekam in Berlin natürlich nur Verrisse dafür.

Am 1. April werden Sie 85 und haben ja auch schon viele Regisseure vor Peymann erlebt, angefangen mit dem großartigen Erwin Piscator, der Sie mit Ihrem „Stellvertreter“ entdeckte.
Wissen Sie, wenn man als Autor, Regisseur, Maler oder Musiker zu lange da ist, dann langweilt man. So wie Sie mit Ihrer Zeitschrift schon alt geworden sind, sind die, mit denen Sie groß wurden, schon tot oder in Pension. Die Neuen wollen ihre jungen Autoren. Das hat auch seine Berechtigung und führt eben dazu, dass man die Alten nicht mehr will. Das ist nicht nur in der Kulturwelt so, sondern in allen Branchen und sogar in der Natur – der alte Hirsch muss ins Dickicht. Da kann man gar nichts machen und sich nur darüber freuen, wenn es noch ein paar Getreue gibt wie die vom Münchner Volkstheater, die den „Stellvertreter“ immer noch im Programm haben. Außerdem wird zurzeit mein Stück „Neun Nonnen fliehen“ für die erste Inszenierung nach der szenischen Lesung in Bad Lauchstädt 2013 für das Luther-Jahr 2017 vorbereitet.

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