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Der Dionysos von Saint-Denis

Wie geht das, Theater machen in der Pariser Banlieue in Zeiten des Terrors? Jean Bellorini versucht es mit pulsierendem Volkstheater

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Damit auch die ins Theater kommen, die um die Ecke wohnen – Ein Straßenumzug des Théâtre Gérard Philipe im Pariser Stadtteil Saint-Denis. Foto Gaullaume Chapeleau
Damit auch die ins Theater kommen, die um die Ecke wohnen – Ein Straßenumzug des Théâtre Gérard Philipe im Pariser Stadtteil Saint-Denis. Foto Gaullaume Chapeleau

Die Geschichte von Saint-Denis beginnt mit Kopflosigkeit und unerhörtem Stehvermögen. Vor langer Zeit, als Paris noch Lutetia hieß, schlug man einem christlichen Missionar auf dem Montmartre den Kopf ab. Der aber ließ sich dadurch nicht aufhalten. Er nahm sein Haupt unter den Arm und spazierte von dannen. Ging nördlich, bis in ein Dörfchen kurz vor der Stadtgrenze. Dort fiel er tot um. So will es die Legende. Dionysos hieß der Missionar, auf Französisch Denis. Wo er hinsank, steht heute die Kathedrale von Saint-Denis. Aus dem Dorf ist eine große Stadt geworden. Dionysiens heißen die über 100 000 Einwohner hier, was einem im Theaterkontext ein gutes Zeichen scheinen will.

Wer im Vorfrühling 2016 an Saint-Denis denkt, denkt aber nicht zuerst an Dionysos, nicht an die französischen Könige, die vom kopflosen Spaziergänger so beeindruckt waren, dass sie sich jahrhundertelang in Saint-Denis begraben ließen. Heute denkt man: Banlieue. Wer sich besser auskennt: nördliche Banlieue. Im Norden finden sich, anders als im wohlhabenden Süden von Paris, tatsächlich jene zusammen, die von der Metropole angezogen sind, aber in deren Kern keinen Platz haben. Menschen ohne Arbeit oder mit schlecht bezahlter Arbeit. Menschen, deren Muttersprache nicht Französisch ist. Viele Menschen mit brauner oder schwarzer Hautfarbe. 70 Prozent der unter 18-Jährigen in Saint-Denis haben keine französischen Eltern. Wenn man dort aus dem Bahnhof tritt, riecht es nach gebratenen Maiskolben und Esskastanien, es werden Zigaretten vertickt; Frauen in afrikanischen Kleidern tragen kleine Kinder durch die Gegend. Die Stadt ist einen Steinwurf von Paris entfernt, scheint sich aber doppelt so schnell zu bewegen. Saint-Denis ist jung. Jung und lebendig. Dionysisch eigentlich. Was freilich auch heißt: mit dem Abgrund flirtend.

Denkt man heute an Saint-Denis, dann auch an das Stade de France, das Fußballstadion, vor dem sich am 13. November 2015 drei Selbstmordattentäter in die Luft sprengten. Denkt daran, was passiert wäre, wenn die drei es bis in das voll besetzte Stadion hinein geschafft hätten. Was danach im Pariser Club Bataclan passierte. Denkt vielleicht auch an den 18. November 2015, als Saint-Denis stundenlang stillstand und drei mutmaßliche Terroristen bei einem Polizeieinsatz ums Leben kamen. Saint-Denis – Banlieue – Terroristen. Eine Gedankenkette, für viele so eng geknüpft, dass sie sich kaum durchbrechen lässt. Stellen wir dagegen: Saint-Denis – Theater.

Wut und Hunger nach Ehre

Im Kern von Paris kann das Theater so tun, als sei es das Zentrum des Lebens. An den Rändern muss es sich der Tatsache stellen, dass es eine Nische ist. Zentrum ist hier das Leben. Der Mann, der das Theater in Saint-Denis leitet, weiß das. Er heißt Jean Bellorini. Er ist Regisseur. Als er Anfang 2014 Leiter des Théâtre Gérard Philipe wurde, war er gerade 33, der Jüngste, der jemals in einen solchen Posten berufen wurde. Er hatte bei Ariane Mnouchkine am Théâtre du Soleil eine viel gelobte Adaption von Victor Hugos Sozialpanorama „Die Elenden“ inszeniert, die ersten wichtigen Preise gewonnen, hatte am Pariser Théâtre de l’Odéon einen bunten, musikalischen „Der gute Mensch von Sezuan“ gezeigt, so hoffnungsvoll, dass manche ihn naiv nannten. Bellorini, ein Vielarbeiter. Ein Hoffnungsträger.

Im Spätherbst 2015 sitzt also der Hoffnungsträger in seinem Büro in Saint-Denis und spricht darüber, wie man als Pariser Ärztesohn in der Banlieue Theater macht. Mit Demut, lautet die verkürzte Antwort. „Als weißer, irgendwie bourgeoiser Theaterleiter in einer Banlieue wie Saint-Denis muss man extrem sensibel sein. Und man muss alle Kategorien von Menschen, die hier leben, respektieren. Es ist so leicht, in eine Art von gut meinender Haltung zu fallen, die den Leuten vermittelt: Ich gebe dir mein Wissen weiter, ich weiß das alles für dich.“ Bellorini ist keiner, der alles weiß. Ein schmaler, agiler Mann, melancholisch und atemlos zugleich. Seine Ehrlichkeit ist ihm wichtig. Also sagt er auch: „Wenn in der Presse steht, dass die Gelder für das Theater knapp werden, dann verteidigen die Dionysiens ihr Theater. Aber viele von ihnen waren noch nie da. Viele sagen: Das ist nicht unsere Kultur.“

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