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Die alte Hure Europa

Der belgische Dramatiker Tom Lanoye über seinen Dschihadisten-Monolog „Gas“ und die Zersplitterung Europas im Gespräch mit Dorte Lena Eilers

von und

Tom Lanoye, ich habe kürzlich Ihr Stück „Festung Europa“ wiedergelesen, das 2005 zur Uraufführung kam. Es trägt den Untertitel „Hohelied der Zersplitterung“. Damals waren Finanz-, Flüchtlings- und Europakrise in all der Deutlichkeit, wie wir sie heute erleben, noch nicht sichtbar. Wie kamen Sie zu diesem Stück?
Ja, es ist erstaunlich, oder? „Hohelied der Zersplitterung“, das ist genau das, was gerade passiert. Ich wünschte, ich hätte damit nicht recht gehabt. Es ist eine große Enttäuschung zu sehen, dass Europa moralisch und politisch nicht die Größe besitzt, die Werte, die es vorgibt zu haben, auch zu leben. Das ist die zentrale Linie in „Festung Europa“ – und es bringt meine afrikanischen Freunde immer zum Lachen: Wie definiert sich ein Europäer? – Als jemand, der auf den Rest der Welt schaut und sagt: Hört zu, Leute, wir haben den Grundsatz erfunden, dass jeder Mensch gleich ist, und daher sind wir euch allen überlegen. – Dieser Widerspruch hört sich wie ein Witz an, aber er ist furchtbar wahr.

Foto: Tessa Posthuma de Boer
Foto: Tessa Posthuma de Boer

Sie leben in Antwerpen und Kapstadt. Hilft Ihnen die Distanz zu Europa, um einen anderen Blick auf die Ereignisse hier zu bekommen?
Ja, wobei es eher dieses Gehen und Wiederkommen ist, das mir hilft. Es ist wie ein Mikroskop, das du für ein paar Monate gegen ein Teleskop austauschst. Wenn man zurückkommt, sieht man die Dinge hier mit anderen Augen. Es ist natürlich aber auch das Dortsein. Kapstadt ist für Südafrika so etwas wie New York für die USA, eine mondäne Blase, wo viele Intellektuelle leben, es ist die Schwulenhauptstadt Afrikas, es ist für mich ein Laboratorium für das, was Europa möglicherweise werden könnte: Zahlreiche Kulturen, Religionen, Sprachen leben dort zusammen – mit allen damit einhergehenden Problemen. Natürlich, die Apartheid ist nicht vorbei – vor allem ökonomisch. Und doch erlebt man eben auch dort, wie peripher Europa geworden ist. Die großen Kräfte sind Indien, China, Brasilien, Kanada, die USA. Auch Afrika ist nicht mehr das, was es war, als ich das erste Mal vor 25 Jahren dort war. Das Problem Europas ist, dass keiner der Mitgliedstaaten das sieht. Viele pflegen ein Afrikabild aus dem 19. Jahrhundert.

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