Kolumne

Neben Nordkorea

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Das Kulturprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt, besser könne man das in Nordkorea auch nicht machen, so schloss Ulrich Matthes anlässlich der Verleihung des großen Berliner Kunstpreises an Frank Castorf aus dem eben verlesenen Zitat: „Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern. Die Bühnen des Landes Sachsen-Anhalt sollen neben den großen klassischen internationalen Werken stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen.“ Wie bei den Nazis, flüsterte jemand neben mir, und ich nickte eifrig. Preaching to the own crowd?, könnte man fragen. Ja, natürlich, aber die eigene Crowd hat sich ja auch etwas verlaufen, sie hat auch etwas verschlafen und schläft vermutlich weiter, denn man weiß ja manchmal gar nicht, was die eigene Crowd so wirklich ist, sie besteht eher aus einem Konsensgefühl.

Da haben Sie ganz andere Informationen? Sie kommen hier aber jetzt nicht zu Wort, zu Wort kommen die, die richtige Sätze sagen: „Wir haben jetzt ja alle mit Flüchtlingen zu tun“, oder: „Wir setzen uns ja alle für das Menschliche ein“, oder: „Wir schaffen das, die offene Gesellschaft.“ Richtige Sätze, die umso richtiger wären, würden sie weitergehen, aber sie hören schon wieder auf, und dann lesen wir wieder ein wenig Houellebecq, um uns in verdaubaren ästhetischen Portionen aufs Inhumane einzuschwenken, denn das gibt es ja auch irgendwie, und irgendwie ist das alles doch problematisch. Frank Castorf nannte es anlässlich der Entgegennahme des Kunstpreises: „unser weichgespülter Begriff von Demokratie“, der ihn nicht weiter interessiere. Dazu hielt er uns nicht einmal sein Céline-Gesicht hin, sondern etwas, das nach permanenter Übersprunghandlung aussah, während ich eine vertraute Stimme über den zynischen Humanismus sprechen höre. Es ist Milo Rau, vielleicht auch nur eine Halluzination von Milo Rau, wie man sie heute haben kann, besonders wenn man ihn allzu voreilig als Provokateur entlarven möchte. „Der wird die Konsenshölle unseres zirkulären Denkens auch nicht überwinden können“, wäre eine Vermutung, die man haben kann – da hilft auch der „Nachmittag eines Linksfaschisten“ in der Schweizer Botschaft nicht, höre ich auch schon auf einem Autorücksitz, aber das ist Frank Raddatz in Holland, wo wirklich nur noch rechts von einem neoliberale Gefährte vorbeischießen und ansonsten nichts mehr geschieht. Das wirklich Erschreckende ist doch, versucht sein Sitznachbar zu Wort zu kommen, dass diese AfD-Typen uns wie der wütende Protest der Deklassierten erscheinen, als einziger Ort, an dem die Verwerfungen unserer Gesellschaft sich noch äußern, während auf Deutschlandfunk seelenruhig ein bayerischer Museumsleiter gefragt wird, ob er unter Seehofer noch politisch sein könne, wo der doch die Willkommenskultur ablehne. Das alles dreht sich in meinen Kopf hinein, bis in jene dunkle Ecke, in der die österreichische Reminiszenz zu Hause ist: All die Jahre des Haider-Wahnsinns habe ich mir immer gesagt, so was ist in Deutschland unvorstellbar, und jetzt haben wir den Salat!

Doch kann mir hier jemand mal erklären, wie es dazu gekommen ist, dass ich die ganze Zeit dabei bin, einem Marsmenschen das deutsche Stadttheatersystem zu erklären? Welchem Marsmenschen? Ich weiß auch nicht, ich weiß nur, dass ich derzeit kaum etwas anderes mache, als etwas über die deutsche Provinz zu stammeln und über große Städte wie Hamburg, Berlin oder München und über die unterschiedlichen Problemlagen hier und dort, von der Touristisierung und Festivalisierung, dem möglichen Einzug der Kuratorenfigur, die den Intendanten hinter sich lässt, der Standortbuhlerei und dem Starsystem. Ich hole Luft: Theater erscheine nur noch als Reigen der schnell wechselnden und gut konsumierbaren Oberflächen, die die Städte austauschbar machten und einzig einen Wettbewerbsvorteil bei der Konkurrenz um Übernachtungszahlen darstellten. Bettenbelegung ist heute alles in den fake cities. Ich hole erneut Luft: Da passt der radical chic auch dazu, plus jede Menge authentisches Gefühl. X Wohnungen kommen aus X Häusern mit X Menschen heraus und ergeben XXX. Ich hole noch ein letztes Mal Luft: Erstaunlich, welche theatralischen Sofortmaßnahmen dabei noch möglich sind. Als befänden wir uns im permanenten Echtzeittheater, irgendwo im Echtzeittunnel von Spiegel Online entlang. Der Marsmensch glotzt, ich hole nicht noch mal Luft, sondern schließe mit einem verwackelten Heiner-Müller-Zitat: Das Jahrhundert der Anwälte, das längst ins Jahrhundert der Finanzmaschinen übergegangen ist, hört sich nur an sehr wenigen Orten nach der bleiernen Befriedung durch Updates an, die niemals in der Wirklichkeit ankommen werden. Der Marsmensch ist mittlerweile auf dem Rückzug. „Wir haben das anders geregelt“, ruft er mir noch zu, bei ihnen zu Hause, das mit den Bettenbelegungen. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2016/05/33892/komplett/