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Stolzes oder lästiges Erbe?

Sachsen gibt im Ländervergleich das meiste Geld für Kultur aus – die Theater müssen dennoch gegen den Rotstift kämpfen

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Der Stolz, mit dem in Festreden oder Landtagsdebatten von der „reichen sächsischen Theaterlandschaft“ die Rede ist, klingt nie ganz überzeugend. Seit 26 Jahren schwingt stets auch ein „leider“ mit, denn das reiche Erbe bedeutet auch eine Last. Die Zeiten, als ein kulturbewusstes Bürgertum beispielsweise im heute nur 24 000 Einwohner zählenden mittelsächsischen Döbeln 1872 auf einen prächtigen Theaterneubau drängte, sind nicht nur in Sachsen vorbei. Die DDR wiederum leistete sich mit rund 70 Bühnen und 200 Spielstätten relativ zur Einwohnerzahl das dichteste Theaternetz der Welt. Überproportional konzentrierten sich diese Häuser wiederum im Süden, also in den heutigen mitteldeutschen Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Den Wegfall der hohen staatlichen Subventionen sollte 1990 eine bis 1994 laufende Übergangsfinanzierung des Bundes ausgleichen. 3,3 Milliarden Mark flossen damals in jene Kultursubstanz Ost, die laut Einigungsvertrag keinen Schaden nehmen sollte. Genau das war aber zu befürchten, als anschließend Länder und Kommunen die Finanzierung übernehmen sollten. Sachsen reagierte damals am konsequentesten mit einer Erfindung, die bis heute für das Schicksal der staatlich geförderten Bühnen von entscheidender Bedeutung ist: mit dem Kulturraumgesetz.

Foto: Rolf Arnold
Foto: Rolf Arnold

Erfindung Kulturraum

Zunächst wurde der „importierte“ Kulturmanager Matthias Theodor Vogt noch misstrauisch beobachtet, als er mit einer Kommission durchs Land zog und die Kultureinrichtungen evaluierte. Sein daraus resultierendes Kulturraumgesetz, das der Landtag Ende 1993 beschloss, aber gilt als Pionierleistung. Sachsen wurde in drei urbane und heute fünf ländliche Kulturräume aufgeteilt. Sie verwalten je eine Kasse, in die der Freistaat Sachsen und die tragenden Landkreise solidarisch einzahlen. Bei großen Einrichtungen sind außerdem die Gemeinden involviert. Die Kulturräume bestimmen selbst, was sie fördern, und das sind bei weitem nicht nur die großen und teuren Theater und Orchester. Doch die Gefahr des „Kulturkannibalismus“, der Konkurrenz um die innerhalb eines Raumes zu vergebenden Gelder, gehörte von Anfang an zu den Begleiterscheinungen des Gesetzes und bereitet den Theatern bis heute Probleme.

Gefährdung und Aufbruch lagen in den ersten Jahren nach der Wende für alle Kunstsparten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR dicht beieinander. Freie Theater, Off-Bühnen und kommerzielle Häuser traten aus ihrem Nischendasein oder konnten sich überhaupt erst gründen. In Dresden existierte schon seit 1985 das legendäre Statt-Theater Fassungslos. Das Projekttheater in der Neustadt kam hinzu und lebt trotz mancher Finanzierungs- und Managementprobleme bis heute. 1999 erstand das Societaetstheater wieder, das schon 1776 als Bürgertheater gegründet worden war. Das Haus der ehemaligen SED-Parteischule bot gleich mehreren kleinen Bühnen ein Domizil. Ins benachbarte World Trade Center zog die kommerzielle Comödie Dresden ein. In Leipzig entstand 1997 in unmittelbarer Nachbarschaft zum Theater der Jungen Welt das LOFFT als Spielstätte freier Gruppen. Mit der nicht nur auf das Theater beschränkten Schaubühne Lindenfels und weiteren Gruppen ist Leipzig ein Zentrum der freien Szene. In Chemnitz ist die Vereinseigene Bühne VEB aktiv.

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