Thema

Flucht nach vorn

Das Hans Otto Theater Potsdam muss zehn Jahre nach seinem Neubau wieder das Improvisieren lernen – zu seinem Glück

von

Fragt man den Schweizer Regisseur Elias Perrig nach Potsdam, antwortet der, es erinnere ihn an seine Heimatstadt. Luzern, ausgerechnet? Aber ja, sagt Perrig, der Tourismus, die Ruhe, der Wohlstand! Perrig gibt zu, dass er als Jugendlicher nur eins wollte, weg aus Luzern. Wirklich entkommen ist er ihm nicht. Er arbeitet regelmäßig in Potsdam, dieser schweizerischsten unter den brandenburgischen Städten. Manche Ecken kommen ihm vor wie eine Schlafstadt. Leben die Menschen wirklich hier?, fragt er sich dann. Oder schlafen sie hier nur und leben eigentlich woanders? In Berlin zum Beispiel.

HL Böhme
Foto: HL Böhme

Die direkte Nachbarschaft zur Hauptstadt, sie ist für das Hans Otto Theater schön und schlimm zugleich. Freilich will es vor allem Stadttheater für Potsdam sein, aber man kann hier nicht Theater machen, als gäbe es keine Volksbühne, kein Deutsches Theater, keine Schaubühne nebenan. Wo man den Schulterschluss mit hauptstädtischem Theater sucht, gerät es hingegen schnell zum Abklatsch und düpiert jene, die die Berliner Theaterkonvention nicht kennen. Provinz!, schimpfen dann die einen. Möchtegern-Berlin!, die anderen. So oder so: Es wird ziemlich viel geschimpft in Potsdam.

Dabei geht es der Stadt gut. Potsdam, in den wilden Neunzigern die Hausbesetzerhauptstadt der Republik, ist heute so glatt und schön wie nie zuvor. Um die großen Seen herum wohnen die Millionäre, im Stadtzentrum hat man das Schloss wiederaufgebaut. Und ein neues Theater hat die Stadt seit 2006 auch. Es steht in der Schiffbauergasse, einem ehemaligen Fabrikgelände am Tiefen See, das früher so etwas wie der Hort der alternativen Szene war. Heute heißt das Areal „Erlebnisquartier“. Es wird architektonisch dominiert vom roten, recht angeberisch in den Himmel züngelnden Dach des neuen Theaterhauses von Gottfried Böhm und einem ehemaligen Koksseparator, in dem heute ein bekanntes Softwareunternehmen thront.

Als das neue Haus vor zehn Jahren eröffnet wurde, hieß der Intendant noch Uwe Eric Laufenberg. Er, der flamboyante Kölner, hatte das Hans Otto Theater durch zwei schwierige Jahre des Übergangs balanciert. Aber kennen die Potsdamer eigentlich Jahre, die für ihr Theater kein Übergang waren? 1945 war das Königliche Schauspielhaus am Alten Stadtkanal zerbombt worden, 1966 wurden die Reste abgerissen. Seit Ende der 1940er Jahre spielte man in Übergangslösungen: erst in einer ehemaligen Gaststätte in der Zimmerstraße, seit 1992 dann in einem Leichtmetallbau, der den sprechenden Beinamen „Blechbüchse“ erhielt. Aus der für fünf Jahre geplanten Lösung wurden 15. Zwischendrin spielte man, wie heute noch, immer mal wieder im hübschen, aber kleinen Barocktheater im Neuen Palais. Kurz bevor das Neue Theater dann endlich, endlich eröffnete, gab es gar keine feste Spielstätte – was Laufenberg mit seinem Improvisationstalent wettmachte. Die Blechbüchse indessen lebte fort: Sie reiste 2007 weiter nach Zagreb.

In Potsdam sollte das Improvisieren 2006 ein Ende haben. In der neuen Bleibe wollte man sich nach dem Wellblech-Intermezzo der Grandezza der Stadt erinnern. Einer Grandezza, die man in der Zeit der Preußen wiederzufinden glaubt. Längst hat sich diese Sehnsucht auch architektonisch in die Stadt eingeschrieben: Das Schloss ist nur das augenfälligste Beispiel. Vor allem Architekturen, die die Stadt seit 1945 prägten, passen hier nicht hinein. „Es ist eine Art wütende Sucht“, schreibt die Potsdamer Autorin Julia Schoch über die Verpreußisierung der Innenstadt. „Als sei das definitive Ende der Geschichte nun wirklich da, die Zeiten der Verirrung ein für alle Mal vorbei, und als müsse die Stadt, diese albern-monströse Ansammlung von Kulissen, in einem letztgültigen Zustand übergeben werden.“

In seinen schlimmen Momenten fügte sich das Theater dieser Sucht. Die Eröffnung des Theaterneubaus 2006 war ein solcher. Gegeben wurde „Katte“, ein antiquiert daherkommendes Versdrama über den titelgebenden Kompagnon des jungen Friedrich II. Wann immer das Theater in den folgenden Jahren die Nähe zur preußischen Vergangenheit suchte, ging das schief. Da ging es Tobias Wellemeyer, der Laufenberg 2009 ablöste und das Hans Otto Theater noch bis 2018 leiten wird, genauso. Überhaupt lief es für Wellemeyer anfangs nicht gut in Potsdam. Was ihm zuvor im gebeutelten Magdeburg gelungen war, wollte im sanierungstaumeligen Potsdam lange nicht gelingen: Viele Potsdamer blieben weg. Die Auslastung sank. Was also tun?

Dem verlautbarten Vorwurf, es werde zu wenig Lustiges gegeben, setzte Wellemeyer ab der zweiten Spielzeit dezidiert Lustiges entgegen („Der Revisor“, „Der nackte Wahnsinn“, „My Fair Lady“). Komödien laufen gut in Potsdam: Hier stimmt oft die Spiellust im Ensemble, stimmen auch die Zuschauerzahlen. Die Suche nach anderem, Gehaltvollem, verlief jedoch lange Zeit glücklos. Zunächst versuchte auch Wellemeyer, sich der preußischen Geschichte anzudienen. Seine dritte Spielzeit begann er mit dem „Schach von Wuthenow“, einer Erzählung von Theodor Fontane. Aber was interessiert heute an standesungemäßer Liebe und den Zwängen preußisch-soldatischer Disziplin? 2012 dann die Auftragsarbeit „Fritz!“ – ein grobschlächtiger Versuch, Friedrich II. auf den Leib zu rücken. Von dem Unterfangen ist nur, immerhin!, die großartige Rita Feldmeier als Friedrich in Erinnerung geblieben.

Eine weitere Strategie, neben dem Komischen, dem Historischen und den vor allem Regisseur Alexander Nerlich zu verdankenden Klassikerauffrischungen („Faust“, „Hamlet“, „Peer Gynt“), ist in Potsdam das Erzählerische, vornehmlich in Romanadaptionen. Uwe Tellkamps „Der Turm“ war 2010 Wellemeyers erster großer Erfolg. Die Bühnenfassung lässt das Vorwendepanorama aus der Perspektive von Christian (Holger Bülow) erzählen, als düster-reißerischen Krimi im blattlosen deutschen Märchenwald (siehe TdZ 2/2011). 2012 folgte mit „Krebsstation“ nach Alexander Solschenizyn ein elegisch-humoriges Abbild der späten, erstarrten Sowjetunion – in der das Potsdamer Publikum die eigene (DDR-)Vergangenheit aber nicht erkennen konnte oder wollte. Ebenfalls 2012: die viel diskutierte Adaption von Tellkamps Erstling über Eliten-Rechtsextremismus, „Der Eisvogel“ (Regie Stefan Otteni), der rückblickend den AfD-Erfolg vorwegnahm: 2014 zog sie in den Potsdamer Landtag ein.

Die zurückliegende Spielzeit, Wellemeyers siebente, ließ aufhorchen. Schon der Auftakt, „Das schwarze Wasser“ von Roland Schimmelpfennig in der Regie von Elias Perrig, war eine Ausnahme: eine klar erzählte, konzentrierte, uneitle Inszenierung, die zeigte, dass es sehr wohl auch spielbare zeitgenössische Stücke gibt. Sie brauchte nichts als sieben Spieler und ein paar Stühle, um pfeilgenau vom Heute zu berichten. Zwei Jugendgruppen, eine deutsch-bürgerlich, eine deutsch-migrantisch, treffen hier an einem Swimmingpool aufeinander. Sie streiten, reden, feiern eine Nacht lang – und fallen dann zurück in ihre vorgeschriebenen Lebensbahnen. Fatalistisch? Eher traurig lebensnah. Anfang 2016 wieder eine Romanbearbeitung, die hier um die Ecke endet, „drei Kilometer vor Potsdam“: „Kruso“ nach Lutz Seiler (siehe TdZ 3/2016). Ein Abend, der nicht den Fehler macht, ins Nostalgische abzugleiten. Ein wichtiger Abend, weil er – endlich! – den Blick in die jüngste Vergangenheit fortführt, gegen jene wütende Sucht, die hier um sich greift.

Die Gegenwart prallte manchmal mit solcher Wucht auf das Potsdamer Theater, dass es wirken konnte, als sei es in eine Schreckstarre verfallen. Im September 2015, als es aus anderen Theatern Pressemeldungen zu Flüchtlingsaktionen hagelte, herrschte hier Ruhe. Nach außen hin. Innen brodelte es. Ensemblemitglieder engagierten sich privat. Es entstand ein „Refugees’ Club“. Es entstanden Workshops mit Flüchtlingen. Der Jugendclub machte die Flüchtlingskrise auf eigenen Wunsch zum Thema, es entstand gemeinsam mit Willkommensklassen das Projekt „Flucht nach vorn“. Dazu kam „Illegale Helfer“, ein Stück von Maxi Obexer, das fragt, wie weit Mitmenschlichkeit gehen darf. Derzeit sucht die Autorin zusammen mit Regisseur Clemens Bechtel Potsdamer – alte, neue und ganz neue – für eine Arbeit zum Thema „Gehen und Bleiben“. Das Theater scheint sich gerade ausgerechnet in dem wiederzufinden, was es endlich ablegen wollte. Im Improvisieren-Müssen. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2016/09/34191/komplett/