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In Schönheit sterben

Eine Umfrage von Theater der Zeit und Neuköllner Oper

Musiktheater im Kiez über den Kiez – Die Neuköllner Oper. Foto Dario Lehner
Musiktheater im Kiez über den Kiez – Die Neuköllner Oper. Foto Dario Lehner

„Aida“, 4. Akt, 2. Szene: Mit einem unheilvollen Knirschen schiebt sich der letzte Stein in die Mauer. So zumindest stellt man es sich vor, wenn man die Handlung dieser Verdi-Oper liest. Radames und Aida, lebendig begraben. Was das heißt, thematisiert die Oper indes nicht. Nicht das langsame Dahinsiechen, das Verdursten, die Atemnot – bei Verdi findet sich davon: nichts.

Nirgendwo sonst stirbt es sich so schön wie in der Oper. Weil sie, wie Alexander Kluge es formuliert, trotz Mord und Totschlag Hüterin des „Wahren, Guten, Schönen“ sein will. Und weil sich vieles, wie im Musiktheater eben so üblich, in der Musik abspielt, und zwar in einer, die sich zumeist in tonalen Strukturen bewegt, da Opernhäuser das Zeitgenössische viel zu oft scheuen. Damit wäre man auch schon beim nächsten Problem: Opern mit neu komponierter Musik und einem Libretto, das Geschichten aus dem Heute erzählt, werden an Opernhäusern kaum gespielt. Bürgerliche Erholungsstätten – so nannte Theodor W. Adorno die Institution Oper in seiner „Einleitung in die Musiksoziologie“, Alexander Kluge bezeichnet sie als Bunker.

Die Neuköllner Oper, in einem der quirligsten, aber auch sozial problematischsten Berliner Bezirke gelegen, wäre somit keine Oper, zumindest: keine Oper im klassischen Sinne. Wie ihre Lage an der Karl-Marx-Straße, eine der Hauptstraßen durch den Bezirk, vorgibt, kann von Erholung beziehungsweise einem Schutzraum keine Rede sein. Beständig widmet sie sich der Stadt und ihren Themen. Es geht um Migration, die „Generation Facebook“, die Krise in Europa oder den türkischen Einzelhändler von nebenan. Brennstoff Gegenwart lautet die Devise.

Mit Blick auf die Kollision oder eben Nicht-Kollision von Oper und Gegenwart haben Theater der Zeit und die Neuköllner Oper ein Umfrageprojekt gestartet. Wir wollten wissen: Wie beurteilen Vertreter/-innen aus Kunst, Kultur, Gesellschaft und Politik das Verhältnis zwischen unserer heutigen, von politischen und kriegerischen Auseinandersetzungen geprägten Lebensrealität und den ästhetischen Veredelungen auf den Opernbühnen? Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen, wie es das Schauspiel tut? Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Anlass dieser Umfrage ist das viertägige Festival „In Schönheit sterben“, das vom 20. bis 23. Oktober an der Neuköllner Oper stattfinden wird. Die Umfragestatements werden in das Festivalgeschehen eingespielt und sollen einen Diskurs eröffnen, der vor Ort vis-à-vis vertieft werden soll. Zuvor veröffentlichen wir die Ergebnisse auch unter neukoellneroper.de und theaterderzeit. de im Internet sowie auf den jeweiligen Facebook-Seiten und laden alle Leserinnen und Leser ein, sich kommentierend in die Diskussion einzubringen. //

Update: Die Ergebnisse der Umfrage finden Sie unter http://neukoellneroper.de/discussion/

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