Protagonisten

Resetting Staatstheater

In Oldenburg stiftet das Projekt BANDEN! neue performative Allianzen zwischen Institution und freier Szene

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November 2016: Klassenfahrtstimmung in der Kantine des Staatstheater Oldenburg. Das Markus&Markus-Ensemble ist aus Oberbayern zurück, wo die Beteiligten eine Woche am Stück Szenen für ihr Projekt „Die Rache“ gedreht haben. Hier sprühen die Funken, die Stimmung schwankt zwischen Erschöpfung und Euphorie. Am Tisch: Lara-Joy Hamann, Markus Schäfer, Markus Wenzel und Katarina Eckold vom Performance-Kollektiv Markus&Markus, außerdem die Ensemble-Mitglieder Lisa Jopt und Pirmin Sedlmeir. Dazwischen einer, der sich freut, dass seine Vision sich einzulösen scheint: Marc-Oliver Krampe, leitender Schauspieldramaturg am Staatstheater Oldenburg.

Westernauftritt mit Hai und Kühen in Oberbayern – „Die Rache“ von Markus&Markus. Foto Katarina Eckold
Westernauftritt mit Hai und Kühen in Oberbayern – „Die Rache“ von Markus&Markus. Foto Katarina Eckold

Krampes Idee war, als er in der Spielzeit 2015/2016 in Oldenburg antrat, neue theatrale Wege für die Stadt zu entdecken, indem man Probenprozesse verändert, auf demokratischer Basis partizipative Konzepte entwickelt und die Ergebnisse knapp zwei Jahre später auf einem dreitägigen Festival präsentiert. So abstrakt das klingen mag, so konkret wird es im Frühjahr 2017: Vom 30. März bis 1. April fegen die Projekte der „neuen performativen Allianzen“ beim Festival BANDEN! über sämtliche Bühnen des Staatstheaters. Aber beginnen wir von vorn.

Anfang März 2016, eine Vorstellung von Kafkas „Amerika“. Hamann und Schäfer von Markus& Markus sitzen im Publikum und besichtigen Schauspieler – allerdings nicht, um danach in Absprache mit der Dramaturgie eine fertige Besetzung zu präsentieren. Sie werden am nächsten Tag mit all jenen Ensemblemitgliedern Gespräche führen, die gegenüber der Dramaturgie Interesse an dem BANDEN!-Projekt geäußert haben. Auch die Performer des Berliner Puppentheaters Das Helmi werden diesen Prozess durchlaufen. Erst danach sollen sich beide Performance-Gruppen für ihre Schauspieler entscheiden – und die Ensemblemitglieder parallel dazu für ihre Wunschperformer. Ein demokratischer Prozess, bei dem mit Glück zusammengeht, was zusammengehört. Es geht um Teamentwicklung auf Augenhöhe, eine Entscheidung füreinander. Es gibt keinen Text vorab, keine klassische Regieposition.

Vielmehr werden hier die essenziellen Fragen des Theaterlebens besprochen. Was Schäfer und Hamann für ihre Produktion interessiert, ist die Überschneidung zwischen der Person des Schauspielers und der Figur. Welche Rolle er schon immer habe spielen wollen, fragt Hamann Schauspieler Klaas Schramm beim ersten Kennenlernen. Ob er sich vorstellen könne, im öffentlichen Leben als ein Anderer aufzutreten, beispielsweise für die Oldenburger „Alternative für Deutschland“ (AfD) zu kandidieren, sich dabei filmisch begleiten zu lassen? „Wir wollen an den Punkt, wo man sich als Zuschauer fragt, wo die Schauspielerei anfängt und die Realität aufhört“, erklärt Schäfer.

Krampe hat ganz bewusst zwei sehr unterschiedliche Handschriften der freien Szene ans Haus geladen. Mit dem Hildesheimer Kollektiv Markus&Markus kommt ein Team von Performern nach Oldenburg, deren Aufführungen sich in der Grauzone zwischen Fiktion und Realität bewegen. Zuletzt haben ihre Ibsen-Adaptionen öffentliche Debatten ausgelöst. Für ihre Version von „Gespenster“ begleiteten sie eine todkranke Frau mit der Kamera, die mithilfe einer Schweizer Sterbehilfeorganisation ihren Suizid plante. Zwischen den jungen Performern und der Protagonistin hatte sich eine ungewöhnliche Verbindung entwickelt, die Einblicke in ihren Sterbeprozess ermöglichte, deren radikale Offenheit an die Grenzen des öffentlich Akzeptierten rührte.

Die vier Mitglieder von Das Helmi hingegen, die sonst im Berliner Ballhaus Ost zu Hause sind, arbeiten mit Puppen aus Schaumstoff, Stoffresten und Draht, die sie auf der Bühne zum Leben erwecken. Ihre Aufführungen lassen Platz für Improvisation und Unfertiges. Mit den Schauspielern des Staatstheaters machen sie sich auf die Suche nach gesellschaftlich verinnerlichten Geschlechterbildern und kreieren gemeinsam mit „Guliveras Reisen“ ein „Progressive-Feminist-Science-Fiction-Softporno-Projekt“. Beide freien Gruppen werden während des BANDEN!-Festivals auch je eine eigene Produktion zeigen. Zusätzlich werden Performance-Projekte des Instituts für Medien, Theater und Populäre Kultur der Universität Hildesheim in den Festivalrahmen eingebunden.

Mitte Mai 2016, im Probenzentrum des Staatstheater Oldenburg: Markus&Markus haben jetzt eine Woche intensiver Probenzeit mit ihren Schauspielern hinter sich. Wobei der Begriff Probe eine andere Dimension und die Autorenschaft der Schauspieler eine neue Bedeutung bekommen hat. Der Raum erinnert eher an einen Newsroom als an eine Probebühne. Die Schauspieler sind mit intensiver Recherche an ihren Laptops beschäftigt. Es gibt Arbeitsgruppen zu den Themen Waffenhandel, Bühnenverein, AfD und Geflügelproduktion. „Wir arbeiten gerade nach dem Streubombenprinzip“, erläutert Markus Wenzel. „Alle recherchieren parallel an brennenden, aktuellen Themen. Und dann gucken wir, welche Bombe zündet.“ Und Lara-Joy Hamann fügt hinzu: „Unsere Arbeit funktioniert eigentlich immer nach diesem Prinzip. Wir schreiben vierhundert E-Mails, bis wir eine bekommen, die für eine Performance nutzbar ist.“ Und Markus Schäfer grinst: „Auch eine gescheiterte Mission ist eine Mission. Es gibt immer einen Plan B. Dafür sind wir schließlich am Theater.“

Die Schauspieler sind stark involviert in ihre Themen. Oder wie Lisa Jopt es schmunzelnd ausdrückt: „Wir sind auf der Suche nach dem Misthaufen, auf dem wir theatral ausrutschen können.“ Sie setzt sich im Zuge ihrer Recherchen gerade mit der Manipulierbarkeit des Bühnenvereins auseinander. Nur: Wie macht man jetzt nach dem ersten Probenblock weiter? Es wird demokratisch über die Relevanz der Themen abgestimmt, eine Stoßrichtung für die weitere Recherche besprochen, dann werden die Aufgaben verteilt. Nur kurz kommt die Frage auf, ob das neben dem laufenden Spielbetrieb für die Schauspieler machbar ist. Es besteht kein Zweifel, dass hierfür der ein oder andere probenfreie Tag dran glauben muss. Und dass das keinen der Beteiligten stört.

Oktober 2016, nach dem zweiten Probenblock, auf der Probebühne bei Das Helmi: Klaas Schramm, den wir noch aus den ersten Gesprächen mit Markus&Markus kennen, hat gerade eine Probe mit den Performern Ludmila Skripkina und Florian Loycke hinter sich. Eben noch war Skripkina als Gulivera am Boden mit Paketschnur festgetackert und von Playmobil-Männchen belagert. Die Studenten der Uni Hildesheim werden von ihrem Probenbesuch in die Mittagspause entlassen. Das Verhältnis zwischen Loycke und Schramm hat WG-Charakter. Kein Wunder: „Wir leben hier mehrere Stunden pro Tag auf der Probebühne zusammen, diskutieren, improvisieren, machen Körperarbeit“, berichtet Schramm. Die Freiheit der Zeit fernab des klassischen Probenplans, die durch diese besondere Form entsteht, ist kreativ, auch wenn sie mehr zeitlichen Aufwand bedeutet. „Auf den Proben ist Feuer“, kommentiert Marc-Oliver Krampe.

Zurück in der Kantine bei Markus&Markus. Das Ensemble auf Zeit hat sich besonnen auf die ursprüngliche Konzeption: das Oszillieren zwischen Schauspielerbiografie und Rolle, Realität und Fiktion. „Die politischen Themen aus der Recherchephase haben wir hinter uns gelassen“, erklärt Wenzel. „Wir haben eine gemeinsame Entwicklung durchlaufen, und plötzlich kristallisierte sich aus dem biografischen Material der Schauspieler ein Thema heraus, das uns alle gereizt hat.“ Kern des Drehs in Oberbayern ist die Biografie eines Ensemblemitglieds: Die Geschichte von Pirmin Sedlmeir, der am Starnberger See aufgewachsen ist und vor seiner Schauspielausbildung eine Lehre als Bierbrauer absolvierte, hat „die Markusse“ inspiriert. „Die Rache“ heißt das Projekt jetzt. „Wir dehnen die Realität ein bisschen“, sagt Hamann. Und Sedlmeir ergänzt: „Der Dreh mit meinen Eltern war schon eine besondere Erfahrung. Wo endet das Private, wo beginnt die Fiktion?“

Letztlich ist das Konzept von Markus&Markus eben doch viel näher am Theater, als im Mai gedacht. Gemeinsam erforschen und dekonstruieren sie Theatermotive wie Liebe und Rache. Und kehren dabei zum Ursprungsgedanken des Festivals zurück: Das Konzept Stadttheater neu zu denken, zu überlegen, was man heute damit anfängt, welche Strukturen bewahrt gehören und welche nicht. Einen Sprinter mit Kostümen und zehn kreativen Köpfen vollzupacken und sie gemeinsam denken und arbeiten zu lassen, scheint jedenfalls das Beste aus beiden Welten, Stadttheater und freier Szene, miteinander zu vereinen. Oder wie Krampe es ausdrückt: „Diese gegenseitige Neugier aufeinander ist inspirierend für alle und ein großer Glücksfall.“ Es bleibt spannend, ob sich dieses Glück Ende März auf das Oldenburger Publikum übertragen lässt. //

Das Festival BANDEN! findet vom 30. März bis zum 1. April in Oldenburg statt.

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2017/02/34733/komplett/