Look Out

Der Doppeltbegabte

Bei dem Regisseur Alexander Eisenach wissen Schriftsteller ihre Romane in guten Händen – weil er selbst ein gefragter Autor ist

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Die Bühne ist ein astreiner Western-Saloon, samt Schwingtür, Spucknapf und lang gestrecktem Tresen. Eine Frau im Rüschenkleid kommandiert in dem Laden, zwielichtige Typen bevölkern ihn, und es wird nicht lange dauern, bis hier eine blutige Schießerei stattfindet, die den Genres Western und Splatter alle Ehre macht. Die Kammerspielinszenierung „Der kalte Hauch des Geldes“ entwickelt sich geradewegs und folgerichtig zum Publikumsliebling am Schauspiel Frankfurt. Der Abend schließt den Western mit dem Finanzkapitalismus kurz, übersetzt die Goldsuche von gestern in die Glücksversprechen von heute.

Alexander Eisenach. Foto Birgit Hupfeld
Alexander Eisenach. Foto Birgit Hupfeld

Ausgedacht hat sich das der 1984 in Ostberlin geborene Alexander Eisenach, der in Frankfurt seine Doppelbegabung als Autor und als Regisseur ausspielen kann. Seit der Spielzeit 2014/15 arbeitet er als freier Regisseur, in der Spielzeit zuvor war er Mitglied des sogenannten Regiestudios am Schauspiel Frankfurt, das dem Nachwuchs die Gelegenheit gibt, sich auf kleiner Bühne auszuprobieren. Seit der Spielzeit 2015/16 ist Eisenach Mitglied im dortigen Autorenstudio, wobei er der bislang Einzige ist, der in beiden Studios arbeitete. Studiert hat er Germanistik und Theaterwissenschaft in Leipzig und Paris. Seine ersten Regiearbeiten brachte er am Centraltheater Leipzig heraus, wo er als Regieassistent unter anderem mit Sebastian Hartmann, Sebastian Baumgarten, Martin Laberenz und Robert Borgmann zusammenarbeitete, deren Handschriften durchaus auch in Eisenachs Inszenierungen durchschimmern. Doch längst hat er sich einen eigenen Stil erarbeitet, der Text und Spiel gleichberechtigt einsetzt und die Bühne mit frischen Bildern konfrontiert.

Am Düsseldorfer Schauspielhaus etwa hat er im vergangenen September Leif Randts Zukunftsroman „Planet Magnon“ ebenso verspielt wie bildmächtig auf die Bühne gebracht. Gemeinsam mit dem Autor präsentierte er sich jüngst auch im Literaturhaus Wiesbaden: zurückhaltend, konzentriert, überlegt. Ein unauffälliger junger Mann, große Brille und schmaler Schnauzbart im blassen Gesicht. Mit Leif Randt ist er befreundet, und man meint instinktiv zu verstehen, warum Schriftsteller ihre Bücher bei Eisenach in guten Händen wissen. Nicht nur weil er als Autor Grob- und Feinheiten von Texten durchschaut, sondern weil er in der Lage und gewillt ist, Romane für die Bühne weiterzudenken.

Am Schauspielhaus Graz übersetzte er im vergangenen Jahr Clemens J. Setz‘ mehr als siebenhundert Seiten starken Roman „Frequenzen“ in eine eigene Bühnenfassung, die dem Buch wie dem Theater Rechnung trägt. Setz gewährte ihm für diese Bearbeitung eine Carte blanche. Eisenach nähert sich dem Stoff gewohnt bildstark, wobei er die unterschiedlichen Wirklichkeits- und Fiktionsebenen des Romans in seine Theaterrealität überführt. Sorgfältig arrangierte Bühnen (u. a. von David Wollenzin) kennzeichnen die Arbeit von Eisenach ebenso wie außergewöhnliche Musikeinsätze. Im Frankfurter Finanzwestern etwa tritt Bernhard Karakoulakis alias Boo Hoo mit eigenen Kompositionen auf. Neben Musik und Bühnenbild fallen die durchdachten, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen umspielenden Video- und Livekamera-Einsätze seiner Inszenierungen ins Gewicht.

Eisenachs eigene Texte sind dabei dezidiert politisch. In „Der kalte Hauch des Geldes“ verquickt er seine Kritik am Kapitalismus mit einer parodistischen Liebeserklärung an das Wildwest-Genre, während er in seinem von Daniel Foerster uraufgeführten Stück „Der goldene Fleiß“ den antiken Mythos vom „Goldenen Vlies“ mit den Schrecken der Gegenwart überschreibt.

Dass er auch weiterhin als Autor und als Regisseur tätig sein wird, scheint ausgemacht. Am 10. Februar ist am Theater Bonn die von Marco Štorman inszenierte Uraufführung von Eisenachs Stück über einen Aussteiger zur Zeit der Industrialisierung zu sehen: „Der Zorn der Wälder“. Keine zwei Wochen später wird Eisenach dann Camus’ „Die Gerechten“ am Schauspiel Hannover in Szene setzen. Schwer vorstellbar, dass der künftige Intendant des Berliner Ensemble, Oliver Reese, so einen in Berlin nicht zum Zuge kommen lässt. //

„Der Zorn der Wälder“ von Alexander Eisenach hat am 10. Februar Uraufführung am Theater Bonn.

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2017/02/34738/komplett/