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Prometheus der Dinge

Der Westflügel Leipzig führt „Frankenstein“ zum 20-jährigen Jubiläum der Figurentheatergruppe Wilde & Vogel auf

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Praktisch auf der Rückseite der weithin als Veranstaltungsort und Programmkino bekannten Schaubühne Lindenfels ist der dazugehörige Westflügel mittlerweile eine international bekannte Adresse. Das einst in der Gründerzeit als Ballhaus errichtete Gebäude verströmt heute den Charme des Abblätterns früherer Pracht – was im ansonsten durchsanierten Leipziger Westen Seltenheitswert hat. Im Foyer steht ein gusseiserner Ofen auf blanken Dielen und erinnert daran, dass an diesem Ort auch einst eine Ofenrohrfabrik untergebracht war. Im großen Saal wird seit 2006 Theater gespielt, genauer gesagt handelt es sich inzwischen um ein Produktionszentrum für Figurentheater, in dem bislang neun Inszenierungen entstanden sind, viele weitere gastierten und außerdem auch Workshops im Feld Musik-Puppe-Bewegung-Objekt angeboten wurden. Letztes Jahr wurde der Westflügel als einziges Figurentheater mit dem erstmals vergebenen Theaterpreis des Bundes für die kleineren und mittleren Häuser ausgezeichnet. Lange schon ist das bisweilen auch aus der Ferne anreisende Publikum dankbar für die hier gezeigten Arbeiten eines unkonventionellen Theaters, das in der Umgebung einzigartig ist.

Moderner Schöpfungsmythos – „Frankenstein“ von Wilde & Vogel. Foto Dana Ersing
Moderner Schöpfungsmythos – „Frankenstein“ von Wilde & Vogel. Foto Dana Ersing

1997 gründeten der Figurenspieler Michael Vogel und die Musikerin Charlotte Wilde in Stuttgart das Figurentheater Wilde & Vogel. Ab 2003 waren sie an der Entwicklung des Westflügels als Aufführungsort der freien Szene beteiligt, sechs Jahre später zogen sie mit ihrer Gruppe ganz ein und übernahmen auch die künstlerische Leitung mit entsprechender Vernetzung in der Welt des Figurenund Objekttheaters. Ohnehin war der Zeitpunkt günstig, denn mit dem Ausbau der nicht weit entfernten Baumwollspinnerei zu einem Zentrum für zeitgenössische Kunst (samt millionenschwerem Neo-Rauch-Hype) wurde der am Ende der DDR sehr verfallene Stadtteil Lindenau enorm aufgewertet und lockt inzwischen Kulturtouristen sogar aus Übersee.

Zum Jubiläum der Gruppe erarbeitete ein vielköpfiges Team um Wilde und Vogel „Frankenstein“ als hochkomplexes, kulturgeschichtlich erforschtes Projekt, das den Untertitel von Mary Shelleys 1816 geschriebenen Roman „Der moderne Prometheus“ beim Wort nimmt. Die künstliche Menscherschaffung wird parallel im Lichte von Mythologie und Naturwissenschaft gesehen – und dafür auch eine offenbar gelungene Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Angewandte Physik der Universität Erlangen-Nürnberg herangezogen.

In der Regie von Hendrik Mannes erzählen vier Figurenspieler (neben Vogel sind das Winnie Luzie Burz, Jan Jedenak und Stefan Wenzel) und zwei Musiker (Wilde und Johannes Frisch) die Geschichte von Viktor Frankenstein und seiner Schöpfung, bei der es nicht, wie in der Filmtradition seit Boris Karloff etabliert, um den Schauer einer monströsen Figur geht, sondern vielmehr um die moderne Parabel, für die auf der offenen Bühne für Figuren und Objekte allerlei Maschinerie überraschend zum Einsatz kommt – als ob die Theatermacher nicht nur „Frankenstein“ zur Aufführung bringen, sondern zugleich mit dieser Schöpfungsgeschichte wetteifern wollten. Am eindrucksvollsten gelingt das mit dem Finale des Romans, wo der Unhold in der Arktis im Feuer eines Scheiterhaufens den Flammentod durch einen Bunsenbrenner stirbt, und auf der Bühne eine lebensnahe Wachsmaske herzergreifend zum Schmelzen gebracht wird. Solche Mittel der Darstellung lassen einen den Eindruck gewinnen, dass diese Form des Theaters der konventionellen Bühne auch bei anspruchsvollster Literatur überlegen ist. Und schon erwartet man die nächste Aufführung mit Spannung. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2017/10/35530/komplett/