Auftritt

Rostock: Komm großer Wind

Volkstheater Rostock: „Einige Nachrichten an das All“ von Wolfram Lotz. Regie Christoph Bornmüller, Ausstattung Franziska Just

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Alle warten darauf, dass etwas passiert. Etwas anderes als der seit Jahren in Rostock kreisende Streit, wie viele Schauspieler im Ensemble sich das Volkstheater leisten darf, wie hoch die Abfindung für den – zu Unrecht, wie ein Gericht befand – gekündigten Intendanten Sewan Latchinian nun sein wird (hoch), ob man das neue Theater bauen wird oder doch nicht und ob es das Schauspiel, sollte die neue Immobilie irgendwann einmal stehen, überhaupt noch geben wird. Also nichts Neues von der Ostseeküste? Doch, ein kleines Un-Stück von Wolfram Lotz kontert den tagtäglichen Unsinn mit einem hochtourigen Mega-Unsinn, der den Nerv der Zeit nicht bloß in Rostock trifft. Und so einen Funken Licht ins dunkle All schickt.

Ich rede, also bin ich – „Einige Nachrichten an das All“ (hier mit Alexander Wulke, Bernd Färber und Sophia Platz) von Wolfram Lotz. Foto Frank Hormann
Ich rede, also bin ich – „Einige Nachrichten an das All“ (hier mit Alexander Wulke, Bernd Färber und Sophia Platz) von Wolfram Lotz. Foto Frank Hormann

„Einige Nachrichten an das All“ hat Christoph Bornmüller inszeniert. Vor einigen Jahren fiel er als Schauspieler im Ensemble von Annett Wöhlert am Theater Neustrelitz / Neubrandenburg auf. Über Schwerin und Darmstadt kehrt er nun mit seiner ersten Regiearbeit nach Mecklenburg zurück – mit welch einem Furor! Worum es Lotz in seinem hinreißend aberwitzigen Stück geht? Um das, was neben all dem „Weltraumschrott“ noch von Bedeutung sein könnte. Worte für die Ewigkeit, mittels einer Apparatur aufgezeichnet und ins All gesendet! Ort des Geschehens ist das sogenannte Ateliertheater des Volkstheaters, ganz früher einmal das Theatercafé, dann Rumpelkammer und Probenraum fürs Ballett, aber Letzteres braucht ihn nicht mehr, denn die Tanzsparte wird abgewickelt oder auch nicht, so etwas steht in Rostock immer in den Sternen.

Das Rest-Männerensemble versammelt sich hier fast vollständig: Alexander Wulke als Lum und Bernd Färber als Purl Schweitzke sind zwei Beckett-Figuren, auch als „schwule Mutanten“ angesprochen, dunkel existenzialistisch verhüllt vor einem kleinen abgestorbenen Baumsetzling, der nie Früchte tragen wird. Wo ist hier Hoffnung? Eine winzig kleine Glühbirne pendelt über der Szenerie. Wie wäre es, wenn wir ein Kind bekommen würden? Ein Kind ist immer gut für den Sinn des Lebens! Ein Das-geht-nicht ist ab jetzt keine hinnehmbare Auskunft mehr. Denn wie heißt es doch: Credo, quia absurdum!

Bornmüller kultiviert den Bilderbogen auf engstem Raum, spielt mit Realitätsgraden. Wer sind wir hier, leibhaftige Menschen oder Figuren in einem Stück, die einem Drehbuch folgen? Die Fragen nach freiem Willen, Zufall und Vorsehung treffen uns mit ganzer postmoderner Wucht, also wie ein Schlag mit dem Wattebausch ins Gesicht. Aber hier geht es ja zuerst um Atmosphären, die der Verlorenheit und Verlogenheit. Ein Freak am Synthesizer (John Carlson) macht neben Grimassen auch die Geräusche zu den krampfhaften Versuchen der Beteiligten, etwas von Bedeutung in die Welt zu setzen.

Da ist der „Leiter des Fortgangs“, eine verzweifelt fröhliche Showmasterin (Sophia Platz), für die das Prinzip Unterhaltung der einzige Gott ist, dem sie dient. Eine Trashfigur zwischen Talkshow und schlecht verborgenem Selbstekel im billigen Glitzerfummel – so etwas sieht man wahrlich nicht zum ersten Mal. Was den Abend in Bewegung hält, sind jedoch die hochtourig-intelligenten Sprachloopings des Wolfram Lotz. Und siehe, die Schauspieler verwandeln ihren ganzen Rostocker Alltagsfrust in eine hinreißende Spielwut, die schließlich ein unerwartetes Gewicht bekommt.

Lauter Kabinettstücke zwischen Kabarett und Beichte. Steffen Schreier, wie ein lebender Toter im schmutzigen Unterhemd, erzählt die Geschichte vom Unfalltod seiner kleinen Tochter – und das ist inmitten der Voyeurs-Industrie gar nicht banal. Der „Leiter des Fortgangs“ entpuppt sich als Nachmittagstalkshow-Zampano: Zeit totschlagen von Freaks für Freaks. Anne Lebinsky wandert als „dicke Frau“ und obskurer Forscher Rafinesque traumsicher auf dem schmalen Grat von Comedy-Narzissmus und purer Verzweiflung. Auch der Selbstmörder Heinrich von Kleist (Alexander von Säbel) taucht auf und weigert sich beharrlich, in die Aufnahmemaschine zu sprechen. Kleist hieß bekanntlich mit Vornamen Bernd und stotterte, macht aber nichts, man hat ihn trotzdem gern. Immer mehr entpuppt sich der seltsame Reigen als ein Rasen der Untoten im geschlossenen Raum, wie es Sartre mit „Geschlossene Gesellschaft“ beschrieb.

Das Baby der beiden geklonten Beckett-Clowns ist schließlich da – ein „Embryo-Gott“, eine Monstranz, das Böse schlechthin? Das hier ist nicht Polanskis „Rosemaries Baby“, aber es kommt ihm auf herrlichabgründige Weise sehr nah, auch dank einer hinreißenden Gina Markowitsch, die hier jener schrill-rücksichtslose Todesengel ist, der gar zu gern – und oft voreilig – sein „Komm großer Wind …“ anstimmt. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2018/01/35904/komplett/