Gespräch

Was macht das Theater, Christoph Marthaler?

von und

Christoph Marthaler, am 14. September erhalten Sie in Oslo den Internationalen Ibsen-Preis. Glückwunsch! Sie haben allerdings nie einen Ibsen inszeniert – gibt es andere Beziehungen zum Werk des Norwegers? Vielleicht das Problem mit der Heimat?
Ich würde es so beantworten: Ich kann mich noch darauf freuen, eines Tages ein Stück von Ibsen zu inszenieren. Es ist doch schön, wenn man Dinge noch vor sich hat. Er war bei uns häufig im Gespräch, und ich bin fast sicher, dass es eines Tages geschehen wird. Ibsens Thematiken haben mich immer interessiert, und wahrscheinlich kommt es mir deshalb auch so vor, als wären viele seiner Gedanken bereits in Inszenierungen von mir eingeflossen – ganz inoffiziell. Mit Ibsen ist es diesbezüglich ein bisschen wie mit Jon Fosse. Mit ihm habe ich auf Initiative von Stefanie Carp mal drei Tage zusammen in Zürich verbracht. Wir sollten über eine mögliche Zusammenarbeit nachdenken, haben uns aber gleich nach der Begrüßung die klare Auflage erteilt, keine Minute lang über Theater zu sprechen. So verlebten wir drei sehr schöne Tage, haben viele Würste gegessen, auch einige Getränke zu uns genommen und eine wirklich gute Zeit gehabt. Ein Stück von Fosse habe ich bis heute nicht inszeniert, auch dies liegt noch vor mir.

Foto: Björn Jensen
Foto: Björn Jensen

Sie werden als innovativer Regisseur ausgezeichnet, dessen originelle Kunst europaweit einflussreich war und ist. Nehmen Sie diese stilistische Wirkung wahr?
Ich konzentriere mich sehr auf mein eigenes Theater und bin äußerst selten als Zuschauer vorzufinden. Ich gehe viel lieber ins Konzert oder schaue mir gleich zweimal dieselbe Produktion von Alain Platel an. Wenn Schauspieler einen Text „spielen“, fällt es mir sehr schwer, diesem Vorgang zu folgen. Das klingt paradox, ist aber so. Mich interessieren die Menschen, so wie sie sind. Ich habe in meinen Inszenierungen immer versucht, Musik, Bewegung und Text so voneinander zu trennen, dass tatsächliche Zustände kenntlich werden: Zustände des Gesangs, Zustände der Bewegung, Zustände der Sprache oder des Schweigens. Auf diese Weise geht es für mich viel mehr um die Menschen selbst, die dann allerdings oft auch sehr allein sind mit ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Dies einmal an einem Stück von Ibsen zu erproben wäre wirklich interessant! Wenn ich mitbekomme, dass mein Theater andere, auch junge Menschen inspiriert, freut mich das sehr. So wie mich damals sehr beschäftigt hat, dass in Zeiten unglaublicher Beschleunigung die Menschen immer wieder in „Murx“, aber auch in den Hamburger „Wurzelfaust“ gegangen sind. Anscheinend gab es eine große Sehnsucht nach gegenteiligen Geschwindigkeiten.

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