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Nomen est omen?

Sönke Wortmanns Verfilmung des französischen Theaterstücks „Der Vorname“ verliert sich in platten Klischees

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In einer Zeit, in der Rechtsextreme auf die Straße gehen und den Hitlergruß zeigen, scheint Sönke Wortmanns neuer Film „Der Vorname“, ein Remake des französischen Geheimtipps „Le Prénom“, genau zum richtigen Zeitpunkt über die Leinwände zu flimmern. Darf man sein Kind Adolf nennen? Oder anders gefragt: Ist der Name Adolf ein Zeichen gegen oder für den Nationalsozialismus? Und wer mythisiert Hitler eigentlich? Die furchtsamen Verdränger, die beim Aussprechen des bloßen Namens zusammenzucken und Hitler zu einer „Ikone des Bösen“ erheben, wie Wortmanns Filmfigur Thomas (Florian David Fitz) es bezeichnet, oder rechte Sympathisanten, die den Namen gar nicht laut genug herausbrüllen können?

Hauptsache an der frischen Luft – Iris Berben in „Der Vorname“. Foto Constantin Film
Hauptsache an der frischen Luft – Iris Berben in „Der Vorname“. Foto Constantin Film

Um diese Fragen kreist das französische Salonstück von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière, das 2010 in Paris zur Uraufführung kam und 2012 verfilmt wurde. Irgendwo zwischen gesellschaftskritischer Komödie, politischem Stimmungsbild und Familiendrama oszillierend, erinnert es in seiner Anlage stark an Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ oder „Geächtet“ von Ayad Akhtar. Leider fehlt der deutschen Verfilmung die Leichtigkeit, mit der das französische Pendant durch den Abend führt. Während Vincent (in der deutschen Fassung Thomas) kokett und mit Charme rekapituliert, wie die Liebe zu seiner Frau Anna bei Gesprächen über den romantischen Helden Adolphe des gleichnamigen Romans von Benjamin Constant begann, verzichtet Wortmann getrost auf den pseudointellektuellen Kitsch der Bildungsbürgerelite und begibt sich von vornherein auf politisches Terrain. Adolf solle sein Erstgeborener heißen, ohne „ph“, ohne Akzent, gibt Thomas bei einem Treffen unter Freunden bekannt. „Wie Adolf Hitler?“, bleibt Stephan (Christoph Maria Herbst) das Essen fast im Hals stecken. Exakt so. Namenswahl als politisches Statement, das den negativen Beigeschmack konsequent zu eliminieren versucht.

Wo es in der französischen Verfilmung wirkt, als lasse sich der Schauspieler Patrick Bruel in seiner Rolle als zukünftiger Vater zu einem Dummejungenstreich hinreißen, der völlig aus dem Ruder läuft, fährt das deutsche Gegenstück andere Geschütze auf: Florian David Fitz lockt das Gegenüber durch seine provokante Coolness gekonnt aus der Reserve, als fordere er den Wutausbruch seines Schwagers Stephan geradezu diabolisch heraus.

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