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Gespräch

Was macht das Theater, Sebastian Schwarz?

von und

Sebastian Schwarz, Sie sind im thüringischen Greiz aufgewachsen. Wie sind Sie mit der Politik in Berührung gekommen?
Mein Elternhaus war immer politisch. Mit meinen Eltern führe ich bis heute politische Diskussionen. Sie sind sehr „rot“, haben also immer Sozialdemokraten oder Linke gewählt. Sie halten das auch weiterhin hoch, obwohl in ihrem Wohnort in der Nähe von Greiz viele Menschen inzwischen die AfD wählen. Als der Greizer Theaterherbst abgeschafft werden sollte, hat sich die SPD für den Erhalt eingesetzt. Das war für mich wichtig, auch weil ich dort mit Theater angefangen habe. Ich habe Schauspielerei immer politisch begriffen. Das meint, dass der Schauspieler ein politisch denkender Mensch sein soll. In dieser Haltung haben mich Thomas Ostermeier und auch der Kollege Josef Bierbichler bestätigt. Das bedeutet auch, eine Offenheit für Fragen zu haben, die vielleicht nicht das Theater oder die, die es machen oder schauen, direkt betreffen. Ich habe immer auch Kontakt zu den Leuten gehalten, die ich aus Greiz kenne und die dort einen Strukturwandel erleben, von dem in Berlin wenig zu sehen oder zu spüren ist. Der ländliche Raum wird bei der urbanen Themensetzung in der Politik oft vergessen, das Thema liegt mir sehr am Herzen.

Foto: Franziska Sinn
Foto: Franziska Sinn

Sie sind als 18-Jähriger in die SPD eingetreten, haben sich auch in Wahlkämpfen engagiert. Wie ist Ihr Verhältnis zur Sozialdemokratie?

Ich bin zunächst zu den Jusos gegangen. Die Gründe lagen in der lokalen Politik, dem Engagement für den Theaterherbst und gegen Nazis. Es gab Dorffeste, bei dem um 22 Uhr die Glatzen kamen – und das wusste man auch. Die Jusos setzten dem etwas entgegen. Als ich nach der Zeit auf der Schauspielschule in Berlin durch ein paar größere Rollen im Theater und im Film bekannter wurde, kamen SPD-Politiker wie Peer Steinbrück und Heike Taubert auf mich zu, für die ich mich eingesetzt habe. Ich habe allerdings damals schon gemerkt, dass ich mich für vieles entschuldigen muss, was die Partei gemacht hat. Der Sozialabbau und die immensen Waffenexporte waren für mich nicht vereinbar mit den Idealen der sozialen Gerechtigkeit und des friedlichen Zusammenlebens. Deswegen bin ich aus der SPD ausgetreten und engagiere mich nun bei „Aufstehen“. Ich finde die Idee, Linke und Progressive zusammenzubringen, für eine linke Idee zu werben und sich gegen die Rechte zu positionieren, richtig. Über die Einzelheiten des Programms wird auch künftig noch zu streiten sein, aber der Impuls ist wichtig.

Sie haben in Ostermeiers Inszenierung von „Professor Bernhardi“ Doktor Ebenwald gespielt, den gewieften Gegenspieler Bernhardis, der aggressiven Aufstiegswillen mit rechter Rhetorik verbindet. Ist das eine Figur, die Ihnen geholfen hat, den Erfolg der politischen Rechten zurzeit zu verstehen?
Ebenwald ist kein Überzeugter, sondern ein Karrierist. Das macht ihn nicht weniger gefährlich. Man weiß überhaupt nicht, was schlimmer ist: die überzeugten Nazis oder die rücksichtslosen Karrieristen. Obwohl sie es behaupten, setzen sich weder die einen noch die anderen für die Belange der Arbeiterklasse ein, im Gegenteil. Schafft man es nicht, jemanden mit einem Hinweis auf die dort verbreiteten Ressentiments zu überzeugen, so doch vielleicht mit einem Hinweis auf die wirtschaftspolitische Dimension. Jene, die heute AfD wählen, wählen ihren eigenen Schlächter. Das neoliberale Programm verschärft die Lage der arbeitenden Klasse, man kann es in Österreich am Beispiel der Sozialkürzungen und der Einführung der Sechzigstundenwoche sehen.

Was muss eine linke Bewegung machen, und wo muss sie zu finden sein?
Ich lese gerade von Sebastian Haffner „Die deutsche Revolution 1918/19“, ein Buch, das mir sehr gut gefällt. Die SPD unter Ebert verbündet sich mit den monarchischen Kräften, und dagegen gehen Hunderttausende auf die Straße, die USPD wird gegründet und dann auch die KPD unter Liebknecht und Luxemburg. Auch damals gab es schon den Verrat der SPD, die sich an die Gegenrevolution verkauft hat. Eine Bewegung muss sich auch auf der Straße zeigen und vor Ort sein. Man muss mit den Leuten diskutieren. Ich glaube an die Sprache und das Argument. Ich schätze deswegen die Schaubühne, weil dort Stücke gezeigt werden, die wie „Professor Bernhardi“ eine Situation sehr deutlich zeigen. Man sieht die Tendenz einer Gesellschaft in all ihren Intrigen und Niedrigkeiten. Ein Theater ist ja kein Umerziehungsort, sondern kann nur einen Beitrag zur Debatte leisten. In Ödön von Horváths „Italienische Nacht“ spiele ich die Hauptfigur Martin, die sich von der erstarrten Sozialdemokratie löst. Genau das, was ich gerade gemacht habe. Und so trifft sich die Bühne mit der Wirklichkeit. //

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