Neustarts

Utopien im Abendlicht

Bettina Jahnke, die neue Intendantin des Hans Otto Theaters Potsdam, stellt sich lustvoll dem ambivalenten Erbe der Stadt

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Ein ICE rast quer durch Europa, die Passagiere aber bemerken erst nach und nach, dass der Zug jeden vorgesehenen Halt überfährt. Die Notbremse funktioniert nicht, heilloses Erschrecken folgt. Das ist eines der Leitmotive in Thomas Köcks „paradies spielen (abendland. ein abgesang)“, das zu den Eröffnungspremieren des Hans Otto Theaters unter der neuen Intendanz von Bettina Jahnke gehört. Moritz Peters lässt diese kompakte Textvorlage, in der „Schnee, Eis, Erinnerungen“ durcheinanderwirbeln, in einer aus bläulich schimmerndem Licht herauswachsenden Szenerie (Bühne Nehle Balkhausen) spielen. Ein Graben oder ein Grab?

Es frappiert die unerhörte Wucht, mit der ein Chor, aus dem immer mal wieder ein Sprecher hervortritt, um dann doch erneut von ihm verschluckt zu werden, tief beunruhigende Sätze herausschleudert: „Europa im Spätherbst, wo die Blätter übers Gleis wehen und Lieder erklingen, jenseits vom Menschen.“

Haltung zeigen – Bettina Jahnke eröffnet ihre Intendanz unter anderem mit „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Regie von Malte Kreutzfeldt. Foto Thomas M. JaukHaltung zeigen – Bettina Jahnke eröffnet ihre Intendanz unter anderem mit „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Regie von Malte Kreutzfeldt. Foto Thomas M. Jauk

Das Gleisbett verwandelt sich in ein Krankenhausbett, wo jemand mit schweren Verbrennungen um sein Leben ringt – bloß ein „Phantomschmerz“? Überhitzt und unterkühlt zugleich seien sie hier alle, die „zu tief ins Sediment geschaut“ haben. Erinnerungsprosa, die aus der Zukunft auf uns zurückgeworfen scheint, uns unter lauter Traumschutt begräbt. Eine großartige Inszenierung des jungen Regisseurs Moritz Peters.

Aber was ist das für ein Bild vom sich verwandelnden „Gleisbett“, dem nicht zu stoppenden Zug? Eine Apokalypsemetapher zweifellos, schon reichlich vom Horrorfilmgenre ausgebeutet. Untergänge sind für unbeteiligte Zuschauer zweifellos unterhaltsam. Also zugleich eine Apokalypsepersiflage? Dass man es nicht sofort weiß, aber doch wissen möchte, macht den Reiz dieses Stücks aus, für das Köck den Mülheimer Dramatikerpreis erhielt. Denn es verbraucht sich nicht einfach in variierten Schockeffekten, sondern versetzt uns aus der Position der Unbeteiligten in die der Beteiligten – und das verändert die Perspektive grundsätzlich. In welche Zukunft führt unser Weg?

Bettina Jahnke besteht auf derart grundsätzlichen Fragen. Sie sind es, die dem Theater erst jenes Gewicht geben, das seine Existenz rechtfertigt. Sie sitzt mir in ihrem Büro gegenüber, unter dem rotgeschwungenen, irgendwie asiatisch wirkenden Doppel-Blütenblätterdach des Hauses, das nun nicht mehr Neues Theater, sondern Großes Haus heißt. So erkennt man also das Altern an bis hinein in die Architektur. Neu sind wir nun einmal nicht mehr. Im Muster ihres kurzärmlig grünen Kleides kehren die roten Blüten des Daches wieder. Solcherart Korrespondenzen muss man erst einmal hinkriegen. Auf ihrem rechten Oberarm zeigt sich ein Tattoo. Also doch kein gänzlicher Abschied vom jugendlichen Lebensgefühl?

Heute beginnt das zweite Eröffnungswochenende des Hans Otto Theaters, und pünktlich dazu ist der Spätsommer noch einmal zurückgekehrt. Die 55-Jährige verweigert sich der Gesetztheit der Repräsentanten, strahlt immer noch etwas Mädchenhaftes aus, also etwas ebenso Unbefangenes wie Ungestümes. Gleich muss sie zur Premiere des Kinderstücks „Haus Blaues Wunder“ von Ingeborg von Zadow in der Reithalle. Ein Stück über die Macht der Fantasie – und ihre Berge versetzende Kraft. Kindertheater ist für sie nichts Marginales, auch da geht es um die Zukunft.

Ostalgie wäre falsch, Vergessen ebenso

Sprechen wir über ihren Weg nach Potsdam, der – nach zehn Jahren regieführender Intendanz am Rheinischen Landestheater Neuss – für die gebürtige Wismarerin auch eine Rückkehr in den Osten ist. Obwohl der Osten natürlich auch anders geworden ist, aber immer noch mit einer Geschichte beladen, die der Westen so nicht kennt – und auch nicht als eigene anerkennt. Ein schwieriges Thema, das man nicht unter Niveau behandeln darf, dann wird es banal. Ostalgie wäre ganz falsch, aber Vergessen ebenso.

Es geht um Identitäten, um Erfahrungen, die der Resonanzräume bedürfen – vor allem, so Jahnke, geht es um Haltung. So lautet auch das Spielzeitmotto. Für mich klingt darin immer auch eine Nötigung zum Bekenntnis mit, so etwa wie der Oktoberklub es einst forderte: „Sag mir, wo du stehst und welchen Weg du gehst!“ Bekenntnisverweigerung ist vielleicht auch eine Haltung, die aus der DDR kommt, oder? Jahnke lacht ihr schönes mädchenhaftes Lachen, an den Oktoberklub habe sie dabei nun gerade nicht gedacht. Mit Haltung meine sie etwas anderes: Wer sich auf die Bühne stellt, macht sich kenntlich. Mit seiner eigenen Biografie, mit all ihren Widersprüchen. Denn Übereinstimmung lebt vom Unterschied. Wenn Kunst die Demokratie befördern kann, dann wohl so. Bettina Jahnke wirbt um ihr Motto, aber immer auf eine sehr persönliche und direkte Weise. Es ist immer ein Ausdruck eigener Erfahrung.

Und was ist im Osten dabei anders als im Westen, den sie ja nun auch gut kennt? Die Brüche!, ruft sie. Die Endzeit der DDR mit der Gemengelage von Ideal und Ideologie, von Illusion und Lüge. Und trotzdem die Utopien, samt Anti-Utopien, die auch dem Theater ihre Kraft gaben. Die letzten zehn Jahre in Neuss waren anregend und lehrreich, aber doch anders als der Osten, eben wegen des ungebrochenen Selbstverständnisses der Menschen dort, wo das Heute die Verlängerung des Gestern zu sein scheint. Obwohl auch das Ruhrgebiet vor folgenreichen Umbrüchen steht, war, was 1989 im Osten passierte, eine Zäsur.

Darum hat sie auch ihre erste Spielzeit am HOT (so die neue Abkürzung für Hans Otto Theater) mit der Bühnenadaption von Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ eröffnet. In diesem Drei-Generationen-Roman einer kommunistischen Familie, der eine Zerfallsgeschichte zeigt, spiegelt sich auch die Erfahrung jener Generation, die Mitte der sechziger Jahre in der DDR geboren wurde. Nicht mehr wirklich in der DDR verankert, verabschiedete sie sich innerlich bereits vor der Wende von ihr – aber im Westen ist sie nie richtig angekommen. Man gehört nur unter Vorbehalt dazu, bleibt im Grunde Außenseiter. Da sind wir uns sofort einig.

Wie kommt sie, 1963 in Wismar geboren, eigentlich zum Theater? Mein Vater, sagt Bettina Jahnke, war Hochschullehrer an der Universität Rostock – damals noch Wilhelm-Pieck-Universität –, nicht nur ein Marx-, auch ein Brecht-Kenner, den es zum Theater zog. Aufgewachsen ist sie im Rostocker Neubauviertel Lütten Klein. Aber da am Volkstheater Rostock der weltanschaulich betonfeste Hanns Anselm Perten herrschte, war Schwerin das Ziel, wo Christoph Schroth nicht nur mit seinem legendären „Faust“ von 1979, auch mit den „Erkundungen“ für einen heute schwer erklärbaren neuen Geist sorgte. Aufbruch gewiss, aber in etwas Eigenes, das über das hinausging, was dieses untergehende Land zu denken vermochte. Die sich siegreich dünkende Bundesrepublik, die sich durch diesen Untergang in ihrem Selbstbild fatal bestätigt sah, dann ebenso wenig.

Haben Sie das damals in Schwerin gesehen?, fragt Jahnke. Natürlich, antworte ich, Schwerin war doch für jeden, den eine intellektuelle Unruhe trieb, ein Faszinosum. Utopia, melancholisch grundiert. Dort wurde dann ihr Vater Schroths Dramaturg – und sie war immer dicht dran am Theater und auch an Schroth, der einmal ihr Mentor werden sollte. Denn nachdem sie an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig studiert hatte und in der Wendezeit mit dem Poetischen Theater, dem Amateurtheater an der Uni Leipzig, den sich kurzzeitig öffnenden Freiraum genutzt hatte, assistierte sie bei ihm und begann schließlich auch, Regie zu führen. Schroth betrieb von Cottbus aus seine „Zonenrandermutigungen“. 2005 wurde sie dort Oberspielleiterin.

Eine aus Ost-West-Quellen gespeiste Stadt

Welches Theater kann man für eine Stadt wie Potsdam heute machen, eine Stadt, die Landeshauptstadt und Vorstadt von Berlin gleichermaßen ist? Das Entscheidende, so Bettina Jahnke, sei, dass es keine Stadt der Übriggebliebenen ist. Wer heute hier lebt, der hat sich bewusst entschieden, hier zu leben. Es ist eine aus Ost-West-Quellen gespeiste Stadt, in der viel Neues entsteht – aber die eben auch von ihren Traditionen lebt. Und das endet natürlich nicht bei der DDR, sondern geht zurück bis nach Preußen. Ein ambivalentes Erbe voller Brüche, das anstrengend ist, wenn man es ernst nimmt.

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wird zur Jahrhundertgeschichte über Exil und Heimkehr in ein fremdes Land. Über die Macht der Lüge und die Ablösung von militanten Ideologien durch bequemen Opportunismus. Nein, die DDR als das „andere Deutschland“ war letztlich kein besseres Deutschland – den moralischen Anfangskredit, von den Gegnern der Nazi-Diktatur gegründet worden zu sein, verspielte man schnell. Die DDR trat aus dem Schatten des Stalinismus erst im Herbst 1989 heraus, zu spät. Auch darum wendet sich Alexander Umnitzer schließlich von dem Land, das die Großeltern und Eltern aufbauten, voller Ekel ab und flüchtet in den Westen. Das bittere Ende eines Experiments – aber auch das Ende aller gesellschaftlichen Experimente, wie Vereinigungstrunkene meinten?

Diese Inszenierung lebt von kraftvollen Bildern. Alexander (überzeugend in seiner unbehausten Widerständigkeit: Henning Strübbe) sitzt, nein kauert allein in einem schäbigen Hotelzimmer in Mexiko. Er hat Krebs und fürchtet, bald zu sterben. Dennoch ist er in das Land gefahren, wo die Großeltern im Exil waren, das Land jener Legenden, die Großmutter Charlotte erzählte, das Land, das ihn nicht heilen wird, weil er hier ebenso wenig hingehört wie nach Deutschland Ost oder West. Diese Heimatlosigkeit, die eine auf den zweiten Blick ist, wird für Jahnke zu einem Zentralmotiv ihrer Inszenierung über einen Generationenkampf im Schatten der Geschichte. Die Bühne von Juan León: eine Erinnerung an das vergangene Industriezeitalter, gestellartig-schrottig auf der Rückseite, die die Drehbühne zeigt, wenn die Wohnzimmerfassade der Repräsentanten des Staates niemand mehr erträgt. Am interessantesten in der Familie ist zweifellos Kurt Umnitzer (eindrucksvoll das Paradox der stillen Verweigerung in der Anpassung verkörpernd: René Schwittay). Das Vorbild für ihn war Eugen Ruges Vater Wolfgang Ruge. Ein Historiker, der nach der Wende das wichtige Buch „Lenin. Vorgänger Stalins“ schrieb (erschienen bei Matthes & Seitz), der die Erfahrung der Lagerhaft in Sibirien mit sich trug, ohne Illusionen die Geschichte der kommunistischen Bewegung samt ihren Verbrechen erforschte – und dennoch die Loyalität dem SED-Staat gegenüber nie ganz aufkündigte.

Da sind wir wieder bei dieser Mittelgeneration der DDR-Intellektuellen, die ihre eigenen starrsinnigen Väter verachtete, aber wiederum selbst ihre rebellischen Kinder nicht verstand. Das sind wir, die Generation der heute über Fünfzigjährigen. Über ihren Vater sagt Jahnke, er sei 1995 gestorben, „weil er keine Lebenskraft mehr hatte, gegen den Krebs zu kämpfen“.

Eine wichtige Facette im Suchen nach Haltungen ist für sie auch Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ (Regie Malte Kreutzfeldt) mit der Musik von Paul Dessau, live von einer Jazzband auf der Bühne gespielt. Die Parabel vom guten Menschen. Shen Te (Alina Wolff) muss sich, weil ihr Mitleid mit noch Ärmeren von diesen über alle Maßen ausgenutzt wird, einen Doppelgänger erfinden, der als ihr Vetter ebenso hart und böse ihre Interessen wahrnimmt, wie sie selbst barmherzig und gut ist. Erst kommt nun mal das Fressen, dann die Moral, so Brecht an anderer Stelle. Gute Menschen in einer schlechten Welt sind laut Brecht zum Untergang verdammt. Leider verfehlt diese Inszenierung den kalt-phänomenologischen Blick auf die Figurenversuchsanordnung, wirkt zu gefühlsbeladen und am Ende sentimental.

Wer ihr sehr am Herzen liegt, sagt die Intendantin, sei Hans Otto, der Schauspieler, der zum Namensgeber des Theaters wurde. Ein Kommunist, der – anders als Gustaf Gründgens oder Heinrich George – seine Haltung zum Nationalsozialismus zeigte, was ihn das Leben kostete. Und dabei war er nicht nur ein begnadeter Schauspieler, sondern auch ein Lebemann – an ihn will das Theater jetzt wieder stärker erinnern, die erste Matinee ist schon geplant.

Bettina Jahnke blickt auf die Uhr – in zwei Minuten muss sie vor der Reithalle zur Eröffnung des Kindertheaters sprechen. Und wenn man jemanden nicht warten lassen sollte, dann sind es Kinder. Also läuft sie los, so leichtfüßig, wie es nur geübte Jogger vermögen, das geblümte Kleid weht im Wind. Ich gehe langsam hinterher – und als ich ankomme, höre ich sie die Sätze zu den Kindern sprechen: „Ihr seid die Erfinder des Spiels, wir Erwachsenen tun immer nur so.“ Aber mehr als Verstellung ist doch wohl in allem Spiel, das von der Sehnsucht nach Verwandlung lebt. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2018/11/36811/komplett/