Magazin

Sedimente aus dem Sound der Stadt

Das BAM! – Berliner Festival für aktuelles Musiktheater zeigt zum ersten Mal einen Überblick über die florierende freie Szene jenseits der großen Opernhäuser

von

Am Koppenplatz fährt der Bus nach Nirgendwo. Die Räder sind aufgebockt, die Scheiben mit Brettern verdeckt. Auch im Inneren erwartet die Fahrgäste ein Ambiente, das, mit Glitzerfolien und Diskokugeln, wenig zu tun hat mit gewöhnlichem Linienverkehr. Was hier beginnt, ist ein Stillstands-Trip zu klassisch durchsetzten Elektro-Sounds. Alba Gentili-Tedeschi an den Keyboards und die Flötistin Shin-Joo Morgantini (im Katzenlook) schaffen eine großstadtkühle musikalische Spur. Die Sopranistin Gina May Walter moderiert mit kristallenen Koloraturen den ersten Halt dieser Stationenreise an: Wut. Folgen werden Leugnen, Depression, Akzeptanz. Um Liebeskummer- und Trauerbewältigung geht es. Ein durchaus dringliches Thema in Berlin.

Im Bus, in der Kneipe und auf dem Rasen – Das BAM! Festival zeigt, wie vielfältig Musiktheater sein kann, hier „Land (Stadt Fluss)“ von Daniel Kötter und Hannes Seidl. Foto Marcus Lieberenz
Im Bus, in der Kneipe und auf dem Rasen – Das BAM! Festival zeigt, wie vielfältig Musiktheater sein kann, hier „Land (Stadt Fluss)“ von Daniel Kötter und Hannes Seidl. Foto Marcus Lieberenz

„Lonely Hearts Bus Tour“ heißt diese Arbeit der Berliner Gruppe Opera Lab. Das Libretto stammt von Evan Gardner, die Inszenierung besorgt Michael Höppner, die musikalische Leitung hat Antoine Daurat. Die Tour ist Teil des BAM!, kurz und knallig für Berliner Festival für aktuelles Musiktheater. Das findet zum ersten Mal statt und will, ähnlich wie das Performing Arts Festival im Bereich Theater und Tanz, einen Überblick über die florierende freie Szene der Stadt geben. Veranstaltet wird es vom Verein Zeitgenössisches Musiktheater Berlin, seit drei Jahren eine Art Dachverband der Szene.

An vier Tagen und dreizehn Veranstaltungsorten in Mitte sind über dreißig verschiedene Produktionen zu erleben, vierzehn davon Uraufführungen. Die Spanne reicht bei den Locations vom Kunst- und Kulturzentrum Acud über die Sophiensaele oder den Club der polnischen Versager zu verschiedenen Orten im öffentlichen Raum. Beteiligt sind etablierte sowie weniger bekannte Gruppen und Künstler wie das Solistenensemble Kaleidoskop, Maulwerker, gamut inc oder Katharina Haverich und Christopher Hotti Böhm. Letztere beschäftigen sich in „He Wolf / She Man“ im Keller des Acker Stadt Palasts mit (Geschlechter-)Metamorphosen und verdrängten Trieben, wohingegen Johannes Müller und Philine Rinnert im Werkhaus Heckmann-Höfe Puccinis „Madama Butterfly“ unter Gesichtspunkten der Critical Whiteness zerlegen.

Das Ziel, Vielfalt abzubilden und sichtbar zu machen, löst das BAM! definitiv ein. Divers sind freilich auch die künstlerischen Ergebnisse. Das beweist etwa die an den Sophiensaelen angedockte Gruppe Hauen und Stechen, die anlässlich des Festivals den dritten Teil einer überbordenden „Fidelio“-Dekonstruktion zeigt. Das Projekt, frei nach den Deutschlandfarben in „Schwarz“, „Rotz“, „Gold“ gegliedert und auf vier Folgen angelegt, entdeckt in Beethovens (einziger) Revoluzzer-Oper dem Untertitel gemäß einen „deutschen Albtraum“. Und setzt die Geschichte um den gefangenen Freiheitskämpfer Florestan und seine undercover weiterkämpfende Gattin in ein vernebeltes Setting mit Videoscreen und nazimäßigem Banner (auf dem die von Beethovens Librettisten beschworene „Häuslichkeit“ mit SS-Runen geschrieben wird).

In der Regie von Franziska Kronfoth und Julia Lwowski entfaltet sich „Gold“ als ziemlich konfuses Musikspiel. Wobei man allerdings dem Hauen-und-Stechen-Team eine mitreißende Energie – und szenische Fantasie – nicht absprechen kann.

Ambivalent hinterlässt einen auch das Projekt „Dorfkneipe International“ des Kollektivs glanz&krawall, das in der Z-Bar in Mitte stattfindet und mit einer nostalgischen Verklärung spielt, vor der gerade in Berlin auch eine junge Generation nicht gefeit ist. Ach, die wilden goldenen Neunziger, als der Schnaps noch in Strömen floss und alle Läden einen ungentrifizierten Coolnessfaktor besaßen! Das Kollektiv um Regisseurin Marielle Sterra zieht „Dorfkneipe International“ als Requiem für eine tote Kneipe auf. Inklusive Beerdigungsredner und „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“-Gesang. Schade nur, dass einem die ironische Distanz dabei ebenso wie der Wodka auf dem Tablett gereicht wird. Da unterscheidet sich die freie musikalische oft nicht von der freien performativen Szene: Die Projekte haben eine Tendenz, sich in hermetischer Selbstgenügsamkeit einzuigeln. Das gilt auch für die „Lonely Hearts Bus Tour“, deren inhaltliche Substanz keinen Einzelfahrschein füllen würde.

Ausgerechnet dort, wo die Musik vermeintlich eine nachgeordnete Rolle spielt, gelangt das BAM! allerdings zu überraschender Blüte. Großartig ist die Arbeit „Berlin Rosenthaler Platz“ von Kirsten Reese und David Wagner, die als Audiowalk rund um den titelgebenden Verkehrsknotenpunkt führt. Bis auf wenige gesangliche Intermezzi (von Sopranistin Sirje Viise und Countertenor Daniel Gloger auf einem Balkon über dem Café St. Oberholz) findet die Tour ihre Partitur in den Sedimenten aus Sound, die sich im Laufe der Geschichte abgelagert haben. Reese und Wagner entdecken sie als Gegenwartsecho neu, teils als Tondokumente aus Nazizeit und DDR-Diktatur, teils als eingesprochene Erzählung. Sie lauschen in die Hinterhöfe, lassen hundert Jahre alte Straßenschilder mit hebräischer Schrift aufleuchten und blicken durch die Fassaden von heute auf eine versunkene Stadt. Wie „aktuell“ das ist, spielt keine Rolle. Es ist auf jeden Fall Musiktheater am Puls der Zeit. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2018/11/36836/komplett/